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Deutsche und Italiener

Kapitän Feigling und der Bunga-Bunga-Premier

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Besserwisser gegen Spaghettifresser? Bei Begegnungen zwischen Deutschen und Italienern prallt eine geballte Ladung Klischees aufeinander.

In der Tram der Linie 8 im römischen Stadtteil Trastevere ist es an diesem Spätsommertag so eng wie in der U-Bahn von Tokio. Zwei ältere Damen zanken sich, lautstark und gestikulierend, weil die eine gedrängelt hat. Die anderen Fahrgäste fächeln sich genervt Luft zu. Nur eine deutsche Familie, Vater, Mutter, zwei heranwachsende Töchter, alle blond und die übrigen Fahrgäste um Kopfhöhe überragend, beobachtet den Streit interessiert. „Die müssen hier immer so laut und theatralisch sein“, kommentiert der Vater lächelnd. Seine Frau dagegen versucht sich im Schlichten. Fast flehend schaut sie die Streitenden an und sagt dann auf Deutsch: „Hören Sie doch endlich auf damit!“, und als sie nicht verstanden wird: „Stopp! Stopp!“.

Die Damen verstummen, nach einem Moment der Irritation schlägt die Stimmung in der Tram blitzartig um. „Scheren Sie sich um Ihre Angelegenheiten“, schnaubt die eine, „Bleibt doch zu Hause!“, ruft die andere. Die übrigen Fahrgäste debattieren über ungezogene Touristen im Allgemeinen und arrogante Deutsche im Besonderen. Irgendwann fällt auch der Name Angela Merkel.

Missverständnisse durch Vorurteile

Die kürzlich beobachtete Episode ist ein Beispiel dafür, wie leicht Missverständnisse zustande kommen, wenn Vorurteile im Spiel sind. Bei Begegnungen zwischen Deutschen und Italienern prallt eine besonders geballte Ladung beiderseitiger Klischees, Zerrbilder und Gemeinplätze aufeinander. Was als „typisch italienisch“ oder „typisch deutsch“ zu gelten hat, in Aussehen, Mentalität und Lebensgewohnheiten, hat sich in den Köpfen festgesetzt, viel stärker als im Umgang mit Briten, Franzosen oder Spaniern. Nicht, weil wir uns nicht kennen würden. Auch diesen Sommer haben wieder Millionen Deutsche in Italien Urlaub gemacht. Umgekehrt sind Berlin und München voller italienischer Touristen und eine halbe Million Italiener leben seit Jahrzehnten in Deutschland.

Es sei eine Beziehung, die seit Ewigkeiten in der Schwebe ist, sagt der italienische Politologe und Germanist Angelo Bolaffi. „In der Schwebe zwischen tiefer Anziehung einerseits und bösartigen Verdächtigungen andererseits, zwischen enthusiastischer Bewunderung und wiederkehrenden Missverständnissen“. Bolaffi weiß, wovon er spricht, er hat als Leiter des italienischen Kulturinstituts jahrelang in Berlin gelebt.

Man muss sich ja nur das deutsche Fernsehen und die Werbung anschauen. Da sind Italiener entweder charmante Latin-Lover-Typen mit übertriebener Gestik und übertrieben starkem Akzent oder schmierige Mafiosi. Dem populären Vorurteil zufolge gelten sie als laut, überschwänglich, fröhlich, lebenslustig, galant, genießerisch und ein bisschen anarchisch. „Ciao Bella“, „Dolce Vita“, „La Mamma“, „Bambini“ sind die Standardfloskeln der Deutschen beim Stichwort Italien. Das Klischee von den kinderlieben Italienern hält sich hartnäckig, obwohl Italien schon lange eine der niedrigsten Geburtenraten Europas hat.

Neid und Abneigung

Aber es gibt auch den anderen, den böseren Blick: Die Erwartung, dass man als deutscher Tourist in Italien übers Ohr gehauen wird. Die Überzeugung, dass Italiener unpünktlich, unzuverlässig und oberflächlich sind und Arbeitsmoral ein eher unterentwickeltes Konzept ist – weshalb in Italien vieles eben nicht so läuft, wie es sollte und es ständig Streiks, Verspätungen und einen Schuldenberg gibt. Aus der leicht überheblichen Wahrnehmung vieler Deutscher heraus sind Italiener operettenhaft und nicht ganz für voll zu nehmen. Francesco Schettino, der ebenso verantwortungslose wie eitle „Kapitän Feigling“ mit pomadigen Locken und Goldkettchen schien das Negativimage ebenso zu bestätigen wie Silvio Berlusconi, der Bunga-Bunga-Premier.

Und umgekehrt? Wie klischeebeladen sind die Italiener, wenn es um Deutsche geht? „Precisi“ ist das häufigste Adjektiv, wo immer das Gespräch auf die speziellen Eigenschaften der „Tedeschi“ kommt. Im positiven Sinne heißt das, die Deutschen seien genau, gründlich, zuverlässig und sorgfältig – Eigenschaften, auf denen auch der gute Ruf des „Made in Germany“ beruht. Italiener glauben, dass Deutschland im Gegensatz zu Italien „funktioniert“ – von der Verwaltung über die Schulen, den Arbeitsmarkt, bis zum disziplinierten Verkehr und den sauberen Städten. Vor allem aber funktionieren die Politik und die Politiker, anders als in Italien. Und nicht zuletzt auch die Deutschen, die brav ihre Steuern zahlen und für die es normal ist, sich an Regeln zu halten.

In dieser Einschätzung schwingt ebenso viel Neid mit wie tiefe Abneigung. Denn gerade wegen ihrer Gründlichkeit und Ordnungsliebe sind sie eben auch besserwisserisch, arrogant und belehrend. So wie die deutsche Familie in der Trambahn. Oder wie Kanzlerin Angela Merkel. Man tröstet sich südlich der Alpen damit, dass die Deutschen mit Regen, Kälte und miserablem Essen leben müssen. Abgesehen vielleicht von „Wurstel con crauti“ gilt Deutschland als kulinarische Wüste. Und seine Bewohner als furchtbar schlecht gekleidet.

„fleißig, regelfixiert, akkurat, sparsam, ernst“

Wer über diesen Griff in die Tiefen der Klischeekiste empört ist, dem sei eine Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung empfohlen. „Fremde Freunde“ war sie sehr treffend betitelt. In einer repräsentativen Befragung wurde unter anderem untersucht, was Italiener als „typisch deutsch“ sehen. Zustimmungsraten von bis zu 93 Prozent fanden Adjektive wie „fleißig, regelfixiert, akkurat, sparsam, ernst“. Die Deutschen werden als knauserige, pingelige, eher unkreative, humorlose und nationalistische Egoisten gesehen.

Deutsche dagegen schätzen Italiener als lebensfroh, locker, großzügig, genießerisch und kreativ ein, andererseits aber auch als nachlässig, verschwenderisch und faul. Fazit der Studie: Zwar kennen sich Italiener und Deutsche ziemlich gut. „Aber auch 60 Jahre nach Beginn des europäischen Einigungsprozesses bestimmen immer noch Stereotypen und tradierte Vorstellungen die Sicht“. In Italien gibt es eine Redensart, die das auf beiden Seiten widersprüchliche und zwiespältige Verhältnis recht treffend beschreibt: „Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie schätzen sie nicht“. Und umgekehrt: „Die Italiener schätzen die Deutschen, aber sie lieben sie nicht.“

Anlass für die Studie „Fremde Freunde“ waren die zunehmenden politischen Spannungen zwischen beiden Ländern angesichts der Eurokrise. Was diesen Punkt betrifft, war das Ergebnis der Befragung ernüchternd. Eine Mehrzahl der Italiener glaubt, das geeinte Europa und der Euro dienten vor allem einem Land, nämlich Deutschland. Acht von zehn finden, es sei zu mächtig geworden und missbrauche seine dominierende Stellung zum Nachteil ärmerer Länder wie Italien.

Die Kanzlerin gilt dabei als treibende Kraft, weshalb sie fast eine Art Feindbild geworden ist. Die herrische „Angela“ oder „La Merkel“ soll schuld sein an Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit in Südeuropa. Sie habe Italien das Sparen aufgezwungen und es damit kaputt gemacht, lautet die Überzeugung sehr vieler Italiener. Lediglich die Tatsache, dass Merkel vergangenes Jahr ein Herz für Flüchtlinge zeigte, hat sie zuletzt etwas milder gestimmt. 2012 titelte die zum Berlusconi-Imperium gehörende Zeitung „Il Giornale“, das „Vierte Reich“ der Angela Merkel wolle Italien in die Knie zwingen. „Jetzt kehren sie zurück, nicht mehr mit Kanonen, sondern mit dem Euro“, schrieb der Chefredakteur. Das rechte Blatt „Libero“ zeigte die Kanzlerin als Karikatur mit Hitler-Bärtchen und SS-Uniform.

Damals bestätigte sich wieder einmal, dass der italienische Blick auf die Deutschen sehr viel stärker rückwärtsgewandt ist als umgekehrt. Was deutsche Kultur betrifft, so fällt den Italienern zuallererst Goethe ein, dann noch Beethoven. „Achtung!“ ist eine der wenigen geläufigen deutschen Vokabeln, denn marschierende und Befehle brüllende deutsche Soldaten haben sich eingeprägt ins kollektive Bewusstsein. Die Besatzung Italiens durch die Deutschen nach 1943, die Nazi-Verbrechen an italienischen Zivilisten und den Partisanen der Resistenza wurden seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien in unzähligen Filmen und Romanen behandelt, von Rossellinis „Rom, offene Stadt“ über Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ bis zu „Die Nacht von San Lorenzo“ der Brüder Taviani. Die Generation der heute 50- bis 60-Jährigen wuchs mit der italienischen Comicserie „Sturmtruppen“ auf, einer Satire auf den Zweiten Weltkrieg mit schusselig-dämlichen Wehrmachtssoldaten.

„So etwas hören die Leute hier ungern“

Vor vier Jahren stellte der italienische Wissenschaftler Carlo Gentile, Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission und Wissenschaftler der Uni Köln fest: „Stereotypen, die eigentlich als überholt galten, tauchen angesichts der Eurokrise in Italien wieder auf“. Er sei überrascht über Töne, von denen er dachte, sie gehörten der Mottenkiste an.

„Mit der Wirtschaftskrise hat sich eine allgemeine anti-deutsche Stimmung verbreitet“, sagt auch der Politologe Angelo Bolaffi. Der 71-Jährige lebt in Rom, wo er politische Philosophie an der Universität lehrt. 2013 plädierte er in seinem Buch „Cuore tedesco“, „Deutsches Herz“ dafür, dass das moderne, besonnene Deutschland Vorbild für das restliche Europa sein müsse. Er erntete in Italien viel Kritik. „So etwas hören die Leute hier ungern“, sagt Bolaffi. Er erinnert sich an andere Zeiten. „In den 70er und 80er Jahren hatten zumindest die italienischen Intellektuellen und die Linken ein sehr positives Bild von Deutschland und seiner Kultur.“ Habermas, Fassbinder, deutsche Theatermacher wie Peter Stein wurden geschätzt. Damals habe ein reger Austausch stattgefunden, sagt Bolaffi, der Rudi Dutschke zu seinem Bekanntenkreis zählte.

Heute dagegen seien auch Italiens Intellektuelle davon überzeugt, dass Deutschland ein Krisenprofiteur sei. „Die gemütliche alte Zeit ist vorbei“, sagt Bolaffi. In Deutschland wiederum werde Italien inzwischen vor allem als Problem wahrgenommen. Das Unverständnis über zwei Jahrzehnte wiederkehrender Berlusconi-Regierungen habe viel dazu beigetragen. „Für die Deutschen ist Italien wie der Turm von Pisa“, sagt Bolaffi. „Schief, immer am Rand des Abgrunds, aber es bleibt irgendwie stehen.“

Und trotzdem. Die Sehnsucht nach dem „Land, wo die Zitronen blühen“ ist tief verwurzelt. Seit Jahrhunderten reisen deutsche Schriftsteller, Musiker, Maler und Architekten nach Italien, wie Goethe auf der Suche nach antiken Ruinen, Kunst und Arkadien. Die Nachkriegs-Deutschen träumten von glutäugigen „Capri-Fischern“ im Ringelhemd, von der üppigen Sophia Loren, von Gondeln, azurblauem Meer und wolkenlosem Himmel. Als manche Träume erschwinglich wurden, fuhren sie in ihren VW-Käfern an die Adria-Küste. Später, in den 80ern und 90ern, kultivierte die altlinke „Toskana-Fraktion“ italienischen Lebensstil. In „Go Trabi go“ konnte schließlich auch die sächsische Familie Struutz im himmelblauen Trabant bis nach Neapel kommen. Vergangenes Jahr überquerten fast elf Millionen Deutsche die Alpen Richtung Süden.

Und in einigen Dingen haben wir uns ja auch einander etwas angenähert. Die frühen Gastarbeiter wurden in Deutschland noch „Spaghettifresser“ geschimpft, heute gibt es Olivenöl, Parmesan und Rucola beim Discounter. Umgekehrt hat inzwischen jede Italienerin mindestens ein Paar der einst als hässlich und unelegant verpönten deutschen Birkenstock-Sandalen im Schrank. Sie sind ein modisches Muss geworden, genauso wie Kurzreisen zum Oktoberfest oder nach Berlin. Fast alle, die dort waren, sind enthusiastisch. „Bellissima“, schwärmen italienische Bekannte über Berlin, obwohl Schönheit nicht zu den hervorstechenden Merkmalen der deutschen Hauptstadt gehört.

Ganz anders als in Italien

Angelo Bolaffi hat eine Erklärung für die Begeisterung: „Wenn Italiener nach Berlin kommen, erwarten sie eine Kaserne. Aber dann finden sie sich im Kasino wieder“, sagt er. „Es ist eine Stadt, in der du machen kannst, was du willst. Klubs und Kneipen, die U-Bahnen fahren die ganze Nacht, Frauen können allein unterwegs sein.“ Es ist eben ganz anders als in Italien und vor allem anders, als sich Italiener Deutschland vorstellen.

Auch die Deutschkurse an Universitäten, Goethe-Instituten und Privatschulen boomen seit einigen Jahren. Die früher als hart und unmelodisch geschmähte deutsche Sprache ist plötzlich beliebt. Das liegt auch daran, dass so viele Italiener, vor allem junge, ins Ausland gehen, die meisten davon nach Deutschland. „Es emigrieren fast so viele wie zu Zeiten der Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren“, sagt Laura Garavini, eine Parlamentsabgeordnete, die sich für die regierende Mitte-Links-Partei um die Auslandsitaliener kümmert und als junge Frau selbst in Deutschland arbeitete. Jährlich verlegen fast 20 000 Italiener ihren Wohnsitz nach Deutschland. „Was sie anzieht, ist das moderne Deutschland, das tolerant und multikulturell ist“, sagt Laura Garavini. Jahrzehntelang habe es als Land des Nationalsozialismus und des Holocaust gegolten, als ein Land, das sich mit Schuld beladen hat. „Heute dagegen ist es ein Land, das Chancen verspricht“, sagt Laura Garavini. Kein Wunder, wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Teilen Süditaliens bei 80 Prozent liegt und in Süddeutschland bei unter vier Prozent.

Wie auch immer, womit wir wohl weiterhin leben müssen, sind die vielen Stereotypen und Klischees, mit denen Deutsche und Italiener sich begegnen. Menschen neigen nun einmal dazu, bevorzugt das wahrzunehmen, was ihre Vorurteile bestätigt. Also zum Beispiel wie laut und theatralisch manche Italienerinnen in der Öffentlichkeit streiten und wie arrogant und belehrend manche Deutsche im Ausland auftreten, um auf die Tram-Episode zurückzukommen.

Angelo Bolaffi versucht, auch das Gute darin zu sehen. „Ohne Vorurteile kann man gar nicht leben“, sagt er. Letztlich handele es sich um eine Strategie, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen. „Warum sollten sie also immer nur schlecht sein?“, fragt er lächelnd. Wenn ein Italiener einen Deutschen zum Essen einlade und der sich automatisch ein fröhliches Festmahl erwarte, dann sei das doch wunderbar.

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