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Boris Becker ist verschuldet.

Boris Becker

Kein großes Tennis

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Als Sonderattaché eines afrikanischen Staates wollte sich Boris Becker seinem Insolvenzverfahren entziehen. Doch nicht nur der Außenminister der Zentralafrikanischen Republik will nicht mitspielen.

Eigentlich sollte der 21. Juni 2018 ein guter Tag für Boris Becker werden. Genau ein Jahr zuvor hatte Richterin Christine Darret vom High Court of Justice im Londoner Stadtteil Wimbledon das deutsche Tennisidol für zahlungsunfähig erklärt und damit ein Insolvenzverfahren in Gang gesetzt. Die britische Privatbank Arbuthnot Latham hatte offene Forderungen in Höhe von 3,5 Millionen Euro gegen Becker geltend gemacht. Nach britischem Recht dauert die Insolvenzphase in der Regel nur ein Jahr an, bevor sie mit einer Restschuldbefreiung endet. 

Für Becker hätte das bedeutet: Am Donnerstag, dem 21. Juni 2018, würden sich alle noch offenen Forderungen erledigen, auch im EU-Ausland. Er wäre schuldenfrei und könnte wieder auf eigene Rechnung Geld verdienen, ohne dass der Insolvenzverwalter das Einkommen pfändet. „Für ihn ist die Restschuldbefreiung optimal“, sagt Kai Henning, Experte für Verbraucherinsolvenzen im Deutschen Anwaltverein (DAV).

Doch nun kommt es anders: Eine Sitzung am Londoner High Court am Montag endete laut dem britischen Sender ITV ohne eine endgültige Entscheidung. Bis das Gericht über die Immunität Beckers befunden habe, solle das Insolvenzverfahren aber vorerst bestehen bleiben. Eine weitere Anhörung finde nicht vor dem 5. Oktober statt, zitierte ITV den Richter. Die britischen Insolvenzverwalter und das Gericht wollten dies am Dienstag nicht bestätigen oder kommentieren. 

Ungeachtet dessen hat Becker in jüngerer Vergangenheit einiges unternommen, um dem Insolvenzverfahren auf andere Weise ein Ende zu setzen. Mit Hilfe internationaler Diplomatie, gewissermaßen. Am 26. April war Becker in der Brüsseler Botschaft der Zentralafrikanischen Republik von Präsident Faustin Archange Touadéra zum Sonderattaché des Landes für Sport-und Kulturangelegenheiten in der EU ernannt worden. Die öffentliche Erregung über Beckers eigentümliches Engagement für das von Bürgerkrieg, staatlicher Willkür und bitterer Armut zerrüttete Land hielt sich seinerzeit in Grenzen. Der Boris halt, Schulterzucken.

Das änderte sich schlagartig, als Becker vor wenigen Tagen seinen Status als Attaché ins Feld führte, um diplomatische Immunität zu beanspruchen und sich so dem Insolvenzverfahren zu entziehen. Eine „Bande anonymer unverantwortlicher Banker und Bürokraten“ habe ihn „in eine völlig unnötige Insolvenz getrieben“, teilte Becker mit. Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens sei „gleichermaßen ungerechtfertigt wie unrechtmäßig“ gewesen. Er habe daher diplomatische Immunität geltend gemacht, „um diese Farce zu einem Ende zu bringen, damit ich anfangen kann, mein Leben wieder aufzubauen“. Dem Verdacht, Becker habe den ehrenamtlichen Attachéposten nicht allein aus humanitären Motiven, sondern um des Diplomatenstatus willen übernommen, trat sein deutscher Rechtsbeistand entschieden entgegen. Becker habe das Amt nicht angestrebt, „um auf diese Weise das Insolvenzthema zu lösen“, sagte Anwalt Oliver Moser dem Sportinformationsdienst. 

Offenkundig war die Diplomaten-Nummer aber so nicht mit der zentralafrikanischen Regierung abgesprochen. Am Montag machte Außenminister Charles-Armel Doubane jedenfalls deutlich, dass Becker kein offizieller Diplomat seines Landes sei und fürderhin auch nicht dazu ernannt werde. Die Zentralafrikanische Republik wünsche nicht, „dass Boris Beckers inoffizielle Position für unser Land mit seinen finanziellen Problemen assoziiert wird“, sagte Doubane der Nachrichtenagentur AFP. Man werde jedwede Verfahren gegen Becker „in keiner Weise behindern“. Am Dienstag hieß es Doubanes Büroleiter zufolge sogar, Beckers Diplomatenpass sei möglicherweise eine mit Hilfe eines gestohlenen Blankopasses erstellte „Fälschung“. Den zentralafrikanischen Schutzschirm kann Becker also vergessen.

Bleibt die Frage, warum der dreifache Wimbledon-Sieger den ganzen Zinnober veranstaltet hat, wo ihm doch ohnehin in wenigen Tagen die Befreiung von Restschulden bevorgestanden hätte? „Wir können nicht nachvollziehen, warum Herr Becker die Möglichkeit des Insolvenzverfahrens und der Restschuldbefreiung nicht nutzt“, sagt DAV-Fachmann Henning. Zumal britische Insolvenzverfahren im Vergleich zu den deutschen für überschuldete Privatpersonen sehr günstig seien: Während die jährlich etwa 100 000 Verbraucherinsolvenzen in Deutschland bis zur Restschuldbefreiung in der Regel sechs Jahre liefen, sei auf der Insel nach nur einem Jahr Schluss.

Meistens jedenfalls. Denn in Ausnahmefällen – wie jetzt geschehen – kann der High Court das Insolvenzverfahren verlängern. Voraussetzung: Der Insolvenzverwalter macht glaubhaft, dass die überschuldete Person nicht in angemessenem Umfang an der Suche nach Vermögenswerten mitgewirkt hat, mit denen Gläubigerforderungen bedient werden könnten. Eben einen solchen Antrag hat Beckers Insolvenzverwalter beim High Court zu Wimbledon gestellt, da der Verbleib einiger Vermögenswerte Beckers weiterhin ungeklärt sei.

Andere Habseligkeiten des einstigen Tennisstars werden bis Ende Juni vom englischen Online-Auktionator Wyles Hardy & Co. versteigert. Aufgerufen sind unter anderem eine Armbanduhr IWC Schaffhausen Model 3227, ein Puma-Tennisschläger, signierte Turnschuhe sowie Sportshirts und Shorts der Marke Lotto. Die Gebote liegen zwischen 500 und 3400 Pfund. Selbst für einen Apfelweinbembel, der ausweislich einer Inschrift dem Halbfinale im Daviscup 1985 gewidmet ist, wurden am Mittwoch 2000 Pfund geboten. Die Versteigerung läuft noch bis zum 28. Juni. 

Dass dabei genug zusammenkommt, um High Court und Insolvenzverwalter zufriedenzustellen, darf bezweifelt werden. So oder so wird der 21. Juni 2018 wohl kein guter Tag für Boris Becker werden. (mit dpa)

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