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Hey, klotzen, nicht kleckern: Hiphop-Musiker zu sein heißt für Dendemann auch, "mit Konventionen zu brechen und sich selbst keine Scheuklappen zu verpassen"

"Keine Nachrichten schauen kann auch ein Segen sein."

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Der Rapper Dendemann über Kleinstadt-Jugend, den Geist des Hiphop und warum es ein Segen ist, dass heute jeder seine Musik ins Internet stellen kann

Dendemann ist eine der prägenden Figuren der deutschen Rap-Szene. Mit seinen mehrsilbigen Reimen und aberwitzigen Wortspielen sticht er seit jeher heraus. Beispiel gefällig? „Schon allein deshalb ist der Gedanke an ’nen Job und des Lebens Essenz seither längst weit mehr als der Durchschnitts-Adoleszenz-Nightmare.“ Dazu die unverwechselbare Reibeisen-Stimme, stark auf Samples basierende Musik, popkulturelle Referenzen, abgewandelte Sprichwörter, versteckter Humor und eine Attitüde, weit weg von Gangster-, Straßen-, Ghetto- oder Fitnessstudiorap. Nachdem der gebürtige Sauerländer lange abgetaucht schien, bringt Dendemann, der im bürgerlichen Leben Daniel Ebel heißt, am 25. Januar wieder ein Album raus. Der Titel: „Da nich für!“ Sagt man so im Norden, wo Dendemann auch eine Weile gelebt hat.

Dendemann, neun Jahre kein neues Album – haben Sie irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft Sie nach einem Nachfolger gefragt worden sind?
Gezählt habe ich das nie. Aber ich gebe zu, irgendwann wurde ich bei diesem Thema etwas genervt und abgestumpft. Doch als dann vor etwa vier Jahren die ersten Songs Gestalt annahmen, da war es nicht mehr so schlimm. Es ging ja voran. Ab da zählte für mich nur noch: Hauptsache, es wird geil.

Und – hat es funktioniert?
Absolut. Ich bin sehr zufrieden. Es fühlt sich irgendwie an, als wäre es mein erstes Album.

Das ist ja schon so ein Künstlerklischee...
Trifft aber in diesem Fall zu. Ich habe auch lange nach einer griffigen Bezeichnung gesucht, bis ich sie dann endlich gefunden habe: Es ist ein Rebütalbum. Wir haben versucht, meine Nerdigkeit beizubehalten und sie in ein modernes Gewand zu packen. Und gleichzeitig hat die Arbeit daran gezeigt, auf was wir alles aufbauen konnten.

Inwiefern aufbauen?
Viele der an der Produktion beteiligten Leute waren früher selbst „Eins Zwo“-Fans...

Also Fans Ihrer Hamburger Band...
Genau, und wir haben gemerkt, dass die Werte von damals, die ich vermitteln wollte, heute noch aktuell sind, und dass sich mittlerweile auch andere Rapper auf mich beziehen.

Beziehen Sie sich auch auf diese Werte, wenn Sie im Text zum neuen Album schreiben, dass „die Entwicklung des deutschen Hip-Hop in den vergangenen Jahren ein Geschenk“ sei?
Der jetzige Stand in Sachen Rap-Musik war für mich so nicht mehr zu erwarten. Wir haben rund um die Jahrtausendwende eigentlich das vorhergesagt, was jetzt erst passiert. Wir dachten, dass die technische Entwicklung uns überrundet. Nun erleben wir aber, was das wirklich bedeutet. Dank der Möglichkeiten kann jeder von zu Hause seine Musik machen.

Was ja nicht jedem etablierten Künstler gefällt...
Ob einem das gefällt oder nicht, ist zweitrangig. Alles selbst machen, sich dadurch kreativ verwirklichen – das ist doch der Ur-Charakter von Hip-Hop. Und den fühle ich derzeit mehr denn je. Er ist ehrlicher vertreten als am Anfang. Dazu zählt auch, mit Konventionen zu brechen und sich selbst keine Scheuklappen zu verpassen.

Sie sagten, vor vier Jahren hätten die ersten Songs Gestalt angenommen. Warum dauerte es dann trotzdem so lange bis zur Fertigstellung? Kam da etwa Jan Böhmermann dazwischen, der Sie als Bandleader für seine Sendung „Neo Magazin Royale“ anheuern wollte?
Auf jeden Fall. Das hat alles verzögert.

Es scheint aber, als hätte Sie die Arbeit bei ZDF Neo gerade in künstlerischer Hinsicht inspiriert?
Absolut. Das hat mich alles unfassbar beeinflusst. Mir wurden durch diese Arbeitsweise – jede Woche Zeilen zu aktuellen Geschehnissen schreiben – handwerklich betrachtet Türen geöffnet, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass es sie gab.

Wie muss man sich Ihre Arbeit für die Fernsehsendung vorstellen?
Ich habe mir selbst das Thema ausgesucht. Dann habe ich auf dem Flug nach Köln angefangen, am Text zu arbeiten, und den mittags im Fernsehstudio fertig geschrieben. Abends war dann die Aufzeichnung.

Kein Wunder, dass das Album in dieser Zeit hinten anstehen musste.
Das kann man nicht so klar trennen. Wir hatten zum Beispiel alle zwei Wochen eine Session, in der wir rumprobiert haben. Es kam dann auch mal vor, dass ich – weil mir nichts eingefallen ist – Zeilen aus potenziellen Album-Tracks für die Sendung verwendet habe.

Umgekehrt auch?
Ja, es sind auch zwei, drei Sachen von der Sendung aufs Album gewandert. Zum Beispiel „Dagegen ist nicht mehr dagegen genug“.

Die wichtigste Erkenntnis aus Ihrer Zeit beim „Neo Magazin Royale“?
In diesen zwei Jahren habe ich viel mehr geschrieben, viel mehr gerappt als jemals zuvor. Und ich habe vor allem noch nie vorher so viel und so aufmerksam Nachrichten geschaut.

Ist das auch ein Grund, dass das neue Album viel politischer ist als die bisherigen?
Sicherlich. Wobei das nicht mein Ziel war. Die Themen sind ja einfach da. Zum Beispiel der Song „Keine Parolen“, der kann schon so für sich stehen. Aber einfach nur zu sagen, dass wir keine Parolen wollen, reicht ja nicht. Und aus dieser Betrachtungsweise heraus ist dann „Zeitumstellung“ entstanden, quasi als Weiterentwicklung der Feststellung, dass wir keine Parolen wollen. „Es ist Zeit, um Stellung zu beziehen“. Oder nehmen wir „Zauberland“. Das basiert auf dem gleichnamigen Track von Rio Reiser, der damals ein Trennungslied war. Bei mir wurde daraus ein Lied über Flucht.

Weil das als Thema zeitweise die Nachrichten dominiert hat?
Eben. Wobei ich da auch im Nachhinein sagen muss: Keine Nachrichten zu schauen kann auch ein Segen sein.

Ein Lied auf dem neuen Album – „Wo ich wech bin“ – thematisiert Ihre Kindheit und Jugend im Sauerland und im Ruhrgebiet. Mittlerweile leben Sie in Berlin. Was verbindet Sie noch mit Ihrem Heimatort?
Tatsächlich sind die Verbindungen dorthin fast alle gekappt. Eine Ausnahme sind meine Eltern, die ich manchmal besuche. Oder die mich. Aber ich bekomme zum Beispiel mit, dass Günna ...

... einst Rapper und Produzent aus Ihrer Zeit in Menden...
...jetzt richtig geile Videos dreht, oder dass unser alter Produzent Carsten „Boogie“ Schulz jetzt als „Quadratschulz“ im Bereich elektronische Musik durchstartet. Und wenn beispielsweise Nico Suave, der wie ich aus Menden stammt, in Berlin ist, meldet er sich auch mal.

Im Song heißt es: „Du kriegst mich aus dem Dorf, doch das Dorf nicht aus mir“. Was verbinden Sie mit Ihrer Herkunft?
Sie hat mich geprägt. Im Positiven wie im Negativen.

Was war da nicht so schön?
Es war halt eine Kleinstadt mit Spießern, die mit Leuten wie mir nicht viel anfangen konnten. „Zieh‘ die Hose hoch, du Skaterschwein“ – diesen Satz habe ich so dermaßen oft gehört. 

Und die guten Seiten?
Ich bin einfach sehr behütet aufgewachsen. Und das gilt noch heute. Wenn ich im Song davon rappe, dass es „das größte Spa der Welt“ ist, dann meine ich das auch so: In die Straße meiner Eltern kommen, das ist pure Erholung. 

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