Schlips und Halstücher ade

Keine schwarz-rot-goldenen Krawatten

Anlässlich seiner EU-Ratspräsidentschaft bricht Deutschland mit einer Brüsseler Tradition.

Brüssel ist kein Fan deutscher Krawatten. Zumindest nicht jeder in Brüssel und zumindest nicht einer speziellen Krawatte. Sie ist babyblau, hat kleine Ds in Deutschlandfarben eingestickt und war ein Geschenk anlässlich der letzten deutschen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2007. Ein Hingucker, kann man sagen. Ob nun im positiven oder negativen Sinne, hängt wohl davon ab, ob man gerne schwarz-rot-goldene Buchstaben auf der Brust trägt oder nicht.

In jedem Fall ist dieses kleine Accessoire mit Schuld daran, dass es solche Geschenke in Zukunft von deutscher Seite nicht mehr geben soll. Eigentlich ist es Tradition, dass jedes Land, das im Europäischen Rat den Vorsitz übernimmt, an EU-Politikerinnen und -Politiker, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kleine Präsente verteilt. Für Männer gibt’s Krawatten und – in modischer Hinsicht gilt in Brüssel ein starr binäres Geschlechtermodell – für Frauen Halstücher.

Manchen dieser Kleidungsstücke gelingt sogar der Sprung aus der Nische der kleinen Geste. Eine rot-silberne lettische Krawatte erlangte 2015 internationale Berühmtheit, als der damalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker mit ihr um den Hals den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán mit den Worten „Hallo, Diktator!“ begrüßte. Und das rot-blaue kroatische Halstuch sorgte in diesem Januar für Belustigung auf Twitter, als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Generalsekretärin Ilze Juhansone im Partnerinnenlook auftraten.

Über die letzte deutsche Präsidentschaftskrawatte hingegen schweigt das Netz beharrlich. Das mag daran liegen, dass 2007 einfach schon recht lange her ist – oder daran, dass sich die Begeisterung bei den Beschenkten in Grenzen hielt. „Nachdem unsere Krawatte 2007 nicht unbedingt modische Maßstäbe gesetzt hat und dann doch eher im Schrank liegen geblieben ist, sollten wir vielleicht jetzt einfach ehrlich sein und sollten die Krawatten anderen Präsidentschaften überlassen“, scherzt Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt.

Und so soll es nun auch kommen: Wenn Deutschland in diesem Juli den Vorsitz im EU-Rat übernimmt, werden keine Krawatten und keine Halstücher verteilt werden. Die Entscheidung hat allerdings noch einen weiteren Grund: Deutschland wolle seinen Vorsitz nachhaltig gestalten, erklärt Roth: „Es ist inzwischen ja auch so ein bisschen Usus geworden, auf den großen Präsenttisch bei der Präsidentschaft zu verzichten.“

Ebenfalls verzichten will Deutschland auf finanzielle Unterstützung von Sponsoren aus der Wirtschaft. Dies ging im Januar aus der Antwort auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Ausgenommen vom Sponsoring-Verzicht sollen kleine regionale Anbieter sein. Auf die ein oder andere Praline, vielleicht auch auf ein Gläschen deutschen Honig oder Marmelade, darf man sich in Brüssel also freuen. Gerade bei informellen Treffen gehe es auch darum, die Vielfalt Deutschlands zu zeigen, erklärt ein Sprecher der deutschen EU-Vertretung.

„Diese Vielfalt äußert sich auf verschiedene Weise, unter anderem kulinarisch. Das ist auch Werbung für Deutschland als Tourismusland“, heißt es weiter. Nur die Krawatte – die wird künftig eben nicht mehr für Deutschland werben. Blickt man ins Ausland, sieht man aber schnell, dass die Liebe zur Präsidentschaftskrawatte andernorts ungebrochen ist.

Kroatien etwa, das nicht nur aktuell erstmals den Vorsitz innehat, sondern sich zudem als Herkunftsland der Krawatte versteht, hat ganz groß aufgefahren: „Für Kroatien hat die Präsidentschaftskrawatte eine besondere Bedeutung. Sie ist eine Art Must-Have“, sagt eine Sprecherin der kroatischen EU-Vertretung begeistert. Mehrere Tausend Exemplare seien bereits verteilt worden.

In den vergangenen Monaten haben Kroaten darüber hinaus Statuen und Denkmäler in verschiedenen EU-Ländern mit übergroßen roten Krawatten dekoriert, um ihren Ratsvorsitz zu feiern. Europäische Krawattenliebhaber müssen sich also wohl kaum Sorgen machen, dass der deutsche Verzicht das endgültige Ende dieser Brüsseler Tradition bedeuten könnte. (dpa)

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