Süß - oder lieber süß-sauer? Ein italienischer TV-Koch empfiehlt Katzenfleisch.
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Süß - oder lieber süß-sauer? Ein italienischer TV-Koch empfiehlt Katzenfleisch.

Star-Koch Beppe Bigazzi

Der Katzenfutterer

Italienische Küche ist mehr als Pasta und Pizza: Der Star-Koch Beppe Bigazzi löst in Italien einen Eklat aus, weil er für Katzenfleisch schwärmt. Nun soll er selbst in den Topf, sagen manche. Von Mark Obert

Von Mark Obert

Bis vor wenigen Tagen war die Welt des Beppe Bigazzi noch eine nach seinem Gusto. In Italien war er ein hoch angesehener und vor allem gern gesehener Star- und TV-Koch, weswegen er seinem Stammsender Rai Uno seit zehn Jahren täglich um Punkt 12 respektable Einschaltquoten bescherte, ein italienischer Johann Lafer sozusagen.

Nun aber ließ sich der alternde Genießer, 77, weißes Haar, freundliches Gesicht, zu einem Geschmacksurteil hinreißen, das er wohl besser für sich behalten hätte. Man stelle sich nur mal vor, Johann Lafer würde seinem ZDF-Publikum empfehlen, doch mal einen Hund in die Pfanne zu hauen, und zwar buchstäblich. Das Volk würde doch verrückt.

Italien spielt seit zwei Tagen verrückt, der hiesige Tierschutzverband ganz und gar. Das genügt offenbar selbst in dem Land, wo sie mit Leidenschaft und Sportsgeist Jagd auf Singvögel machen, einen Liebling aller Mammas aus dem Hause zu jagen.

Die Moderatorin war entsetzt

Aber was war geschehen? Es war dieser Tage kurz vor Ende der Sendung, als Beppe Bigazzi wie nebenbei und für die Moderatorin völlig unerwartet das Unaussprechliche in den Mund nahm. "Katze!" Schon allein bei dem Wort kräuselte die Moderatorin die Augenbrauen und guckte reichlich irritiert. Die Sprache schien es ihr zudem verschlagen zu haben, einen Versuch, das sich anbahnende Unheil zu verhindern, unternahm sie erst gar nicht mehr.

Es wäre wohl auch vergebens gewesen. Denn das markante Antlitz des munter losschwärmenden Maître offenbarte bereits eine verzückte Entrücktheit, wie sie Gourmets eigen ist, die zum Beispiel die Verköstigung einer delikaten Foie Gras phantasieren. Und wie er schwärmte: Dass Katzenfleisch besonders zart sei, ja viel zarter als das von Kaninchen, von dem der Lämmchen ganz zu schweigen. Ah und oh, entfuhr es dem offenbar weltgereisten Mann, bellissima und mhh... Worte und Laute fand der, die der gemeine Ragazzo nicht mal für Carla Bruni finden würde.

Das schöne Gesicht der Moderatorin hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits in eine Ekelfratze verwandelt, und wie der Feinschmecker noch einen draufsetzte, indem er die in Vergessenheit geratene toskanische Tradition pries, eine gehäutete Katze vor der Zubereitung drei Tage lang in frischem Quellwasser einzulegen, ging die Moderatorin - ob gespielt oder nicht - endgültig in die Knie und verschwand hinter der appetitlich garnierten Gemüse-Dekoration.

Eine Minute und acht Sekunden dauerte der freie Fall des Unglücklichen, wie er auf Youtube zu bezeugen ist; es war vermutlich die letzte Minute im TV-Leben des Beppe Bigazzi. Die Telefone standen nicht still bei Rai Uno, die Internet-Foren liefen über, einzelne Solidaritätsadressen für den kulinarischen Multikulturalisten wurden von der Welle der Empörung weggespült. 7,5 Millionen Hauskatzen gibt es in Italien: so viel zum Hintergrund: "Schande!" - "Unmensch!" So weit das Zitierbare.

Selbst die bedenkenswerte Anregung eines Pragmatikers, die Katze als Nationalgericht könnte Mangelernährung vermeiden - besonders in jenen italienischen Regionen, in denen die Menschen arm sind, aber die Straßen reich an herrenlosen Streunern, versandete im weltweiten Netz.

Kurzum: Eine sachliche Debatte war unmöglich geworden. Schon gar, als sich Parlamentarier öffentlich um das internationale Ansehen Italiens sorgten. Dass wiederum die kollektive moralische Verurteilung eines etwas anderen Katzenliebhabers asiatische Völker zutiefst beleidigen könnte, wurde nicht mal ansatzweise erwogen.

Beppe Bigazzi dürften solche Überlegungen ohnehin wurscht sein. Die Direktion von Rai Uno, dem größten Sender des Landes, hat nämlich gar nicht lange gefackelt. Der Koch wurde eilig abgekocht. Basta Bigazzi!

Bei all der typisch italienischen Aufgeregtheit sei fairerweise noch erwähnt, dass die Causa auch in deutschen Internetportalen extrem tierlieb und nicht eben menschenfreundlich diskutiert wird.

Wogegen die seriöse Presse Italiens wiederum kühlen Kopf bewahrt: "Was werden sie schon mit ihm machen?", fragt etwa der Corriere della Sera zum Schicksal des TV-Kochs, "wollen sie ihn aus Europa rausschmeißen?" Während des Krieges habe ja auch niemand aufgeschrien, und damals sei in Italien "mehr als eine Katze für die Salami gestorben".

Leibspeise aus Kindertagen?

Das dürfte Bigazzi runter gehen wie Olivenöl. Der Geschasste und Gehasste selbst hat sich mittlerweile zwar verkrümelt. Zuvor aber hatte er sich noch verteidigt, er habe doch wirklich nur darauf hinweisen wollen, dass man in der Toskana bis in die 40er Jahre noch oft und gern Katze gegessen habe.

Nun muss man wissen, dass Beppe Bigazzi aus der Toskana stammt. Und empfindet nicht jeder Glück und Wehmut in Gedanken an die Küche seiner Kindheit? Bei Bigazzis damals war es eben vielleicht auch so, dass da in einem Gericht mehr Liebe war als in allen anderen: in Mammas Katze. Wenn das Italiens Mammas nicht versöhnlich stimmt, wen dann?

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