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?Das sind ja praktisch meine Kinder?: die Weihnachtskrippe aus dem Jahr 2001.

Erzgebirgsfiguren

Vom Keller ins Museum

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Engel, Bergmann und der Baron Münchhausen: Fredo Kunze setzt seine Ideen an der Drehbank um – jetzt machen seine charmanten Figuren den 82 Jahre alten Sachsen spät berühmt

Engel und Bergmann sind die beiden vielleicht bekanntesten Erzgebirgsfiguren. Kerzengrade gedrechselt, stehen sie steif nebeneinander, ein wenig hölzern, Tradition eben, egal ob aus dem berühmten Kunsthandwerkerdorf Seiffen in Sachsen oder made in China gleichen sie sich, auch wenn Volkskundler widersprechen mögen. Nicht jedoch im Sächsischen Museum für Volkskunst in Dresden: Dort stiehlt zurzeit ein sehr ungewöhnliches Paar allen dort reichlich vorhandenen Klassikern die Schau.

Denn hier neigen sich Engel und Bergmann einander zu, nur noch Sekunden fehlen zum leidenschaftlichen Kuss zwischen dem Uniformierten und der Dame im langen gelben Kleid, Kunsthandwerk im neuen Gewand sozusagen. Wir ahnen einen Hauch von Erotik unterm Weihnachtsbaum, und wir spüren auch, dass hier kein gewöhnlicher Handwerker irgendwelche vorgefertigten Muster nachgeahmt hat.

Denn das Museum im historischen Jägerhof, Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresdens, die auch Raffaels berühmte Sixtinische Madonna, Werke von Gerhard Richter oder einen riesigen grünen Diamanten besitzen, hat in diesem Jahr eine große Entdeckung gemacht, und zwar vor der eigenen Haustür.

Ein freundlicher, 82 Jahre alter Herr namens Fredo Kunze, der im nahen Riesa wohnt, überraschte den Kurator Karsten Jahnke bei einem Museumsbesuch mit einigen selbstgedrechselten Figuren, gefertigt im Keller seines Wohnblocks, bis auf wenige Stücke noch niemals öffentlich gezeigt.

Jahnke war sprachlos und sah auf den ersten Blick: Das gibt es so nicht noch einmal. Und es ist große Kunst. Oder großes Kunsthandwerk. Oder was auch immer. Jedenfalls ideal geeignet für ein „Museum der Kreativität“, wie Jahnke den Jägerhof nennt. Das zeigt längst nicht nur Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge oder sonstige alte Sachen. „Wir hatten hier auch schon gehäkelte Korallenriffe mit bunten Fischen und andere unglaubliche Dinge“, sagt er.

Seit Sommer bringt der Jägerhof in der Dresdner Neustadt nun die Figuren Fredo Kunzes groß heraus, wegen des Erfolgs wird seine erste Einzelausstellung bis zum Dreikönigstag 2019 verlängert. Und Kunze, als Flüchtlingskind aus dem Sudetenland in der Kleinstadt Radeburg bei Dresden aufgewachsen, ist auf seine alten Tage sogar noch ein bisschen berühmt geworden.

Das Mährische Landesmuseum im tschechischen Brünn hat seine Ausstellung schon angefragt, und auch einige deutsche Museen haben bereits Interesse geäußert. „Jetzt wissen meine Nachbarn in Riesa wenigstens, was ich immer im Keller mache und was das für Arbeitsgeräusche sind“, sagt Kunze und lacht. Wer weiß denn heute noch, wie eine Drehbank klingt?

Ach, überhaupt die Tradition. Gerade ist die Zeit, wo die Sehnsucht größer ist als im Sommer. Nun hat sogar „Spiegel Online“ angefangen zu jammern, dass der Advent immer mehr von zu viel Kommerz und Bling-Bling entwertet werde – und die Wehklage erschien auch noch in der Rubrik „Wirtschaft“.

Vielleicht ist es diese Sehnsucht nach Seiffen, die die Menschen gleich einnimmt für Fredo Kunzes Figuren, die abseits aller Konvention in jahrzehntelanger stiller Arbeit entstanden sind. „Wer sich diese Ausstellung ansieht, der kommt glücklich wieder raus“, schwärmt Kurator Jahnke. „Die Besucher kichern sich einen.“

Dem Zauber der äußerst sorgfältig gearbeiteten Figuren kann sich wohl kaum einer entziehen. Eine überlebensgroße Weihnachtspyramide mit äußerst witzigen Kunze-Figuren dreht sich hier, und auch eine vielfigurige Krippe gibt es zu bewundern – das alles eben immer ein bisschen anders als die herkömmlichen Sehgewohnheiten erwarten ließen.

Mittelpunkt der Ausstellung ist aber eine Serie von tolldreisten Geschichten aus dem Leben des Barons Münchhausen. Da reitet der Lügenbaron auf seinem halbierten Pferd durch die Gegend, dort schwingt er sich auf einer Kanonenkugel in die Lüfte, immer akkurat gekleidet und bis ins kleinste Detail durchdacht.

Denn es sei ihm sehr wichtig, dass auch alles zusammenpasse, erzählt Kunze. Kleidung, Schuhe, Accessoires sollen ja schon stimmen – auch bei einem Lügenbaron. „Das sind ja praktisch meine Kinder“, sagt er über seine Figuren.

Verkauft hat der Künstler übrigens noch nie eines seiner Stücke, aber logisch, wer verkauft schon seine Kinder? Dafür hat Fredo Kunze dem Dresdner Museum ein großes Weihnachtsgeschenk gemacht, seine Münchhausen-Figuren sollen hierbleiben. Und irgendwann soll das Haus dann auch seinen künstlerischen Nachlass übernehmen, der in vielen Jahrzehnten entstand, hofft Fredo Kunze. „Wir wünschen uns natürlich noch viele Jahre guter Zusammenarbeit“, sagt Jahnke.

Seit der Eröffnung ist die Ausstellung schon um einiges gewachsen, denn Fredo Kunze drechselt fleißig weiter. Ideen hat der gelernte Tischler und spätere studierte Innenarchitekt schließlich noch genug.

Ganz aktuell in Arbeit: Der Sprung mit dem Pferd durch eine Kutsche. „Da habe ich lange ausprobiert, wie groß die Fenster sein müssen, damit das Pferd auch durchkommt“, sagt er verschmitzt. Selbstredend, dass auch die Kutsche ein gedrechseltes Modell nach historischen Vorbildern ist.

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