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Vor knapp 35 Jahren wird die damals fünfjährige Kaddy (rechts) beschnitten – von ihrer Großtante Mariama (links). Die alte Frau sagt heute: „Ich bereue nichts.

Genitalverstümmelung

Kein harmloser Schnitt

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Die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung war in Gambia lange unantastbar. Inzwischen ist die Praxis verboten. Doch der Kampf gegen die Kontrolle der weiblichen Sexualität geht weiter – auch weil es Frauen gibt, die Beschneidungen verteidigen.

Es ist fünf Uhr morgens, als Kaddy geweckt und aus ihrem Dorf im westafrikanischen Gambia in einen Wald geführt wird. Nach einer Weile kommt sie an einen großen Baum. Darunter sitzen vier Frauen. In einer erkennt die Fünfjährige ihre Großtante Mariama. Die alte Frau ist eine berühmte Beschneiderin, die schon ungezählten Mädchen die Klitoris abgeschnitten hat. Kaddy wird ihr nächstes Opfer. Am heutigen internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung erheben Kaddy und Frauen in aller Welt ihre Stimme gegen die Tradition, der nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit rund 200 Millionen heute lebender Frauen zum Opfer gefallen sind.

„Wir haben sie beschnitten, um ihre Lust zu kontrollieren.“ Mariama, 95

„Meine Tante breitete ein Tuch auf dem Boden aus. Die Frauen spreizten mir die Beine. Sie hielten mir die Arme und die Beine fest. Dann schnitt meine Tante mir mit einer Rasierklinge die Klitoris ab. Es tat wahnsinnig weh. Ich habe mein eigenes Blut gesehen und geschrien“, erinnert Kaddy sich an jenen Morgen vor knapp 35 Jahren.

Kaddys eigene Tochter Nyma ist nicht beschnitten.

Vor allem in 30 afrikanischen, asiatischen und arabischen Ländern werden Mädchen und Frauen nach wie vor beschnitten. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren im überwiegend muslimischen Gambia 2015 rund 75 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten, in manchen ländlichen Gebieten waren es sogar über 95 Prozent. Meist berufen die Beschneiderinnen sich auf den Koran, dabei fordert keine einzige Sure der heiligen Schrift des Islam die Verstümmelung der weiblichen Genitalien.

Nachdem ihre eigene Großtante Kaddy beschnitten hatte, setze die alte Frau das Mädchen auf einen Topf mit heißem Wasser. Anschließend bestrich sie die Wunde zwischen den Beinen mit einer zähen Tinktur, die sie aus den Blättern des Neem-Baumes gewonnen hatte. Die traditionelle Medizin sollte die Schmerzen lindern und die Blutung stillen. Tatsächlich führt sie nicht selten zu gefährlichen Infektionen und schmerzhaften Entzündungen.

Doch Kaddy hatte Glück. Ihre Wunde entzündete sich nicht. Nach ein paar Tagen ließen die Schmerzen nach und Kaddy sprach fast 20 Jahre nicht darüber, was die Großtante ihr unter dem großen Baum angetan hatte. Sie schwieg. So wie alle anderen. Kaddy kannte niemanden, der offen über das eigentlich Unaussprechliche sprach. Die alte Tradition in Frage zu stellen, wäre einem Verrat an der eigenen Kultur, am eigenen Glauben, an der eigenen Familie und damit einem Verrat an allem, was in Gambia wichtig ist, gleichgekommen.

Und doch gibt es auch in Gambia Frauenrechtlerinnen, Ärzte und Hebammen, die genau das tun. Kaddy traf sie erstmals, als sie als 23-Jährige in einem Krankenhaus arbeitete. Die Männer und Frauen erzählten ihr, dass die Beschneidungsnarben vielen Frauen während der Menstruation, beim Urinieren, beim Sex und bei der Geburt höllische Schmerzen bereiten, dass weltweit jedes Jahr Tausende Mädchen beim Eingriff verbluten oder Jahre später bei der Geburt an den Folgen sterben. Da die meisten Beschneiderinnen über keine medizinische Ausbildung verfügen, kaum Ahnung von weiblicher Anatomie und Hygiene haben und zudem oft dasselbe Messer oder dieselbe Rasierklinge verwenden, besteht zudem die Gefahr, dass sie bei der Beschneidung HIV, Hepatitis und andere Krankheiten übertragen.

Mariama arbeitet inzwischen als Salzverkäuferin auf einem Markt.

Female Genital Mutilation

Die Weltgemeinschaft hat sich vorgenommen, bis 2030 Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Dazu gehört unter anderem die Abschaffung schädlicher Praktiken wie Zwangsheirat und weiblicher Genitalverstümmelung. 


Frauenrechtsorganisationen fordern deshalb zum Internationalen Tag gegen die Beschneidung von Frauen am 6. Februar einen sofortigen Stopp der „Female Genital Mutilation“(FGM).
In Deutschland leben nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes 70.000 beschnittene und 17.000 gefährdete Frauen und Mädchen. Weil Beschneidungen in Deutschland illegal seien, fänden die Eingriffe entweder heimlich oder im Ausland statt. 


70 Millionen Mädchen werden nach aktuellen Untersuchungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in den kommenden zehn Jahren von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht sein. sbh

Kaddys Großtante will diese Einwände nicht gelten lassen. „Ich war eine berühmte Beschneiderin. Keines der Mädchen, das ich beschnitten habe, ist gestorben oder krank geworden. Die Leute hatten großen Respekt vor mir. Sie kamen von weit her, um ihre Töchter von mir beschneiden zu lassen. Sogar aus dem Senegal. Teilweise waren sie tagelang zu Fuß unterwegs. Ich habe gut verdient“, sagt Mariama vor ihrer Hütte in einem Dorf im Süden Gambias, das nur über eine holprige Piste zu erreichen ist. Wenn sie von ihrer Zeit als Beschneiderin erzählt, glänzen die Augen der zierlichen Frau mit den langen schlanken Fingern. Sie sagt, dass sie 95 Jahre alt sei und nicht wisse, wie vielen Mädchen sie die Klitoris abgeschnitten habe, aber Tausende dürften es wohl gewesen sein.

Vor fünf Jahren gab sie ihren Beruf nach über 50 Jahren auf. Unfreiwillig. Kurz bevor ein neues Gesetz 2015 die weibliche Genitalverstümmelung in Gambia verbot, wurde die alte Beschneiderin in ihrem Dorf von einer ehemaligen Beschneiderin besucht. Sie kam in Begleitung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von „SOS-Kinderdörfer weltweit“. Gemeinsam erklärten sie Mariama, die nie lesen und schreiben gelernt hatte, welche verheerenden gesundheitlichen und psychischen Folgen eine Beschneidung haben kann und dass nirgendwo im Koran stehe, dass Mädchen beschnitten werden müssten.

Die alte Frau zu überzeugen, dass das, was sie mehr als die Hälfte ihres langen Lebens gemacht hatte, plötzlich falsch sein solle, war nicht einfach. Schon ihre Mutter und Großmutter waren Beschneiderinnen gewesen, hatten den lange hochgeachteten, wenn auch meist im Verborgenen betriebenen Beruf an sie weitergegeben. „Ich habe das, was ich getan habe, nie hinterfragt. Ich habe es getan, weil wir es immer getan haben. Wir haben die Mädchen beschnitten, um ihre Lust zu kontrollieren. Heute werden die unbeschnittenen Mädchen doch oft viel zu früh schwanger. Sie sind unrein und ihrem Mann oft nicht treu. Darum ist es immer noch schwer, eine unbeschnittene Tochter zu verheiraten“, behauptet Mariama.

Dass sie mit den Eingriffen, die unter äußerst unhygienischen Verhältnissen und ohne Narkose stattfanden, nicht nur Kaddy, sondern sehr vielen Mädchen sehr weh getan hat, leugnet die alte Frau nicht. „Ja, klar tut es den Mädchen weh, wenn man ihnen etwas abschneidet“, sagt sie und schmunzelt. „Aber wenn man sich in den Finger schneidet, tut es ja auch weh“, schiebt sie dann mit einem Lachen hinterher. Zwar hätten die schreienden Mädchen ihr zunächst leidgetan, aber sie habe sich bald daran gewöhnt. Schlaflose Nächte oder ein schlechtes Gewissen hätten die Schreie der Mädchen ihr jedenfalls nie gemacht. „Ich wusste ja, dass das, was ich tat, getan werden musste“, sagt sie, während Kaddy zuhört.

Als ihre Großtante sie vor rund 35 Jahren verstümmelte, spürte Kaddy neben höllischen Schmerzen auch eine ungeheure Wut auf die Frau, der sie bis dahin blind vertraut hatte. Heute hat Kaddy ihr vergeben. „Ich klage niemanden an. Was meine Tante getan hat, hat sie in der Überzeugung getan, das Richtige zu tun. Sie wusste es einfach nicht besser“, sagt die 39-Jährige.

„Ich habe mein eigenes Blut gesehen und geschrien.“

Kaddy, 39

Um ihr eine alternative Einkommensquelle zu schaffen und so zu verhindern, dass Mariama aus materieller Not in ihren alten Beruf zurückkehrt, stattete „SOS Kinderdörfer weltweit“ die ehemalige Beschneiderin mit einem Startkapital aus. Seitdem arbeitet sie als Salzverkäuferin auf dem Markt. Die Geschäfte laufen gut, sagt Mariama. Allerdings macht sie auch keinen Hehl daraus, dass sie nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang ihren alten Beruf aufgegeben hat und dass sie das Gesetz, das die Politiker sich in der fernen Hauptstadt Banjul ausgedacht haben, für einen Fehler hält.

Als Aktivistin und Frauenrechtlerin hat Isatou Touray jahrzehntelang für genau dieses Gesetz gekämpft. „Wer wie ich selbst Opfer dieser grausamen Tradition geworden ist, weiß, dass es sich dabei nicht nur um einen harmlosen Schnitt handelt. Es geht um nichts anderes als die Verstümmelung eines weiblichen Organs. Es ist der Versuch der männlichen Kontrolle des weiblichen Körpers und der Unterdrückung der weiblichen Sexualität“, sagt die Feministin, die seit zweieinhalb Jahren Vizepräsidentin ihres Landes ist. In ihrer neuen einflussreichen Position will sie jetzt dafür sorgen, dass das neue Gesetz auch rigoros implementiert wird. „Ich hoffe, dass ich es noch erleben kann, dass in diesem Land kein einziges Mädchen mehr heimlich beschnitten wird“, sagt die Politikerin.

Sicher ist das keineswegs. Denn es gibt in Gambia viele Frauen wie die 95-jährige Mariama. „Jede Generation hat ihre eigenen Regeln. Das akzeptiere ich“, sagt die ehemalige Beschneiderin. Dann fügt sie hinzu: „Aber würden sie das neue Gesetz zurückziehen, würde ich morgen wieder anfangen. Ich weiß noch genau, wie es geht. Ich bereue nichts.“

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