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Auf den Straßen von London: Jodie Bredo als Kate und Simon Watkinson als Prinz William.

Britische Traumhochzeit

Kate oder so ähnlich

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Eines Tages machte Jodie Bredo eine verblüffende Entdeckung: Sie sieht aus wie die Braut von Prinz William. Seither eröffnet sie Eigenheime, wirbt für Babykleidung und posiert immer wieder vorm Buckingham-Palast.

Der Helikopter schwebte ein, die Rotorblätter stoppten, und heraus kletterte das königliche Paar: Er zupfte das Jackett seines dunklen Anzugs zurecht; sie schnippte mit einer kurzen Handbewegung die langen, gepflegten Haare aus dem Nacken. Dann schritten sie durch das Spalier potenzieller Käufer auf den Neubaukomplex zu.

Ein Bauträger war es, der Kate, alias Jodie Bredo, sowie einen Prinz-William-Doppelgänger angeheuert hatte, um der Verkaufseröffnung eines Wohnprojekts auf der Isle of Wight vor der englischen Küste mehr Glanz und Gloria zu verleihen. Jodie Bredo, die der Verlobten von Prinz William, Kate Middleton, auf verblüffend ähnlich sieht, schüttelte Hände, plauderte mit den Gästen und überstand auch den einzigen heiklen Moment ohne Kichern: Ein älterer Herr trat auf das Paar zu und erzählte dem William-Doppelgänger, dass er einst dessen bewundernswerte Großmama, die Königin, getroffen habe. Der Prinzen-Imitator, der die Queen nur aus dem Fernsehen kennt, rettete die Situation geistesgegenwärtig mit einem ergriffenen „Danke“.

Seit zwei Jahren tritt Jodie Bredo, 22, als Kate-Middleton-Double auf. Sie mag fast zehn Zentimeter kleiner und sieben Jahre jünger als die leibhaftige Catherine „Kate“ Elizabeth Middleton sein, aber sie ist zurzeit gut im Geschäft. Die Nachfrage ist zwei Wochen vor der Trauung des Jahres so enorm, dass Bredo kürzlich ihre Stelle als Sekretärin in einer Versicherung aufgab. Für die junge Frau aus dem Provinzstädtchen Chelmsford war der Ausflug auf die Isle of Wight ihr bislang aufregendstes Erlebnis. Zum einen, weil sie nie zuvor im Hubschrauber gesessen hatte. Zum anderen, weil der Gala-Empfang bei einem Häuslebauer eine gewisse Abwechslung in ihrem Lebens als Doppelgängerin darstellte. Denn es ist ansonsten vorwiegend ein Branche, die sie engagiert: die Medien.

Schon ihr erster Auftrag, vor zwei Jahren, kam von einem Hochglanzmagazin: Für eine Fotostrecke im „Tatler“ präsentierte sie Mode im Kate-Middleton-Stil. Die echte Prinzenfreundin samt des Inhalts ihres Kleiderschranks hätten die Zeitschriftenmacher kaum vor die Linse bekommen. So verpflichteten sie statt des Originals die Kopie.

Seitdem sind Möchte-Gern-Kates gut im Geschäft: Sonntagszeitungen lichten sie in unterschiedlichen Brautkleid-Modellen ab. Boulevardmedien lassen sie Baby-Kleidung kaufen. Ausländische Fernsehsender stellen Kate- und William-Doppelgänger vor der Westminster Abbey auf. Die Fotografin Alison Jackson knipste einen ganzen Fotoroman mit Jodie Bredo als Kate-Hauptdarstellerin: Die Hochzeit wurde als leicht beschwipste Familienfeier im Buckinghampalast inszeniert, als Höhepunkt mit der Braut im sexy Nachtgewand samt Krone. Das Ganze wurde dann als vermeintlich subversive Kunst verkauft. Freilich: Jackson verhökert ihre Motiv zugleich auf T-Shirts und Sammeltellern, ganz unironisch.

Das Interesse an Kate-Kopien ist keineswegs nur auf die Insel beschränkt: Im Februar wurden Jodie Bredo für das Sat.1-Morgenmagazin als Überraschungsgast nach Berlin geflogen. Die Agentur Susan-Scott-Lookalikes, für die sie arbeitet, hat inzwischen 40 unterschiedliche Kates in ihren Büchern, plus 20 William-Darsteller. „Der Tag, an dem der Palast die Hochzeit bekanntgab, war ein Gottesgeschenk für uns“, seufzt Firmengründerin Susan Scott glücklich in ihrem Nord-Londoner Büro.
Die seit 1979 existierende Agentur hatte heftig unter der globalen Finanzkrise gelitten. Denn das Doppelgänger-Geschäft ist, wie die Firmenchefin erklärt, eng an Betriebsfeiern gekoppelt, die in Großbritannien ein wichtiger Posten für die Unterhaltungsindustrie sind.

Mit William und Kate brummt das Geschäft

Ein Jahrzehnt lang, so lange der Londoner Finanzbezirk boomte, wuchs Susan Scotts Gewerbe stetig mit: „Es gab Oscar-Nächte, 80er-Jahre-Nächte oder James-Bond-Nächte. Dem Motto entsprechend wurden dafür Doppelgänger gebraucht, die sich unter die Partygäste mischten.“ Dann kam die Rezession, und schlagartig blieben die Buchungen aus.

Erst seit der Verlobung von Prinz William, dem Zweiten der britischen Thronfolge, mit der bürgerlichen Kate Middleton brummt das Geschäft wieder. Allerdings ist es jetzt ein anderer Motor, der es antreibt: „Die Nachfragen kommen nicht mehr von der Unternehmensseite. Sie kommen fast durchweg von den Medien“, sagt Susan Scott: „Das Phänomen haben wir zuletzt zu Lebzeiten von Prinzessin Diana gesehen.“

Auf das Diana-Phänomen, die märchenhafte Vergoldung ganzer Geschäftsbereiche durch die Assoziation mit einer von Normalbürgern vergötterten Person, hoffen viele im Lande. Bei Susan-Scott-Lookalikes hat dieser Goldmarie-Effekt bereits eingesetzt, es regnet Taler vom Himmel, in dem die Hochzeitsglocken läuten. Auch die Reporterin dieser Zeitung hat für das Interview mit Jodie Bredo gezahlt. Andere Branchen, wie die Souvenirhersteller, warten nun ebenfalls auf ihr kleines Hochzeits-Wirtschaftswunder. Wie von der verstorbenen Prinzessin Diana, der Mutter Prinz Williams, geht auch von Kate eine gewisse Faszination aus: Das machen sich jene Marketingstrategen zunutze, die auf die Nachahmungsreflexe setzen. Die Markenkleider, die Kate Middleton zuletzt bei ihren öffentlichen Auftritten trug, waren jeweils kurze Zeit später ausverkauft. Supermarktketten warfen Billigversionen auf den Markt – sehr zur Freude der Kate-Doppelgängerinnen übrigens. Die Mutter von Jodie Bredo hat für ihre Tochter eine nach-geschneiderte Kopie des kornblumenblauen Issa-Kleides erstanden, das die echte Kate Middleton zur Verlobung trug. Sie war es auch, die ihrer Tochter zuriet, ihre alte Festanstellung zugunsten des neuen Jobs aufzugeben. „Sie sagte mir, so eine Chance bekommt man nur einmal im Leben„, erzählt Jodie Bredo. „Arbeit als Sekretärin würde ich später leicht wieder finden.“

Dass das Land dem 29. April, dem Pomp und Prunk, den Flaggen und Fanfaren, mit einer gewissen Erwartungshaltung entgegenfiebert, steht außer Frage. Ein vergleichbares Weltereignis im Hause Windsor, die Vermählung von Thronfolger Prinz Charles mit Diana, liegt 30 Jahre zurück. Allerdings halten die Umfragen nicht ganz mit der enormen Medien-Begeisterung mit, die Susan Scott zuletzt in ihrer Agentur festgestellt hat. Denn 79 Prozent der Briten begegnen der königlichen Trauung mit Gleichgültigkeit – obwohl der Premierminister, David Cameron, einen nationalen Feiertag ausrief.

Skeptiker weisen freilich darauf hin, dass die Zurückhaltung mit der britischen Bürokratie zu erklären sein könnte: Manche Ämter verlangen selbst für das Aufhängen von Girlanden eine Versicherungspolice. Die Frau des Regierungschefs, Samantha Cameron, hat das nicht abgeschreckt: Sie richtet in der Downing Street, vor Nummer 10, eine Straßen-Party aus.

Insgesamt ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass die Medien in größere Verzückung über Kates und Williams Jawort geraten sind als der Rest des nur mäßig aufgeregten Landes. Die stellvertretende Chefredakteurin des Londoner Evening Standard, Sandie Sands, hat am Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion über „Monarchie, Klassengesellschaft und Prominenz “ zugegeben, dass die Royals geschäftsfördernd für die krisengeschüttelte Zeitungsbranche sind: „Diese drei Themen, Monarchie, Klassengesellschaft und Prominenz“, sagte sie augenzwinkernd, „stellen unsere beste Chance für ein wirtschaftliches Überleben dar“.

Dass Königshäuser für klingende Kassen sorgen können, weiß die Tourismus-Industrie schon lange. Schließlich belegt die Queen in der Rangliste der landestypischen Symbole den dritten Platz – nach der roten Telefonzelle und dem Doppeldeckerbus. So weist es das offizielle britische Fremdenverkehrsbüro Visit Britain aus. Mit Mehreinnahmen von 500 Millionen Pfund durch die Hochzeit (umgerechnet knapp 600 Millionen Euro) wird gerechnet, wenn man die Umsatzsteigerungen der mit der Monarchie verbundenen Sehenswürdigkeiten berücksichtigt, also Schlösser, Gärten und Paläste.

Eine Million Besucher werden am 29. April an den geschmückten und rigoros gesicherten Straßen Londons stehen. Vier Milliarden Zuschauer werden weltweit am Fernseher sitzen, so eine Schätzung. Manche Hotels bieten bereits Sonderkonditionen an, etwa Schnäppchenpreise für alle Gäste, die zufällig ebenfalls Kate und William – oder Kathrin und Wilhelm – heißen.

Der London-Besucher kann sich dieser Tage auch auf Stadtrundgänge begeben, die an Prinz Williams angeblicher Lieblings-Bar Boujis oder am Buckingham-Palast vorbeiführen. Die Touren sind eindeutig für Touristen konzipiert. Nicht einmal die Kates Doppelgängerin Jodie Bredo hat sich auf solche Pfade begeben: „Ich glaube nicht, dass ich soviel über Kate Privatleben wissen muss“, sagt sie. Für ihre Recherche reicht es aus, sich in Zeitungen über Kates Garderobe zu informieren.

Das Hochgefühl der Tourismusbranche wurde kürzlich allerdings empfindlich gemindert durch den Bericht eines hohen Mitarbeiters von Visit Britain. Er grub Besucherzahlen von 1981 aus, dem Hochzeitsjahr von Charles und Diana, sowie von 1986, dem Hochzeitsjahr von Andrew, dem zweitältesten Königssohn, und Sarah Ferguson. In beiden Jahren waren die Touristenzahlen gesunken, was den Schluss nahe legte: Königliche Hochzeiten wirken abschreckend auf Besucher.

Inzwischen hat Visit Britain weitere Statistiken vorgelegt, die beweisen, dass die Zahlen in den Folgejahren wieder stiegen – sogar um 1,7 Millionen nach Andrews Vermählung. Königliche Hochzeiten, heißt es nun, haben einen Langzeit-Jubeleffekt.
Sogar die Westminster Abbey in London, die 1000 Jahre alte Krönungskirche, vor deren Altar Kate und William stehen werden, hat einen kleinen kommerziellen Hochzeits-Schrein eingerichtet in ihrem Souvenir-Shop im Nebengebäude. Im Sortiment stehen eine Hochzeits-Bibel, eine Hochzeits-CD mit Händels Wassermusik und Edward Elgars unvermeidlichem Pomp and Circumstance sowie, etwas überraschend, eine Kopie von Kate Middletons Verlobungsring.

Selbst Prinz Charles, der Vater des Bräutigams, ist ins Andenken-Geschäft eingestiegen. In dem Laden an seinem Wohnsitz Highbury, wo er organische Produkte vertreibt, steht ein Kate-und-William-Puzzle im Regal. Es kostet 29,95 Pfund, ist aus Holz und kommt aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Der Erlös fließt Charles’ wohltätigen Stiftungen zu.

Die Brauteltern, Carol und Michael Middleton, die einen Kinder-Partyservice betreiben, sehen sich indes ständig dem Vorwurf ausgesetzt, Profit aus der Vermählung ihrer Tochter zu schlagen. Kürzlich tauchten Quiz-Rubbelkarten mit Krönchen im Angebot ihres Versandgeschäfts auf. Wer alle Fragen richtig beantwortet, wird zur „Queen of England“ ausgerufen. Nach einem Aufschrei in den Medien sind die harmlosen Kinderspielkarten aus dem Katalog verschwunden. Jetzt bieten die Middletons nur noch bewusst neutrale Union-Jack-Girlanden für bewusst neutrale Straßenpartys an. Für Prinzessinnen-Eltern, die ihr Einkommen selbst verdienen müssen, ist das Leben nicht immer leicht.

Für Prinzessinnen in spe ebenso wenig. Jodie Bredo beneidet den Lebensstil ihrer berühmten Doppelgängerin nicht: „Ich glaube, ich hätte nicht gern dauernd Kameras um mich herum“, sagt sie. „Die ständige Aufmerksamkeit würde mir wahrscheinlich zu viel.“ Sie ist manchmal ganz froh, zuhause wieder in ihre Jeans schlüpfen zu dürfen. Nach der Hochzeit will sie sich ohnehin wieder nach einer Bürostelle umsehen. Zumindest als Teilzeitjob.

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