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Der alte Wasserturm im Stadtpark: Ab dem 30. April 1930 stand der Himmel allen Gästen offen.

Planetarium Hamburg

Ein Katzensprung in den Nachthimmel

Von der Alster zu den Sternen sind es nur wenige Kilometer: Das Hamburger Planetarium im Park wird heute 90 Jahre alt. Zu seiner Gründung lagen solche Einrichtungen im Trend

Ein ehemaliger Wasserturm im Hamburger Stadtpark wird seit 90 Jahren mit Sternenlicht geflutet. Anders als Sternwarten zeigen Planetarien nicht den echten, sondern einen künstlichen Sternenhimmel, der von Projektoren an eine Kuppel gestrahlt wird. Die Stellung der Sterne wird dabei naturgetreu abgebildet, ebenso der Lauf der Planeten, des Mondes und der Sonne.

Die Geräte dafür wurden seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts weltexklusiv von der Firma Carl Zeiss in Jena entwickelt. Das erste Planetarium entstand im Mai 1925 im Deutschen Museum in München – allerdings konnte es nur den Himmel über Bayern zeigen. Doch schon bei den nächsten Gründungen wurde der Himmel weiter.

In Jena, Wuppertal und Düsseldorf kam ab 1926 die markante „Hantel“ mit zwei Projektions-Kugelköpfen zum Einsatz. Sie konnten die komplette Sternenwelt der Nord- und Südhalbkugel des Himmels abbilden. Noch im selben Jahr folgten Berlin, Dresden und Leipzig, kurz danach Wien, Rom und Moskau.

Hamburg hatte bereits im August 1925 einen Sternen-Projektor für 150 000 Goldmark bestellt. Doch die Lieferung verzögerte sich, und es fehlte ein geeignetes Gebäude. Erst 1929 gab die Bürgerschaft den Wasserturm endlich für die Sterne frei.

257 750 Reichsmark kosteten die Umbauten – und am 22. April 1930 lud der Senat ausgewählte Gäste zur Premiere ein. Am 30. April stand der Himmel dann für alle offen. Im ersten Jahr kamen mehr als 108 000 Besucherinnen und Besucher – heute sind es rund 350 000 in über 2 500 Veranstaltungen jährlich.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Planetarium unbeschädigt – und auch unbehelligt. Als 1944 alle Behörden und Institutionen nach wehrtauglichen Mitarbeitern durchforstet wurden, machten die Planetariums-Leute geltend, dass sie für den Navigationsunterricht der See- und Luftfahrtschulen unentbehrlich wären und konnten bleiben. Nach Kriegsende fanden bereits im August 1945 Vorführungen statt.

Zwischen 1956 und 1957 wurde ein neuer Projektor für über eine halbe Million Mark bestellt. Der alte Projektor ging an die südafrikanische Stadt Johannesburg, er läuft dort noch immer. Für ein Vierteljahrhundert wurde 1975 Erich Übelacker erster hauptamtlicher Planetariumsdirektor - er etablierte unter anderem die „Konzerte unterm Sternenhimmel“.

Zum Jahrtausendwechsel kam Thomas Kraupe als neuer Chef vom Hayden-Planetarium in New York City nach Hamburg. Mit ihm zog das High-Tech-Zeitalter in den alten Wasserturm ein. Ab August 2002 wurde das Planetarium 15 Monate lang komplett umgebaut und technisch aufgerüstet. Kernstück wurde das „Zeiss Universarium 9“ als Himmelsmaschine, ergänzt von digitalen Ganzkuppelprojektoren, Laser-Strahlern und einer neuen Sound-Anlage. Die Zuschauerzahl verdreifachte sich auf mehr als 330 000 pro Jahr.

Von Mitte 2015 bis Anfang 2017 wurde im Stadtpark erneut gebaut – die Sterne bekamen sozusagen ein neues Fundament. Für rund 7,5 Millionen Euro wurde der Sockel des denkmalgeschützten Gebäudes vollständig entkernt, die Zugänge wurden ebenerdig. Es entstanden ein geräumiges Foyer, ein Ring neuer Büroräume und erstmals eine Außen-Gastronomie. Neu installiert wurden auch ein gläserner Fahrstuhl zum Sternensaal und ein Express-Lift auf die 40 Meter hohe Aussichtsplattform.

Technisch wurden unter der 21-Meter-Kuppel virtuelle Reisen in dreidimensionalen Bildwelten möglich – in Kino-Qualität. Sie führen nicht nur in die „Unendlichen Weiten“, sondern auch in den Mikrokosmos und in die Atomphysik. Das Planetarium wurde zum „Umwelt-Simulator“, mit diversen Kooperationen mit Expertinnen und Experten sämtlicher Fachbereiche.

„Moderne Planetarien sind Begegnungsstätten von Kunst, Kultur, Natur und Wissenschaft“, sagt Direktor Kraupe. Ziel sei, ein umfassendes Bild der Welt insgesamt zu präsentieren. Neben wissenschaftlichen Formaten gibt es daher auch Unterhaltungsshows, Theater und Musik – wie die „Klangwolke zum Vollmond“ als Open-Air-Event im Stadtpark. „Planetarien erzählen die größte Geschichte, die es gibt“, sagt der Astrophysiker, „nämlich die Geschichte der ganzen Welt und unsere Vorstellungen von ihr.“

Die Jubiläumsfeier will Kraupe jetzt wegen der Corona-Pandemie ins weltweite Netz verlegen. Schon seit Mitte März bietet er in dem geschlossenen Haus regelmäßig Live-Streams an. Zum Geburtstag werden prominente Überraschungsgäste online auf der Sternenkuppel erwartet. Auch Schaltungen zu Planetarien in Hamburgs Partnerstädten St. Petersburg und Chicago sind geplant. Virtuell und online kann jeder mitfeiern – standesgemäß auf dem ganzen Planeten. (Klaus Merhof, epd)

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