+
Anlass für Verschwörungstheorien am Bosporus. Bill Gates hat ausnahmsweise nichts damit zu tun. 

Türkei

Kann ein Regenbogen Sünde sein?

  • schließen

Auch in der Türkei hängen Kinder Bilder als Zeichen der Hoffnung in die Fenster. Konservativ-islamische Kreise wittern einen Komplott: Regenbögen würden die Kleinen zu Schwulen und Lesben „umpolen“.

Angefangen hat es in Italien und Spanien. Kinder malten Regenbögen, klebten die Zeichnungen in die Fenster, hängten sie an die Gartenzäune oder teilten sie in sozialen Medien. Die Bilder sollten in der Corona-Krise Zuversicht verbreiten.

Inzwischen hat die Bewegung auch die Türkei erreicht. Das Istanbuler Museum für moderne Kunst, Istanbul Modern, rief Kinder dazu auf, Regenbögen zu zeichnen. Aber in der Türkei stiften die Kinderzeichnungen nicht Hoffnung, sondern polarisieren.

Lokale Schulbehörden haben Lehrerinnen und Lehrer ermahnt, das Zeichnen von Regenbögen zu unterbinden, berichtete jetzt die Lehrergewerkschaft Egitim-Sen. Die Aktion sei Teil eines „Komplotts“, Kinder zu Schwulen und Lesben „umzupolen“.

Schließlich ist die Regenbogenflagge ein Symbol der Toleranz gegenüber Homo- und Bisexuellen sowie transidenten Menschen. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind in der Türkei zwar nicht verboten. Homosexuelle werden allerdings gesellschaftlich häufig ausgegrenzt und immer wieder Opfer von feindlichen Übergriffen, nicht selten auch Gewaltverbrechen.

Regenbogenflagge

Der homosexuelle Aktivist Gilbert Baker erhielt 1977 den Auftrag, ein Symbol für die LGBTQ+-Communitys zu entwerfen. Seine Regenbogenflagge feierte im selben Jahr Premiere auf einer Parade und wurde von der Community schnell angenommen. Ihre Farben haben verschiedene Bedeutungen. Lila etwa steht für Geist und Seele der Community, Gelb für Freude, Orange für Heilung und so weiter. Inzwischen werden auf vielen Flaggen schwarze und braune Streifen ergänzt, um Schwarze und People of Color sichtbarer zu machen und stärker in den Protest einzubinden. 

Gezielt schüren konservativ-islamistische Kreise Vorurteile gegenüber Schwulen, Lesben und Transsexuellen. Vergangenes Jahr ließen die Behörden, wie schon in den vier Jahren zuvor, eine Gay-Pride-Parade in der Metropole Istanbul wegen „Gefahren für die Volksgesundheit“ verbieten, die Polizei setzte Tränengas und Gummiknüppel gegen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein.

Die Corona-Pandemie sorgt jetzt für neue Feindseligkeiten. Der Chef der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, hatte bereits Ende April in einer Predigt zum Beginn des Fastenmonats Ramadan Homosexualität „verflucht“. Sie löse Infektionskrankheiten aus und führe zum „Verfall“ der Gesellschaft.

Erbas erwähnte zwar in seiner Predigt nicht ausdrücklich die Corona-Pandemie, wurde aber weithin so verstanden, als wolle er Homosexuelle auch für die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus verantwortlich machen. Seine Predigt löste in großen Teilen der türkischen Zivilgesellschaft Empörung aus.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte die „hasserfüllten Äußerungen“ des Diyanet-Chefs „extrem besorgniserregend“. Die Anwaltskammer von Ankara erstattete unterdessen sogar Anzeige gegen Erbas wegen „Volksverhetzung“. Die Regierung drehte den Spieß allerdings kurzerhand um und reagierte mit einem Ermittlungsverfahren gegen die Anwaltskammer wegen „Verletzung der religiösen Gefühle des Volkes“.

Staatschef Recep Tayyip Erdogan, dem die Religionsbehörde direkt unterstellt ist, nahm den Diyanet-Chef in Schutz. Was Erbas gesagt habe, sei „von vorne bis hinten korrekt“. Jeder Angriff auf die Religionsbehörde sei ein „Angriff auf den Staat“, warnte Erdogan. Das klingt nach einem Terrorismus-Vorwurf.

Für die Anwaltskammer könnte die Kontroverse massive Folgen haben, nicht nur wegen der eingeleiteten Ermittlungen. Erdogan kündigte bereits eine Gesetzesänderung an. Sie hat zum Ziel, die schon öfters unbequeme Anwaltskammer stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare