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R. Kelly: der öffentliche Druck zeigt Wirkung.

R. Kelly

Im Sinkflug

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Die Missbrauchsvorwürfe gegen R. Kelly stehen schon lange im Raum. 

Mit „I believe I can fly“ begeisterte er einst die Massen. Derzeit deutet allerdings vieles auf einen eher unsanften Absturz aus dem R’n’B-Himmel hin. Die Vorwürfe gegen den US-Star R. Kelly könnten schwerer kaum sein: Der Musiker soll minderjährige Mädchen sexuell missbraucht haben. Diese Vorwürfe sind zwar alles andere als neu, doch die jüngst ausgestrahlte Dokumentation „Surviving R. Kelly“ im amerikanischen TV hat die Debatte neu befeuert. In jener Sendung berichteten zahlreiche mutmaßliche Opfer, junge schwarze Frauen, unter anderem über sexuellen Missbrauch durch den Musiker.

Es mag der seit mehr als einem Jahr andauernden #MeToo-Debatte und einer daraus resultierenden höheren Sensibilität im Umgang mit sexuellem Missbrauch geschuldet sein: Dieses Mal scheint Robert Sylvester Kelly, wie der Sänger mit bürgerlichem Namen heißt, mit einfachem Totschweigen und Ignorieren der Vorwürfe nicht mehr durchzukommen. US-Medienberichten zufolge kam es bereits zur Trennung zwischen dem 52-Jährigen und seinem Label Sony Music. Auch Lady Gaga, die einst mit Kelly zusammen arbeitete, distanzierte sich via Twitter eindeutig von dem Sänger und erklärte, sie stehe zu 1000 Prozent hinter den Frauen, die ihre Stimmen erheben. Der Gegenwind wird stärker. Nun auch hierzulande.

Nach Absage in Sindelfingen nun Zusage in Neu-Ulm

In den USA windet es schon seit einer Weile. 2017 formierte sich dort infolge der Missbrauchsvorwürfe durch junge Frauen die Bewegung “#muterkelly“ (sinngemäß „R. Kelly stummschalten“). Dahinter stehen Oronike Odeleye und Kenyette Barnes, zwei Frauen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Karriere des Musikers zu beenden. Im Rahmen ihrer Kampagne gelang es ihren eigenen Angaben zufolge bereits, mehrere R. Kelly-Konzerte in den Vereinigten Staaten zu verhindern.    

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Fest steht: die Vorwürfe gegen den Musiker sind schwerwiegend und reichen teilweise mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Fest steht ebenfalls: verurteilt wurde Kelly dafür in all der Zeit nicht. Er selbst hat sämtliche Anschuldigungen gegen ihn stets abgestritten. Auch seiner Karriere schien das Thema bislang nicht wesentlich zu schaden. Dabei sind die Geschichten, die sich um den Musiker ranken, teils widersprüchlich und nebulös. Mitte der 90er soll er die damals 15-jährige Musikerin Aaliyah geheiratet haben, auf Grundlage einer falschen Altersangabe – die Ehe soll später annulliert worden sein. Aaliyah, die wenige Jahre später im Alter von 22 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, hat die Heirat, wie auch Kelly, später dementiert.

Gerade vor dem Hintergrund der Vielzahl der Vorwürfe erscheint es erstaunlich, dass es bislang kaum zu Verhandlungen gegen Kelly kam. Eine Erklärung lieferte bereits 2013 der US-Journalist Jim DeRogatis, der vielfach und als einer der Ersten über die Vorwürfe gegen den Musiker recherchierte und berichtete, in einem Interview. So soll es zu Zahlungen Kellys an die Frauen und deren Familien gekommen sein. Außerdem schere man sich in der US-amerikanischen Gesellschaft um niemanden weniger, als um junge, schwarze Frauen. Zu einem Prozess kam es dann doch: Der Vorwurf gegen Kelly lautete, sich beim Sex mit einem 13-jährigen Mädchen gefilmt zu haben – er wurde 2008 in Chicago nach jahrelangem hin und her freigesprochen.

Auch die aktuellen Entwicklungen rufen nun wieder die Behörden auf den Plan: Staatsanwältin Kim Foxx aus dem Bezirk Cook in Illinois rief auf einer Pressekonferenz Zeugen auf, sich zu melden. Mehrere Staatsanwaltschaften haben sich Medienberichten zufolge vorgenommen, die Anschuldigungen gegen Kelly zu prüfen.

Nachahmer findet die #muterkelly-Bewegung seit knapp zwei Wochen nun auch in Deutschland, nachdem bekannt wurde, dass Kelly im April hier zwei Auftritte plant – in Hamburg und zunächst in Ludwigsburg. „R. Kelly stummschalten – Sexualverbrechern keine Bühne geben“, unter diesem Motto haben die Berliner DJs Gizem Adiyaman, Lucia Luciano und Salwa Houmsi eine Petition auf der Kampagnenplattform „change.org“ ins Leben gerufen, die binnen kurzer Zeit von mehr als 40 000 Unterstützern unterzeichnet wurde.

R. Kelly gibt sich zurückhaltend

Und der öffentliche Druck zeigt Wirkung. Nachdem das anfangs für Ludwigsburg geplante Konzert nach Sindelfingen verlegt wurde, war auf der Homepage des Glaspalastes, wo das Konzert stattfinden sollte, vergangene Woche zu lesen, dass ein entsprechender Vertrag zwischen dem Hallenbetreiber und dem Veranstalter nicht zustande kommen werde. „Die aktuell im Raum stehenden massiven Vorwürfe gegen den Sänger sind nicht mit den Interessen des Hallenbetreibers und der Stadt Sindelfingen zu vereinen“, hieß es. Am Montagabend wurde bekannt, dass der Auftritt stattdessen in der „Ratiopharm-Arena“ in Neu-Ulm stattfinden soll – ab rund 100 Euro können diejenigen, die es noch mit dem Musiker halten, Tickets kaufen.

Das Konzert in Hamburg soll am 14. April in der dortigen Sporthalle über die Bühne gehen. Den Vertrag mit dem Veranstalter handelte das Bezirksamt Hamburg-Nord als Betreiber der Halle aus. Dort sieht man sich an vertragliche Verpflichtungen gebunden und hegt „Zweifel, dass aufgrund der Vorwürfe der Vertrag einseitig aufzukündigen wäre“, teilt Pressesprecher Daniel Gritz auf Anfrage mit, womit die Entscheidung beim Veranstalter bleibt. Dieser kommt aus dem baden-württembergischen Schorndorf, verfügt über nahezu keinerlei Internetpräsenz und ließ eine FR-Anfrage seit einer Woche unbeantwortet. Er scheint jedoch an seinen Plänen festhalten zu wollen, zumal er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur äußerte, dass es jedem Besucher frei stehe, ob er das Konzert besuchen wolle oder nicht. Schließlich habe man Kelly „aufgrund seiner nicht bestreitbaren musikalischen Karriere und Leistung“ gebucht. Auch Kelly selbst habe seine Absicht geäußert, in Deutschland auftreten zu wollen.

Auf sozialen Netzwerken gibt sich der Künstler derzeit hingegen zurückhaltend, seit dem 1. Januar – und somit kurz vor der Ausstrahlung der Dokumentation – sind auf Facebook, Twitter und Instagram keine neuen Einträge mehr zu sehen. Das hindert natürlich die Facebook-Gemeinde nicht daran, unter seinem letzten Beitrag heftig zu diskutieren: Die Einen wünschen ihn zur Hölle und seine Unterstützer gleich mit, die Anderen wünschen ihm Gottes Segen und himmeln ihn an. Solange letztere nicht mit ihm brechen, darf sich Kelly trotz aller Anschuldigungen auch hierzulande bald über gefüllte Hallen freuen. Er dürfte kaum glauben, dass dies ohne größere Proteste über die Bühne ginge (siehe Interview). Aber er glaubt ja auch, dass er fliegen kann.

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