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"Nada", hat einer auf die Wand im Atrium gesprayt: nichts. Nichts ist geblieben vom einstigen Glanz der fünf Sterne.

São Miguel

Keine Sterne mehr, dafür umso mehr Gäste

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Auf der größten Azoren-Insel São Miguel lockt ein Fünf-Sterne-Hotel massenweise Touristen ? doch sein Betrieb ist seit 27 Jahren eingestellt. Das soll sich bald ändern.

Ein Hauch von Moder liegt in der Luft. Der Putz bröckelt. Wo einst dekorative Tapeten hingen, zieren heute Graffitis die kahlen Wände. „Nada“ hat jemand an die Wand gesprayt und damit auf den Punkt gebracht, was vom Glanz der fünf Sterne des Monte Palace übrig geblieben ist: nichts. Der Hotel-Betrieb der früheren Luxus-Adresse auf der Azoren-Insel São Miguel wurde vor knapp dreißig Jahren eingestellt. Geblieben ist der gigantische Bau, ein über den beiden Vulkanseen Lagoa Azul und Lagoa Verde thronendes Ruinenrelikt mitten in der Caldera des grünen Insel-Westens. Anders, als in den gerademal eineinhalb Jahren, die das Monte Palace Anfang der 1990er in Betrieb war, zieht das Hotel am Aussichtspunkt „Vista do Rei“ heute scharenweise Touristen an.

Derentwegen strampelt Ines Borgas im Sommer jeden Tag 25 Kilometer von der Inselhauptstadt Ponta Delgada aus hinauf zum Fuße des Hotels. Ein echter Kraftakt, bei dessen Lage 550 Meter über dem Meeresspiegel. Offensichtlich zahlt es sich aber aus, schließlich bietet die 22-jährige Azoreanerin mit ihrem fahrradbetriebenen Eiswagen weit und breit die einzige Erfrischungsmöglichkeit für die vielen Besucher, die meisten von ihnen in wetterfester Kleidung, Wanderschuhen und ausgerüstet mit einer Karte von dem bei wanderbegeisterten Touristen so beliebten Vulkankessel. Kaum, dass Ines Borgas ihr Gefährt vor dem Monte Palace abgestellt hat, stehen schon die ersten Schlange. „Die meisten kommen wegen der Aussicht“, sagt die Eisverkäuferin. „Aber in den letzten Jahren auch gezielt, um das Hotel zu sehen.“

Die Investoren des Monte Palace setzten auch auf die Aussicht, im guten Glauben, dass ein quasi königliches Fünf-Sterne-Hotel wie das Monte Palace am „Vista do Rei“ richtig wäre. Der Name des Aussichtspunktes, „Sicht des Königs“, erinnert daran, wie sich einst der portugiesische König Carlos I. die Ehre für einen Inselbesuch gab. Damals wurde er auch an jenen Ort geführt, dessen Name heute an den königlichen Ausflug erinnert.

Wenn man will also ein historischer Ort, seit jeher aber auch ein sagenumwobener: Die Insulaner erklärten sich das einzigartige Naturschauspiel der beiden Seen unterhalb des „Vista do Rei“, von denen einer blau, der andere grünlich schimmert, mit dem Märchen von einer Königstochter, die auf der Brücke zwischen beiden Seen heimlich ihren geliebten Hirtenjungen traf. Als der König einen standeswürdigeren Knaben für seine Tochter bestimmte, traf sie ihren wahren Prinzen ein letztes Mal auf der Brücke – und weinte aus ihren blauen Augen so viele Tränen, dass sie den Lagoa Azul füllten. Auch der Hirte mit den grünen Augen musste bittere Tränen weinen, sie füllten den Lagoa Verde.

Es ist wohl anzunehmen, dass auch die Indústria Açoreana Turistico-Hoteleira, das Unternehmen, das Anfang der 1980er mit dem Fünf-Sterne-Projekt auf den Plan trat, Gefallen an dem Märchen fand. Zumindest ließe es sich besser vermarkten als die nüchterne Erklärung für das Naturschauspiel: Der dichte Nadelwald auf dem Vulkankrater spiegelt sich nur im Lagoa Verde so, dass er das Bild eines grünen Sees abgibt. Wie dem auch sei: Der Anblick ist so oder so faszinierend, wofür der Aussichtspunkt „Vista do Rei“ heute auch in jedem Reiseführer wärmstens empfohlen wird. Genau an diesem Ort wollte die Indústria Açoreana Turistico-Hoteleira den Besuchern Kost und Logis mit stetem Blick auf dieses einzigartige Seenpanorama bieten.

Ein ambitioniertes Unternehmen, für dessen Architektur der französische Stararchitekt Olivier-Clément Cacoub angeheuert wurde. In Frankreich hatte Cacoub schon Universitäten und in Afrika Präsidentenpaläste entworfen. Das Monte Palace entwarf er nun so, dass jedes der fünf Stockwerke eine durchgezogene Balkonreihe umgibt. Von ihren Zimmern aus hatten die Gäste dank verglaster Front einen Panoramablick auf die Caldera, einen direkten Zugang zum Balkon gab es in den Suiten obendrein. 83 Zimmer waren in der Standardkategorie ausgewiesen, zusätzlich gab es vier Luxus-Suiten und sogar eine Präsidentensuite.

Heute sind aber alle Zimmer gleichermaßen heruntergekommen, keine Spur mehr vom früheren Luxus. Auch in dem viereckigen Atrium, wo einst schmucke Sofas und Sessel standen, liegen nur noch Schutt und der herabgefallene Putz der grünlich vor sich hin modernden Wände. Das einzige Tageslicht kommt von der aufgebrochenen Decke, sucht sich seinen Weg vorbei an den nackten Stahlträgern, entlang einer verlassenen Bar, die früher im 70er-Jahre-Charme erstrahlt ist.

Wie konnte es soweit kommen, dass sich eine solche Luxus-Adresse an einem so idyllischen Ort derart als Flop entpuppen sollte? Vor dem Monte Palace wartet einer, der es wissen muss: der azoreanische Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland, João Luis Cogumbreiro. Der hochgewachsene Insulaner ist hauptberuflich selbst Hotelier und hat die Geschichte hinter dem Monte Palace von Anfang an verfolgt. Mit dem schicken Anzug, den der Konsul trägt, hätte er zweifelsohne besser hierher gepasst, als das Monte Palace noch in Schuss war. Im April 1989, als das Hotel eröffnete, war er auch tatsächlich vor Ort, erzählt er: „Es war wirklich schön, sehr komfortabel. Wie in einem Schweizer Bergresort.“

Letztlich sei die Geschichte hinter dem Monte Palace aber eine traurige, meint Cogumbreiro, und deutet auf den runden Einbau am Hoteleingang, in dem von innen die Wendeltreppe zu den einzelnen Stockwerken eingebaut ist. Auf der Außenfassade ist in untereinander stehenden, kunstvoll entworfenen Messingbuchstaben der Name des Hotels zu lesen. Allerdings: Das „M“ von Monte Palace ist schon abgefallen – wohl noch nicht allzu lange her, denn dort, wo einst der Messingbuchstabe hing, ist der braune Verputz noch nicht ganz so wettergegerbt wie am Rest des Rundbaus. „Onte heißt im Französischen Schande. Und das ist es auch“, sagt der Konsul.

Angefangen damit, dass es ein ausländisches Unternehmen war, das hier den großen Coup landen wollte. „Niemand auf den Azoren hat hier ein Fünf-Sterne-Hotel gewollt. Das war eine verrückte Idee aus Europa.“ Verrückt genug jedenfalls, dass die Indústria Açoreana Turistico-Hoteleira Mühe hatte, für ihre Mega-Investition das nötige Kleingeld beizuschaffen. Der französische Privatkonzern Creusot Loire, der am Anfang mit im Boot war, ging Pleite, als das Hotel längst beschlossene Sache war. Eine azoreanische Bank sprang ein. Dabei hätten die Investoren unlautere Absichten gehabt, sagt Cogumbreiro: „In den Zeitungen war von Schwarzgeld und Geldwäsche zu lesen. Daran ist kein Zweifel. Die Investoren wollten nur unser Geld.“

Wie viel Millionen für die Investition flossen, sei kaum mehr zu ermitteln. Dagegen steht fest, dass die ausländischen Investoren mit dem Hotelbetrieb nicht den erhofften Geldsegen auf ihrem Konto verbuchen konnten. Die Gäste blieben aus. Vor Ort lässt sich noch heute nachvollziehen, warum, am eindrücklichsten auf dem Dach des Monte Palace: Dort soll der Ausblick auf das Seenpanorama am besten sein. Wäre da nur nicht das wechselhafte Wetter, für das die Azoren vor allem in ihren Höhenlagen so berüchtigt sind. Jorge Soares trotzt dem inzwischen aufgezogenen Nebel, der die Sicht auf die beiden Vulkanseen völlig verunmöglicht. Oben auf dem Hoteldach zieht sich der Einheimische aus Ponta Delgada die Kapuze seiner Regenjacke auf den Kopf und sagt: „Sie nennen unsere Insel die grüne Insel. Warum? Weil sie grün ist. Und warum ist sie grün? Weil es viel regnet.“

Dem 38-Jährigen zufolge ist das Wetter, das der versprochenen Panoramaaussicht allzu oft einen Strich durch die Rechnung mache, nur ein Grund, warum das Monte Palace in dieser entlegenen Höhenlage von Vornherein zum Scheitern verurteilt war. Für ihn ist die Geschichte vom Monte Palace nicht nur eine „urban legend“, die inzwischen jeder Insulaner erzählen könne. Er sei gewissermaßen selbst Monte-Palace-Protagonist gewesen, weswegen er heute noch gerne hierher komme. 2006 öffnete sich das damals schon geschlossene, aber noch strengstens bewachte Monte Palace dem exklusiven Kreis einer Filmcrew, zu der Soares gehörte.

„Es war ein Film von Schülern, nichts Großartiges, aber für mich war es die einmalige Gelegenheit, das Hotel endlich mal von Innen zu sehen.“ 15 Jahre, nachdem das Hotel endgültig geschlossen hatte, sei noch alles so gewesen, als könnte der Betrieb sofort wieder aufgenommen werden. Diese Hoffnung hatte die azoreanische Bank zumindest, die das Hotel nach dessen endgültiger Schließung im November 1991 übernahm. Daher stellte sie einen Sicherheitsmann ein, der bis 2008 allein mit seinen scharfen Wachhunden in dem Hotelkomplex auf 14 000 Quadratkilometern lebte. „Der Sicherheitsmann war so stolz, dass er nun allein in diesem riesen Ding wohnen darf. Und die ganzen Möbel waren noch da, überall lagen Planen drüber, als sollte es demnächst wieder losgehen.“

Doch die Bank fand erst im vergangenen Jahr einen neuen Investor – wieder einer aus dem Ausland, nämlich das auf den portugiesischen Immobilienmarkt spezialisierte chinesische Unternehmen „Level Constellation“. In einer Pressemitteilung brüsten sich die chinesischen Investoren damit, dass das Monte Palace 1990 den Preis für das beste Hotel des Jahres bekam. Aber auch das konnte ihm keine Gäste bescheren. „Das Monte Palace kam einfach zur falschen Zeit“, sagt Soares. Damals habe es selbst auf der größten Insel des Archipels einfach noch keine Touristen gegeben. Auch die Flüge auf die Azoren waren noch lange Zeit teuer. Da sei es einfach „zu ambitioniert“ gewesen, ausgerechnet mit einem Fünf-Sterne-Hotel den Startschuss für den Azoren-Tourismus geben zu wollen.

Auch die Azoreaner kamen nicht, obwohl das Hotel mit zwei Bars und einem Restaurant auch die Einheimischen locken wollte. Die zehn Euro, die beispielsweise hinter dem Fleischgericht auf der Karte standen, waren für damalige Verhältnisse ganz und gar keine Preiskategorie im unteren Segment, sagt Soares: „Ein respek-tables Monatseinkommen lag Anfang der 90er bei 20 Euro. Sie wollten die Hälfte von dem, was wir im Monat verdienen! Das war verrückt.“ Kein Wunder also, dass sich das Monte Palace nicht halten konnte.

Erst, als es nach dem Weggang des Wachmanns 2010 zugänglich wurde, kamen die Einheimischen, aus Neugier, und plünderten das Hotel nach und nach vollständig aus. Eisverkäuferin Ines Borgas hat so manchen Bekannten, der eine Monte-Palace-Trophäe in seinem Küchenschrank oder im Wohnzimmer verwahrt. „Sie haben es sich einfach mitgenommen. Offiziell darf man auch heute gar nicht rein, aber es hält sich natürlich keiner dran.“ Weder die Einheimischen, die in der Vergangenheit schon Rave-Partys und Silvester-Sausen in der Ruine gefeiert haben, noch die Touristen, für die das Monte Palace ein kurioser Anlaufpunkt auf ihrer Wanderung durch den Vulkankessel ist. Bis 2021 kann Ines Borgas hier noch konkurrenzlos Eis verkaufen. Dann sollen am „Vista do Rei“ wieder fünf Sterne locken – allerdings, so drang schon durch, soll die Marke „Monte Palace“ fallen.

Wenig verwunderlich, dass der einzigen Eisverkäuferin hier oben eine stillgelegte Ruine in dem weithin unberührten Vulkangebirge lieber ist als ein neuer Hotelbetrieb. Sie nimmt es aber sportlich: „So gibt es wenigstens für die Leute aus Sete Cidades neue Arbeitsplätze. Das sind die nächsten Anwohner und standen von heute auf morgen auf der Straße, als das Monte Palace dicht machte.“ Und wer weiß, vielleicht ist Ines Borgas mit ihrem weiß-blau gestreiften Eiswagen in drei Jahren auch weiterhin geduldet.

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