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Kanada Mord

„Das kann so nicht weiter gehen“

  • Jörg Michel
    VonJörg Michel
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Der ungeklärte Mord einer 15-jährigen Ureinwohnerin löst in Kanada eine Debatte um die vielen Gewaltverbrechen an indigenen Frauen aus.

Tina Fontaine hatte noch viel vor mit ihrem Leben. Die 15-jährige Teenagerin vom Indianerstamm der Anishinaabe liebte Mathematik und Naturwissenschaften, lernte fleißig für ihre Führerscheinprüfung im nächsten Jahr und belegte in ihrer Freizeit Kurse für angehende Babysitter. Nach ihrem Schulabschluss in ein paar Jahren wollte Fontaine einmal mit Kindern arbeiten, als Lehrerin vielleicht oder auch als Kindergärtnerin.

Doch Tina Fontaine wird keine Chance mehr bekommen, ihre Träume zu verwirklichen. Vor ein paar Tagen fanden Polizisten die Leiche des Mädchens in einem Fluss nahe Winnipeg, eingewickelt in Tüten und Plastikplanen. Fontaine war Opfer eines brutalen Gewaltverbrechens geworden – wie so viele indigene Mädchen und Frauen in Kanada.

Der Tod von Tina Fontaine ist kein Einzelfall. Nach einem jüngst vorgelegten Bericht der Bundespolizei gelten in Kanada seit den 80er Jahren rund 1200 Ureinwohnerinnen als vermisst oder wurden getötet. Knapp ein Viertel dieser Fälle ist bis heute nicht aufgeklärt worden – auch nicht der von Tina Fontaine.

Das tragische Schicksal des Mädchens bewegt dieser Tage ganz Kanada und hat eine breite Diskussion über die soziale Lage der Ureinwohnerinnen des Landes ausgelöst, in der sich die Regierung und Vertreter der First Nations scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen.

„Der sinnlose Tod der Frauen muss ein Ende haben“, verlangte Derek Henderson, der Häuptling von Fontaines Stamm, deren Angehörige etwa 100 Kilometer nördlich von Winnipeg leben. Allein in seinem Reservat sind in der letzten Jahren fünf Frauen getötet worden oder sind spurlos verschwunden. „Das kann so nicht weiter gehen, nicht bei uns, nirgendwo in Kanada.“ Die Vertreter der Ureinwohner fordern eine landesweite Untersuchung der Fälle. Der Sonderbeauftragte der UN für die Rechte von Ureinwohnern hat sich der Forderung angeschlossen, ebenso die kanadische Menschenrechtskommission. „Die Vorfälle sind inakzeptabel für ein entwickeltes Land wie Kanada“, sagte deren Chef David Langtry dem Fernsehsender CBC. „Wir müssen den Ursachen endlich auf den Grund gehen.“

Doch die Regierung von Premierminister Stephen Harper fürchtet die negativen Schlagzeilen und bremst. Harper nannte den Tod von Tina Fontaine am Wochenende einen Kriminalfall und „kein soziologisches Phänomen“, das weiterer Untersuchungen bedürfe.

Die Zahlen der Bundespolizei allerdings sprechen eine andere Sprache. Danach fallen Frauen mit indigenen Wurzeln im Schnitt zwei bis vier Mal häufiger einem Gewaltverbrechen zum Opfer als andere Frauen. Indigene Frauen machen 16 Prozent aller weiblichen Mordopfer in Kanada aus, ihr Anteil an der weiblichen Gesamtbevölkerung beträgt aber nur gut vier Prozent.

Die allermeisten Täter sind männlich und gehören Weißen wie auch Indianern an. Experten führen die hohen Opferzahlen auf Armut und fehlende Berufsperspektiven der Ureinwohnerinnen zurück. Rund ein Drittel aller indigenen Frauen in Kanada hat keinen Schulabschluss, nicht wenige verdienen ihren Lebensunterhalt mit Drogen oder Prostitution. Menschenrechtsgruppen machen auch das zerrüttete Vertrauensverhältnis zwischen Justizbehörden und Ureinwohnerinnen mitverantwortlich. Dazu kommt das historisch belastete Verhältnis von First Nations und Weißen. Indigene Kanadier mussten sich bis vor wenigen Jahrzehnten auf Geheiß der Regierung in speziellen Internaten assimilieren lassen, in den Schulen kam es zu Gewalt und Missbrauch, vor allem gegen Frauen. In vielen Familien hat das Traumata ausgelöst, die zum Teil bis heute anhalten.

Auch Tina Fontaine hatte schon früh Schlimmes erlebt. Als Kind wurde sie von ihrer drogenabhängigen Mutter im Stich gelassen. Als sie elf Jahre alt war, wurde ihr Vater ermordet und Tina lebte in Pflegefamilien, vor denen sie immer wieder davonlief. Zuletzt flüchtete sie mit nur 60 Dollar in der Tasche nach Winnipeg. Dort verlor sich ihre Spur.

Der Mord an Tina Fontaine wird womöglich nie aufgeklärt werden. Doch wenigstens eines hat der tragische Tod des Mädchens vielleicht doch bewirkt: Kanadas Politiker können das Schicksal der Ureinwohnerinnen jetzt nicht mehr so leicht ignorieren wie bisher. Die Diskussion, was zu tun ist, hat jedenfalls begonnen.

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