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„Es interessiert mich nicht, das aufzuschreiben, was ich schon erlebt habe“, sagt Janne Teller. „Weil ich es schon erlebt habe. Wenn man tiefer gehen will, darf man keine wahren Geschichten schreiben. Ich schreibe, weil ich Fragen habe.“ Janne Teller im Berliner Hotel Bleibtreu.

Porträt

Keine Angst vor großen Fragen

Die dänische Schriftstellerin Janne Teller verfasst Bücher, die "Krieg", "Nichts" oder "Komm" heißen und heftige Diskussionen unter Lesern auslösen. Eine Begegnung.

Von Barbara Weitzel

Bevor Janne Teller Schriftstellerin wurde, hat sie viel von der Welt gesehen. Sie war in Bangladesch und Simbabwe, in Tansania und Mosambik, um nur einige Länder zu nennen. Janne Teller, gelernte Makroökonomin, arbeitete für die UN und die EU als Konfliktberaterin und humanitäre Helferin. Sie hat dort, wo sie eingesetzt war, Furchtbares gesehen und gehört. Hunger, Folter, Völkermord. In Mosambik habe es einen Punkt gegeben, da setzte ihr alles, was sie erlebte, plötzlich furchtbar zu. So sehr, dass sie dachte: „Ich kann das nicht länger.“ Sie habe damals Gedichte auswendig gelernt, erzählt sie, englische Lyrik. Das habe ihr die Kraft zurückgegeben.

Janne Teller sitzt im Café des Hotel Bleibtreu in Charlottenburg, eine gelassene Frau von 47 Jahren, die viel lacht, mitten hinein in ihre Analysen. Sie spricht überlegt, wirkt sortiert und munter zugleich. Sie habe auch Wunderbares erlebt in den Ländern, in denen sie war, sagt sie. Wie Menschen trotz aller Schwierigkeiten immer weitermachen. Wie sie sich helfen, wie sie kämpfen.

Was läge näher, als über diese Jahre, diese Länder, Erlebnisse, Menschen zu schreiben? Krieg, Afrika, Schicksale, erzählt von einer, die ganz nah dran war, das würde sich verkaufen.

Doch Teller schreibt andere Bücher. Über eine Liebe auf dem Balkan (“Europa – Alles was Du brauchst“), eine zeitgenössische nordische Saga (“Odins Insel“) und zwei Jugendbücher, die sie schließlich in ganz Europa bekannt machten. „Nichts. Was im Leben wichtig ist“, und „Krieg“.

„Es interessiert mich nicht, das aufzuschreiben, was ich schon erlebt habe“, sagt Janne Teller. „Weil ich es schon erlebt habe. Wenn man tiefer gehen will, darf man keine wahren Geschichten schreiben. Ich schreibe, weil ich Fragen habe.“

"Nichts" war in Teilen Dänemarks verboten

„Nichts“ handelt von sehr viel: von der Suche nach dem Sinn des Daseins. Ein Junge namens Pierre Anthon beschließt eines Tages, nicht länger zur Schule zu gehen. Stattdessen setzt er sich in einen Baum und bewirft seine Mitschüler mit Pflaumen und Provokationen. Die anderen wollen ihm beweisen, dass das Leben sehr wohl einen Sinn hat und bauen einen Berg der Bedeutung: Jedes Kind muss opfern, was ihm am wichtigsten ist. Ein Wettlauf der Forderungen beginnt. Nach Lieblingsschuhen, Fahrrad und Boxhandschuhen landen eine Hundeleiche, ein Gebetsteppich, ein Daumen und schließlich die Jungfräulichkeit auf dem Berg.

„Nichts bedeutet irgendetwas, das weiß ich seit Langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“ So beginnt das schmale Buch. Kritiker haben ihr vorgeworfen, sie lasse den Leser allein und nach seinem Erscheinen war „Nichts“ in einigen Teilen Dänemarks verboten. Zu brutal, sagten Eltern und Lehrer.

Heute steht das Buch in den Lehrplänen. Die Jugendlichen lieben es, wie auch „Krieg“, ein Büchlein, das aussieht wie ein Reisepass und den Leser in die Rolle des Kriegsflüchtlings katapultiert. Auf 50 dicht illustrierten Seiten wird das Thema Fremdheit diskutiert. Und die Jugendlichen diskutieren auf der dazugehörigen Internetseite weiter, schreiben weiter, schreiben neu.

Die Vermutung drängt sich auf, dass eher die Erwachsenen mit Fragen überfordert sind, wie Janne Teller sie stellt, – und mit dem Gedanken, ihre Kinder könnten sie sich stellen. Für Teller liegt genau darin der Antrieb: „Es ist einfacher, für Kinder zu schreiben. Sie haben nicht so viel Angst.“ Deswegen sei „Nichts“ ein positives Buch. Die Kinder finden sich nicht ab mit den Wahrheiten, die Pierre Anthon verkündet. Sie kämpfen, wehren sich. Doch das können nicht nur Kinder, sagt Teller. Deswegen sei sie eine Autorin für Erwachsene, die eben ab und zu für Kinder schreibt. „Jeder hat einen Pierre Anthon in sich.“

Sie nimmt sich Zeit für das Gespräch, auf Nachfragen erzählt sie auch ein bisschen von sich. Wenn sie sich verrannt hat in zu viele Gedanken, dann gehe sie ins Museum. „Ich liebe alles Schöne“, sagt sie. Sie sei verrückt nach Second-Hand-Kleidern, die sie zu eleganten, eigensinnigen Outfits kombiniert. Auf das Schreiben stimme sie sich mit Big Bands, Mozart-Sinfonien oder Marianne Faithful ein. Dann erzählt sie von Petra Vinter, eine Art weibliches Pendant zu Pierre Anthon. Sie ist die Stimme in Tellers neuem Buch „Komm“, und sie ist eine Heimsuchung, eine Qual. Zunächst nur für den Erzähler, ein Verleger, der kurz vor der Veröffentlichung eines sicheren Verkaufsschlagers steht. Ein junger Autor erzählt in dem druckreifen Buch die Geschichte einer jungen Europäerin im afrikanischen Land Morenzao. Es ist eine Geschichte voller Grausamkeit. Von dem Buch selbst erhält der Leser von „Komm“ nur Häppchen, umso mehr erlebt er die Torturen, die der Verleger eine Nacht lang durchmacht. Denn Petra Vinter sagt, diese Geschichte sei ihre. Der Autor habe sie geklaut. Und der Verleger dürfe sie nicht veröffentlichen.

Die Große Fragen

Was beginnt wie eine Abhandlung über die Grenzen und Freiheiten der Kunst, gerät zu einer Auseinandersetzung, die weit über Literatur und Moral hinausreicht. Während der Verleger in schwärzer werdender Nacht und immer dichter fallendem Schnee sein Leben an sich vorbeiziehen lässt, seine Ehe seziert und vergebens seine Geliebte anruft, während er sich die Finger blutig schrubbt an der Wand seines Büros, bäumt sich die Frage nach der Schuld vor dem Leser auf wie ein nächtliches Ungeheuer. Unversehens fragt man sich, auf welcher Seite man steht. Ist der Verleger ein Idiot oder Petra Vinter eine ahnungslose, Ichbezogene Nervensäge? Wie soll das Buch ausgehen? Wie viel Menschlichkeit und Verantwortung ist möglich in einer von Wettlauf und Zahlen regierten Welt? Was kostet Ethik – und welchen Preis hat es, wenn wir sie uns nicht leisten? Große Fragen sind es,die Teller stellt.

Janne Teller hat lange ein Nomadendasein geführt. Die Tochter einer Österreicherin und eines Deutschen hat außer in den Krisenländern, in denen sie arbeitete, auch in Italien, Belgien und Frankreich gelebt. Heute wohnt sie in ihrer Geburtsstadt Kopenhagen und in New York. Ihre Wohnung in Kopenhagen wird sie aufgeben. Sie fühlt sich nicht als Dänin, sagt sie, eher als Europäerin. Doch ihr Zuhause ist New York. Außerdem sei sie zu viel unterwegs, um zwei Wohnungen zu haben. Nach ihrem Aufenthalt in Berlin ging es für zwei Tage zurück nach New York und dann weiter nach Kolumbien.

Auch in ihr ist alles in Bewegung. Nach „Komm“ arbeitet sie jetzt bereits an ihrem nächsten Roman, außerdem an einem Buch über den Karikaturenstreit in Dänemark, zusammen mit dem dänisch-muslimischen Politiker Naser Khader. Ein Band mit Kurzgeschichten für Kinder ist in Arbeit. Denn jede Frage gebiert neue. Jede schärfe das Bewusstsein, für die Ausgrenzung und die Verletzungen, die wir uns durch ein Leben zufügen, dass keine Tabus mehr kennt und keine inneren Stimmen. In dem nur das Höher, Schneller, Weiter gelte, in dem unzählige Menschen auf der Strecke blieben. Und nun auch Länder, Systeme, die Zukunft. „Das ist doch verrückt, was wir da machen!“, ruft Teller aus, nicht anklagend, eher verwundert. Mit Freude sehe sie, dass immer mehr Leute Zweifel hegten, sich wehrten. Etwa die Occupy-Bewegung, die interessiert sie brennend, auch wenn sie sich selbst nicht als Aktivistin sieht. „Ich bin eine schreibende Aktivistin“, sagt sie. Eine Fragen-Aktivistin, die aus sich herausschlüpft, um den Dingen auf den Grund zu gehen.

Janne Teller kann sich wundern wie ein Kind und denken wie ein Mann. „Es hilft mir, eine andere Sicht einzunehmen. So löse ich mich von meiner eigenen Sentimentalität“, sagt sie. Deshalb schreibe sie aus der Sicht einer 14-Jährigen, eines Verlegers mit Frau und Affären, eines jamaikanischen Mannes, der in Serbien lebt, eines deutschen Jungen, der nach Ägypten emigrieren muss. „Es macht mich frei, so zu schreiben“, sagt Teller. Frei für Fragen. Denn das, was man bereits erlebt hat, ist noch lange keine Antwort.

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