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Missbrauchsgutachten: Kardinal Marx entschuldigt sich und enttäuscht die Opfer

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Von: Sandra Kathe

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Personelle Konsequenzen aufgrund der Ergebnisse des Gutachtens kündigte Marx bei seiner Pressekonferenz vorerst nicht an.
Personelle Konsequenzen aufgrund der Ergebnisse des Gutachtens kündigte Marx bei seiner Pressekonferenz vorerst nicht an. © Sven Hoppe/dpa

Ein Gutachten über Missbrauchsfälle im Bistum München und Freising attestiert zahlreichen Verantwortlichen über Jahrzehnte Fehlverhalten. Kardinal Marx äußert sich.

München - Eine Woche nach der Veröffentlichung eines erschütternden Missbrauchsgutachten im Erzbistum München und Freising hat sich der zuständige Erzbischof Reinhard Marx, am Donnerstag (27.01.2022) erneut für Leid und Vertrauensverlust entschuldigt. In seiner Stellungnahme betonte er, dass eine Reform der Kirche unabdingbar sei. Marx: „Es gibt keine Zukunft des Christentums in unserem Land ohne eine erneuerte Kirche!“

Nach der Lektüre des Gutachtens sei er erneut erschüttert und erschrocken, vor allem über das Leid der Betroffenen, aber auch über Täter und Beschuldigte und über das Verhalten von Verantwortlichen. „Wir sehen ein Desaster“, sagte Marx in München mit Blick auf das Gutachten, in dem von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern, die Rede ist. Das Dunkelfeld, so die Gutachter, sei aber womöglich deutlich größer.

„Klebe nicht an meinem Amt“: Marx bietet nach Missbrauchsgutachten keinen Rücktritt an

Wer jetzt noch „systemische Ursachen leugne und „einer notwendigen Reform der Kirche in Haltungen und Strukturen entgegentritt“, sagte Marx im Rahmen seiner Pressekonferenz, habe „die Herausforderung nicht verstanden“.

Kritisiert wurde er nicht nur im Rahmen des Gutachtens, das ihm in zwei Fällen ebenfalls Fehlverhalten im Umgang mit Missbrauchsfällen vorwarf. Auch hätten im Nachgang Betroffene des Missbrauchs in der katholischen Kirche enttäuscht darauf reagiert, dass Marx kein erneutes Angebot eines Amtsverzichts aussprach. Papst Franziskus hatte vergangenes Jahr ein Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs abgelehnt. Im Rahmen der Pressekonferenz betonte Marx allerdings „Ich klebe nicht an meinem Amt“.

München: Betroffeneninitiative kritisiert Marx‘ Umgang mit Missbrauchsgutachten

Der Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, Matthias Katsch bezeichnete Marx‘ Verhalten als „für Betroffene schwer erträglich“ und forderte „endlich“ eine Hinwendung zu den Missbrauchsopfern. Es gebe bis heute keine unabhängige Anlaufstelle für die Opfer des Missbrauchs durch Beschäftigte der katholischen Kirche. Stattdessen müssten Ehrenamtliche wie die Freiwilligen des Eckigen Tischs diese Arbeit machen.

„Es gibt immer noch kein Opfergenesungswerk, es gibt immer noch keine faire, angemessene Entschädigung“, kritisierte Katsch. Es falle ihm wirklich schwer, „auf dieses selbstzentrierte Gerede von Kardinal Marx wirklich zu antworten“.

Nach Veröffentlichung von Münchner Missbrauchsgutachten: Entscheidungsträger lässt Ämter ruhen

Statt personeller Konsequenzen forderte Marx, jeder Verantwortliche solle selbst prüfen, wo er sich schuldig gemacht und welche Folgen er daraus zu ziehen habe, sagte er. Prälat Lorenz Wolf, der im Gutachten stark kritisiert wird, habe ihm mitgeteilt, dass er alle Ämter und Aufgaben ruhen lassen werde. Dies habe er akzeptiert.

Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks (BR) bestätigte indes auf Anfrage, dass Wolf sein Amt als Vorsitzender des Gremiums ruhen lassen werde. Er habe bis auf Weiteres seinen Stellvertreter in dem Aufsichtsgremium des öffentlich-rechtlichen Senders, Godehard Ruppert, die Geschäftsführung des Rundfunkrats übergeben.

Missbrauchsgutachten in München ergibt zahlreiche Fälle von Fehlverhalten in Katholischer Kirche

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) war zu dem Ergebnis gekommen, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt worden waren. Es wirft auch den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor. (ska mit dpa/AFP)

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