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Francesco Schettino verkörpert auch in seinem äußeren Auftreten den eitlen Schürzenjäger.

Costa Concordia

Kapitän Feigling

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Auch drei Jahre nach dem 13. Januar 2012, als vor der Insel Giglio bei der Havarie der Costa Concordia 32 Menschen starben, ist die juristische Aufarbeitung lange nicht abgeschlossen. Der "Unglücks-Kommandant" Francesco Schettino wird heute das erste Mal vor Gericht aussagen.

Die meisten Italiener reagieren inzwischen nur noch gequält, wenn sein Name fällt: Francesco Schettino, auch Kapitän Feigling genannt. „Noo, basta!“, so wird die Erwähnung des Unglücks-Kommandanten der gekenterten Costa Concordia quittiert. Ähnliche Reaktionen gibt es sonst nur, wenn es um Silvio Berlusconi geht. Aber während der zu Steuerbetrug, Facelifts und viel zu jungen Frauen neigende Ex-Regierungschef trotz aller Skandale noch Anhänger hat, gilt Schettino als pure Schmach für Italien. Er habe das Ansehen des Landes in der Welt nachhaltig beschädigt und ins Lächerliche gezogen, so die allgemeine Auffassung – ein zusätzlicher Schlag in der Dauerkrise.

Sehr viel mehr Zeit als die öffentliche Verurteilung braucht die juristische Aufarbeitung des Costa-Concordia-Unglücks. Auch drei Jahre nach dem 13. Januar 2012, als vor der Insel Giglio 32 Menschen starben, ist sie lange nicht abgeschlossen. Seit Juli 2013 läuft der Prozess im toskanischen Grosseto. Einziger Angeklagter ist Francesco Schettino. An diesem Dienstag, nach eineinhalb Jahren, soll er zum ersten Mal vor Gericht aussagen. Zuvor waren Dutzende Zeugen gehört worden, darunter Passagiere und Bordoffiziere, die den Kapitän teils schwer belasteten. Schettino muss sich wegen fahrlässiger Tötung und des frühzeitigen Verlassens seines Schiffes verantworten, bis zu 25 Jahre Gefängnis drohen ihm.

Der Kommandant hatte die Costa Concordia mit mehr als 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern im Stich gelassen, nachdem sie auf einen Felsen gelaufen und gekentert war, so der Vorwurf. Während in jener Januarnacht auf dem immer stärker in die Schräge kippenden Schiff Menschen um ihr Leben kämpften, stand Schettino am Ufer, unfähig, die Evakuierung zu koordinieren. Er sei zuvor aus Versehen in ein Rettungsboot gerutscht und habe nicht mehr zurück gekonnt, rechtfertigte er sich später.

„Vada a bordo, cazzo!“, die Aufforderung des Hafen-Kommandanten Gregorio de Falco, die er in jener Nacht mehrfach am Handy aussprach – „Gehen Sie an Bord, verflucht noch mal!“ – ist legendär in Italien. „Aber Ihnen ist klar, dass es dunkel ist und wir nichts sehen?“, hatte Schettino am Telefon zu bedenken gegeben. Der fassungslose De Falco explodierte fast: „Ja und? – Wollen Sie etwa nach Hause gehen, weil es dunkel ist?“ Hätte es nicht so viele Tote gegeben, die Szene wäre zum Lachen. Aber die Posse endete tragisch. De Falco wurde in Italien als entschlossener und pflichtbewusster Held gefeiert.

Der inzwischen 54 Jahre alte Schettino, Süditaliener aus Meta di Sorrento nahe Neapel, bedient schon rein äußerlich gewisse Klischees. Stets sonnengebräunt, mit reichlich Pomade in den schwarzen Locken, verkörperte er in weißer Kapitänsuniform den eitlen Schürzenjäger. Tatsächlich war Schettino am Unglücksabend auf der Kommandobrücke in Gesellschaft einer jungen, blonden moldawischen Tänzerin, wie sich herausstellte. Domnica Cemortan gab im Zeugenstand vor Gericht nach langem Sträuben zu, sie sei die Geliebte des Kapitäns gewesen. Und während Schettinos Ehefrau ihn stets verteidigte („Mein Mann ist kein Monster“) war vergangenes Jahr gemutmaßt geworden, er sei inzwischen mit einer italienischen Fernsehjournalistin liiert.

Der Ex-Kapitän kann sich bis zu einer möglichen Verurteilung frei bewegen. Zum Prozess in Grosseto erscheint er regelmäßig in Begleitung seiner Anwälte, nur in den vergangenen Wochen blieb die Anklagebank leer. Dazwischen sorgt er immer wieder für empörte Schlagzeilen, etwa als bekanntwurde, dass er an der Universität Rom zu einem Vortrag über „Panik-Management“ eingeladen war. Im Juli, exakt während vor Giglio das Costa-Concordia-Wrack in einer spektakulären Aktion abgeschleppt wurde, ließ sich Schettino auf Ischia als Partygast ganz in Weiß flankiert von Damen fotografieren. Derzeit sorgt in Italien das Gerücht für Aufregung, der Buhmann der Nation werde an der Reality-Fernsehshow „Insel der Berühmten“ teilnehmen, eine Art Dschungelcamp. Der Sender aus dem Berlusconi-Imperium dementiert dies aber heftig.

„Wir Italiener waren einmal für Galileo und Leonardo da Vinci bekannt, aber jetzt kennen uns alle wegen Schettino und seinen Obszönitäten“, beklagte sich erst kürzlich Enrico Rossi, Präsident der Region Toskana. Schettino ist fest entschlossen, um seinen Ruf zu kämpfen. Rossi droht er mit rechtlichen Schritten. Und in Interviews betont er immer wieder: „Ich bin kein Schwächling.“ Er sei unschuldig. Die Schuld gibt er dem indonesischen Steuermann, der vor der Kollision mit dem Felsen sein Kommando nicht verstanden und das Schiff zu spät gedreht habe. Gegen die Reederei Costa Crociere klagt Schettino auf Wiedereinstellung. Seine Verteidiger sagen, er werde zum alleinigen Sündenbock gemacht, die Reederei trage Mitschuld.

Die hat sich längst vom Costa-Concordia-Desaster erholt, das sie sehr viel Geld gekostet hat. Sie sonnte sich im Glanz der erfolgreichen Bergung des Wracks und nahm erst kürzlich ein neues Kreuzfahrtschiff in Betrieb, die Costa Diadema, das größte weltweit. Auch dem italienischen Selbstbewusstsein hatte die gelungene Abschlepp-Operation, eine technische Meisterleistung, etwas Auftrieb verliehen.

Bleibt nur noch Schettino, der Buhmann. Bis er vermutlich irgendwann verurteilt wird, kann es noch Jahre dauern. So lange bleibt er ein lästiges Gesprächsthema.

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