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Ran ans Leder: Nicht alle Frauen ließen sich vom Verbot des DFB vom Fußballspielen abhalten, wie diese Aufnahme vom April 1970 zeigt. Imago Images

Frauenfußball

Kicken und Klischees

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Erst vor 50 Jahren hob der Deutsche Fußball-Bund das Verbot des Frauenfußballs auf. Die Anfangszeit war schwierig, doch dann jagten die deutschen Spielerinnen von Titel zu Titel. Nach Jahren der Stagnation steht der Frauenfußball nun an einer wichtigen Weggabelung.

Fußball ist Männersache. Diese Weisheit hatte sich auch Sepp Herberger zu eigen gemacht. „Nach meiner Meinung ist der Fußballsport keine Sportart, die für Damen geeignet ist“, stellte der Weltmeistertrainer von 1954 eine Überzeugung heraus, die im Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Nachkriegszeit weit verbreitet war. Einstimmig erging in dem stockkonservativen Männerbund am 30. Juli 1955 der Beschluss, den Frauen das Fußballspielen zu untersagen. Die Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“

Es brauchte anderthalb Jahrzehnte, um die Geschlechterrollen beim Fußball neu zu definieren. Am 31. Oktober 1970 beschloss der DFB-Bundestag in Travemünde bei zwei Gegenstimmen, das Frauenfußballverbot aufzuheben. Aus einer inneren Überzeugung geschah das freilich nicht. In mehreren Regionen jagten bereits vorher Frauen dem runden Leder hinterher. Bis 1970 sind es bereits 60 000 Spielerinnen, die sich über das Verbot hinwegsetzen. Die „Bild“-Zeitung berichtet von einem „Fußball-Sturmlauf auf Stöckelschuhen“.

An mehreren Orten gibt es Pläne, einen eigenen Verband zu gründen. „Dann hat der DFB vorsichtshalber beschlossen, die Frauen mit unter sein Dach zu nehmen, bevor die sich selbständig machen“, erinnert sich Monika Koch-Emsermann, die als Spielerin, Trainerin und Abteilungsleiterin beim FSV Frankfurt zur Vorkämpferin aufstieg. In dieser Zeit kam in Hamburg auch Hannelore Ratzeburg als Seiteneinsteigerin zum Fußball. „Ich habe erst mit 19 angefangen. Es sah aus wie bei den F-Kindern. Der Ball geht dahin, wir sind dahin gelaufen. Kein Wunder, dass die Männer sich am Spielfeldrand die Bäuche hielten“, erinnert sich die heutige DFB-Vizepräsidentin. Der Verband zeigte anfangs wenig Interesse an einer bundesweiten Entwicklung des weiblichen Spielbetriebs. Bis zum ersten Länderspiel dauerte es bis 1982.

Der früh in eine Führungsrolle geschlüpfte TuS Wörrstadt entwarf 1973 die Idee, auf Vereinsebene einen „Deutschlandpokal“ zu organisieren. DFB-Chef Hermann Neuberger stellte sich quer, doch das Turnier erwies sich als voller Erfolg. Ein Jahr später richtete der Verband selbst das erste Endspiel um die deutsche Meisterschaft aus. Vor fast 4000 Zuschauern am Mainzer Bruchweg setzte sich TuS Wörrstadt gegen DJK Eintracht Erle (4:0) durch.

Premiere: Die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft 1982. In der hinteren Reihe rechts: Kapitänin Anne Trabant-Harbach.

Bärbel Wohllebens Treffer zum 3:0 wurde von den Zuschauern der ARD-Sportschau zum ersten Tor des Monats gewählt, das eine Frau erzielt. Bei der Seitenwahl hatte sie empfohlen, für ein sehenswertes Finale zu sorgen: „Es ist einiges an Prominenz da. Die Fernsehleute bringen sonst wieder Pornofilme oder sonstwas – und keinen Damenfußball.“ Sie bekam danach im ARD-Studio die Frage gestellt: „Wie machen Sie das mit Kopfball, wenn die Haare frisch onduliert sind.“ Die Kameras, erinnert sich die 76-Jährige, waren in dieser Zeit oft auf Busen oder Po gerichtet. Erstaunt hält ein Fernsehmann in der ARD-Dokumentation „Der größte Gegner ist das Klischee – 50 Jahre Frauenfußball“ fest: „Statt Kinder, Küche, Kirche wird es für Deutschland jetzt öfter heißen: kicken, köpfen, kämpfen.“

Das war genauso unpassend, als Wim Thoelke im März 1970 die ersten ins ZDF-Sportstudio geladenen Fußballerinnen interviewte: „Was sind denn das für Mädchen, die das betreiben und aus welchen Gründen tun sie das?“ Sein Filmbeitrag enthielt massenhaft abschätzige Kommentare: „Junge, Junge, ja die brauchen sich gar nicht aufzuregen, die Zuschauer – die Frauen waschen doch ihre Trikots selber.“ Respektlose Äußerungen kamen oft auch von Bundesliga-Stars. Torjäger Gerd Müller meinte, dass Frauen „lieber kochen statt kicken“ sollen; seine 74er-Weltmeisterkollegen Berti Vogts und Paul Breitner nahmen die unästhetischen Aspekte des „Damenfußballs“ aufs Korn. Aber weder der Vorwurf der „Mannsweiber“ oder „Kampflesben“ noch die ewig gleichen Fragen nach dem Trikottausch schreckten die Frauen und Mädchen auf den Fußballplätzen mehr ab. Bei Diskriminierungen der Männerschar wurde einfach weggehört. Bald hatten sind unter dem DFB-Dach mehr als 300 000 Spielerinnen gesammelt.

Die Erfolge stellten sich angesichts des Zulaufs, abseits der skandinavischen Länder einzigartig in Europa, fast zwangsläufig ein. Bundestrainer Gero Bisanz und seine Nachfolgerin Tina Theune leisteten für die Frauen-Nationalmannschaft Vorbildliches. Erweckungserlebnis sollte die EM 1989 in Deutschland werden: Das Endspiel an der Bremer Brücke in Osnabrück war ausverkauft, das Fernsehen übertrug live. Dass es danach als Prämie das berühmte Kaffeeservice gab, fand die damalige Spielführerin Silvia Neid gar nicht so unpassend: „Wir haben uns gefreut, dass unser Titel anerkannt wurde und wir dafür ein Geschenk bekommen haben.“

Sie beschenkte den deutschen Frauenfußball als Spielerin und Trainerin mit reichlich Silberware: an allen acht EM- und zwei WM-Titeln war die 56-Jährige irgendwie beteiligt. Das Golden Goal von Nia Künzer im WM-Finale 2003 gegen Schweden (1:0), der gehaltene Elfmeter von Nadine Angerer und das gelüftete Trikot von Simone Laudehr im WM-Endspiel 2007 gegen Brasilien (2:0) symbolisierten den deutschen Aufstieg zur Frauenfußball-Supermacht. Die WM 2011 im eigenen Land wurde deshalb mit dem kühnen Seitenhieb beworben: „Dritte Plätze sind was für Männer.“

Doch so weit kam das Ensemble um die schwächelnde Rekordtorjägerin Birgit Prinz gar nicht. Das Aus im Viertelfinale gegen Japan (0:1) bedeutete auch für Silvia Neid einen Tiefpunkt, wofür die Trainerin rückblickend eine schlüssige Erklärung vorbringen kann: „Wir warten total überfordert.“ Zu groß der Druck, zu hoch die Erwartungshaltung. Einen nachhaltigen Nutzen der Heim-WM gab es nicht. Statt der von OK-Chefin Steffi Jones mutig versprochenen „mehreren Tausend“ lag der Besucherschnitt in der Frauen-Bundesliga zuletzt bei knapp 900.

Die Erfolge der Frauen-Nationalmannschaft, die zwar zum Abschied der Gold-Schmiedin Neid noch den Olympiasieg 2016 einsackte, dann aber bei der EM 2017 und WM 2019 nach wiederkehrenden Mustern bereits im Viertelfinale scheiterte, sind inzwischen verblasst. Es fehlt an Vorbildern mit markantem Wiedererkennungswert, wie es die unbeugsame Ikone Prinz („Wir möchten unseren Sport vermarkten, nicht unseren Hintern“) war.

Vor der jüngsten WM in Frankreich traten mit Kapitänin Alexandra Popp vom VfL Wolfsburg, der bei Olympique Lyon verehrten Starspielerin Dzsenifer Marozsan und der inzwischen zum FC Chelsea gewechselten Melanie Leupolz drei der besten deutschen Fußballerinnen auf. Auszug aus dem Intro: „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt.“ Damit war viel über ihren Stellenwert gesagt. Um Gehör zu finden, mussten die selbstbewussten Sportlerinnen noch verkünden: „Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze!“

Die nach der Geburt ihrer Zwillinge am Comeback schuftende Torhüterin Almuth Schult (VfL Wolfsburg) startete mehrere Appelle für mehr Akzeptanz, zuletzt verschaffte sich Mittelfeldspielerin Lina Magull (FC Bayern) mit einer Verbandskritik Gehör: „Ich weiß, dass der DFB sich viel Mühe gibt, dass es innerhalb des DFB aber auch klare Prioritäten für den Männerfußball gibt und dass der Frauenfußball des Öfteren zu kurz kommt“. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg spürt, dass es innerhalb ihres Teams rumort: „Ich kann die Ungeduld mancher Spielerinnen nachvollziehen. Es gibt in England oder Frankreich eine andere mediale Präsenz, eine größere Sichtbarkeit.“ Selbst lange als Macho-Nationen geltende Länder wie Spanien und Italien haben neuerdings über ihre großen Vereine den Frauenfußball für sich entdeckt. Wo neuerdings Real Madrid und Juventus Turin ernst machten, begnügt sich der FC Schalke 04 mit einem Frauen-Team auf unterster Ebene, Borussia Dortmund gibt sich mit seinem 2021 startenden Projekt sogar zehn Jahre Zeit, um vielleicht mal ganz oben anzuklopfen. Dann ist der Zug definitiv abgefahren.

Erweckungserlebnis: Jutta Nardenbach, Petra Damm und Doris Fitschen (von links) bejubeln den EM-Sieg 1989 in Osnabrück.

Auch dem DFB ist der Vorwurf zu machen, in den vergangenen Jahren die Stagnation eher lethargisch begleitet zu haben. Präsident Fritz Keller wollte die Wertigkeit des Frauenfußballs steigern, aber dann kam die Corona-Krise: Die zahlreichen Maßnahmen zum Jubiläum konnten nicht stattfinden: ein den Spielen der Frauen und Mädchen gewidmetes Herbst-Wochenende, das Länderspiel gegen England in einer großen Arena oder der Festakt in der Lübecker Bucht in Erinnerung an besagten Bundestag vor einem halben Jahrhundert. Unter dem Slogan „Früher nicht erlaubt. Heute verboten gut“ sammeln sich nun vor allem digitale Angebote, deren Wirkung schwer abzuschätzen ist.

Fraglich auch, ob eine Bewerbung um die Frauen-WM 2027- gemeinsam mit dem Initiator Niederlande und Belgien –den erhofften Rückenwind gibt. Durch die Corona-Krise verschwindet die mit frischen Gesichtern besetzte DFB-Auswahl noch bis zur EM 2022 von der Bildfläche, denn nur die großen Turniere erzeugen im Frauenfußball die nötige Aufmerksamkeit. Die braucht es für die rückläufige Zahl der weiblichen Aktiven. Die Frauen-Mannschaften schrumpften binnen eines Jahres von 5982 auf 5385, die Mädchen-Teams bis 16 Jahre gingen von 4842 auf 4525 zurück. Die recht hohe Zahl der weiblichen DFB-Mitglieder (821 920) ist allein auf den Zuwachs bei den Bundesligavereinen zurückzuführen, sie spielen aber nicht selbst Fußball, sondern drücken als Fans den Männer-Klubs die Daumen.

Bis heute hat der DFB kein schlüssiges Konzept, um Mädchen gegen kulturelle Vorbehalte zum Kicken zu bringen – bei der WM hatten gerade mal drei Spielerinnen einen Migrationshintergrund. Eine davon war die in Belgien geborene Kathrin Hendrich, die sich wie viele Nationalspielerinnen „mehr Akzeptanz und Respekt wünscht“. Es gebe gerade noch „sehr viel Potenzial“ nach oben: „Ich würde mir mehr Anerkennung wünschen, wir hätten es verdient, denn unser Spiel ist attraktiver geworden.“ Dass unterschwellig immer noch verglichen wird, nervt die 28-jährige Abwehrspielerin vom VfL Wolfsburg: „Bei den Männern gibt es doch genauso viele Spiele, die nicht schön anzusehen sind.“

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