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Viele der Arbeitenden werden das Neujahrsfest in Picun – und nicht in ihrer Heimat – beginnen.
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Viele der Arbeitenden werden das Neujahrsfest in Picun – und nicht in ihrer Heimat – beginnen.

Chinesisches Neujahrsfest

Kein Wiedersehen im Jahr des Ochsen

  • vonFabian Kretschmer
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Zum chinesischen Neujahr müssen viele Menschen auf ihren traditionellen Familienbesuch verzichten. Das trifft vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter. Ein Ortsbesuch in Picun.

Wenn Frau Huang vom diesjährigen Neujahrsfest erzählt, kann sie ihre aufgestauten Emotionen auch hinter der hellblauen Gesichtsmaske kaum verbergen. Die 50-Jährige hat in der Arbeitersiedlung Picun einen Marktstand aufgebaut, wo sie am Wegesrand in der klirrenden Januarkälte Sonnenblumenkerne, getrocknete Früchte und Äpfel verkauft. „Normalerweise arbeite ich bis kurz vorm Neujahrsfest durch, denn dann kaufen die Leute nochmal ordentlich ein“, sagt sie. Danach fahre sie dann stets zu ihrem Sohn im Teenager-Alter, der 700 Kilometer südlich in der Provinz Shandong bei seiner Großmutter aufwächst. Im Jahr des Ochsen muss jedoch die Familienvereinigung ausbleiben – zu streng sind die Reisebeschränkungen und Quarantäne-Auflagen.

Dutzende Millionen Chinesinnen und Chinesen werden in den kommenden Wochen beim wichtigsten Fest des Jahres ihre Verwandten nicht wiedersehen können. Das Neujahrsfest im Mondkalender bezeichnen viele Medien als „größte Völkerwanderung der Welt“, schließlich sind normalerweise fast die Hälfte der 1,4 Milliarden Menschen der Bevölkerung des Landes auf Reisen. Im vergangenen Jahr sorgte dies dafür, dass das Virus aus Wuhan in sämtliche Provinzen verschleppt wurde – ein Szenario, dass 2021 unbedingt verhindert werden soll.

„Die Regierung hat Arbeitsmigranten dazu ermutigt, während der Feiertage nicht nach Hause zu fahren – aus Angst, dass sich das Virus weiterverbreiten könnte“, sagt Christine Peng, die für die Schweizer UBS in China den Bereich „Consumer Research“ leitet. Noch immer befinden sich Inlandsreisen nicht auf Vorkrisenniveau – einer der wenigen Bereiche, in denen die Wirtschaft der Volksrepublik noch nicht wieder voll angezogen hat.

Ein offizielles Reiseverbot gibt es nicht, aber etliche Hindernisse. So müssen laut der nationalen Gesundheitskommission alle Menschen, die in ländliche Gegenden fahren, nicht nur einen aktuellen Covid-19-Test vorzeigen, sondern auch eine 14-tägige „Gesundheitsbeobachtung“ absolvieren, bei der die eigene Körpertemperatur mehrmals täglich durchgegeben wird. Manche Dörfer haben zudem aus Angst vor Infizierten ihre Grenzen komplett dicht gemacht.

Jene Maßnahmen, so haben viele Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Medien kritisiert, betreffen weniger die urbanen Eliten des Landes, sondern vor allem jene 300 Millionen Arbeitsmigrant:innen, die aus den unterentwickelten Hinterlandprovinzen zum Geld verdienen in die Küstenmetropolen gezogen sind. Viele von ihnen sehen ihre zurückgelassenen Kinder und Eltern oft nur einmal im Jahr.

Zehntausende von ihnen leben in der Siedlung Picun an der östlichen Peripherie Pekings. Weit hinter dem fünften Stadtring, vorbei an Heizkraftwerken und Hochspannungsmasten, liegt das ummauerte Wohnviertel, an dessen Eingang schwarz uniformierte Männer mit russischen Fellmützen darauf achten, dass jeder Besucher auf seinem Smartphone einen „grünen Gesundheitscode“ vorweist. In den engen Gassen offenbart sich schließlich eine Stadt in der Stadt: Auf engstem Raum reihen sich Friseurläden und Handygeschäfte, kleine Ecklokale und Gemüsemärkte.

Eine kleingewachsene Müllsammlerin mit gebücktem Rücken schlurft mit einem grauen Sack im Schlepptau durch die Marktstraße. Sie sei aus der bergigen Sichuan-Provinz nach Peking gezogen, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Sohn wohnt sie hier, doch ihre drei Enkel leben nach wie vor in der weit entfernten Heimat. „Dieses Jahr können wir sie nicht sehen“, sagt die 70-Jährige: „Mein Sohn hat eine Vollzeitarbeit. Er kann es sich nicht leisten, bei der Rückkehr 14 Tage in Quarantäne zu müssen.“

Doch neben den Strafmaßnahmen hat Pekings Regierung auch positive Anreize gesetzt, um die Bevölkerung zu einem „friedlichen und gesunden“ Neujahrsfest zu motivieren. Demnach wurden Unternehmen aufgefordert, den daheim gebliebenen Arbeitsmigrant:innen Verdienstmöglichkeiten zuzusichern. Streamingdienste bieten kostenlose Filme an, touristische Sehenswürdigkeiten Preisnachlässe und die großen Telekommunikationsanbieter 20 Gigabyte Datenvolumen. Flugbehörden haben zudem zugesichert, Kosten für Buchungen im Vorfeld des Neujahrsfestes vollständig zurückzuerstatten.

Volkswirtschaftlich könnten die Maßnahmen aufgehen, denn derzeit verfügt China über eine vollständige Wertschöpfungskette. Wenn also auch über die Feiertage produziert wird, kurbelt dies zusätzlich die Exporte an. Dabei wächst das Bruttoinlandsprodukt bereits jetzt wieder auf Vorkrisenniveau – 2020 expandierte Chinas Wirtschaft um 2,3 Prozent.

Möglich ist dies nur, weil die Behörden das Virus über Monate fast vollständig ausradierten. Nun jedoch droht die Lage zu kippen. Zwar liegen die täglichen Infektionszahlen nur im niedrigen dreistelligen Bereich. Doch aufgrund der hochansteckenden Mutationen und der Gefahr unentdeckter Fälle in ländlichen Gebieten greifen die Behörden mit aller Härte durch: Wohngebiete in drei Provinzen des Landes sind in einen strikten Lockdown versetzt worden, darunter der Pekinger Bezirk Daxing sowie mehrere Städte im Nordosten.

Der Taxifahrer Li Kai macht sich dennoch keine Sorgen. Er stammt aus einer Satellitenstadt Pekings, wo seine Frau und die vier Kinder nach wie vor leben. „Ich arbeite hart, um meine Familie durchzubringen“, sagt er stolz. Um sechs Uhr fängt Herr Lis Schicht an, erst um elf Uhr abends macht er Feierabend. Wer in sein weißes Taxi einsteigt, muss eine Maske tragen und sich per QR-Code mit seinem Smartphone registrieren.

Seine Familie plant er trotz der Reisebeschränkungen zu besuchen. „Zwar muss ich in meiner Heimatstadt offiziell eine 14-tägige Selbstisolierung machen, aber streng überprüfen tut das niemand“, sagt Li Kai. Und ohnehin sei er bereits geimpft worden, sagt der Mittvierziger. Die zweite Dosis folgt Anfang Februar.

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