Adventskalender

Das kann doch keiner wissen

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FR-Adventskalender, 22.12.: Hinter Türchen Nummer 22 liegt jede Menge unnützes Wissen.

Es gab eine Zeit, da trugen Männer wie Frauen vermehrt falsche Augenbrauen aus Mäusefell, die mit Fischleim aufgeklebt wurden. Es gab auch eine Zeit, in der sich Menschen eine Pomade aus Tierfett, garniert mit dem Fruchtfleisch fauler Äpfel, Nelken und Zimt in die Haare schmierten. Alles für die Schönheit.

Unnützes Wissen wie dieses erfüllt mich gelegentlich mit einer großen Dankbarkeit ob der Vorzüge, im Jahr 2018 zu leben. Doch darum geht es hier gar nicht, sondern vielmehr um die Frage, in welchem Zeitraum die widerliche Pomade und die Nagerfellbrauen denn so in etwa modern waren?

In den vergangenen Jahren erinnere ich mich an so einige unterhaltsame Abende mit einem kleinen, einfachen Kartenspiel namens „Ano Domini“. Spielbar ist es in größeren Zusammenkünften von bis zu acht Personen – und somit auch gerade jetzt, wenn die Familie zu Weihnachten zusammenkommt, aber auch zu zweit. Das Prinzip ist einfach: Jeder hat eine bestimmte Anzahl Karten vor sich ausgebreitet, auf denen je ein Ereignis steht. Auf der Kartenrückseite verbirgt sich, für alle unsichtbar, der Zeitpunkt, an dem sich besagtes Geschehnis ereignete. Der Reihe nach legt jeder Spieler eine seiner Karten in die Mitte und ordnet sie in die zeitliche Abfolge vor, nach, oder irgendwo zwischen die dort liegenden Karten mit Ereignissen ein.

Das geht solange, bis jemand, der an der Reihe ist, die Korrektheit der Reihenfolge der in der Mitte liegenden Karten anzweifelt. Dann wird die zeitliche Abfolge der Ereignisse überprüft. Und entweder zieht der Zweifelnde weitere Karten, wenn die Kartenreihe richtig ist, oder derjenige, der die letzte Karte in die Mitte legte, wenn die zeitliche Abfolge Fehler enthält. Gewonnen hat, wer seine Karten zuerst losgeworden ist.

Und eigentlich gibt es nur zwei Dinge bei „Ano Domini“, die den Spielern wirklich weiterhelfen. Entweder Wissen – oder die Fähigkeit, so zu tun, als verfüge man über Wissen. Zwar kann ich grob zeitlich einordnen, wann Heino sein Bäckergesellenstück ablieferte (natürlich eine Haselnusstorte) und weiß mit Sicherheit, dass es sich später ereignete, als Königin Catherines Anordnung an die Pariser Hofdamen, sich in Walknochenkorsetts mit 35 Zentimetern Taillenweite zu pressen. Aber ging auf dem Münchner Oktoberfest das Bier aus, bevor oder nachdem auf der Ostseeinsel Riems ein Denkmal für Meerschweinchen errichtet wurde? Und aß man in Italien schon Spaghetti mit Tomatensauce, als sich ein US-Präsident ein Gebiss aus Elchzähnen anfertigen ließ? Wer soll das denn wissen?

Und da in aller Regel die meisten meiner Gegenspieler auch nicht wesentlich mehr Ahnung haben als ich, wird natürlich häufig gezweifelt – und egal mit welchen noch so intelligenten und vielbelesenen Menschen ich dieses Spiel bereits gespielt habe, liegen die meisten mit ihren Einschätzungen doch auffallend häufig daneben. Und es verging auch noch kein Abend, an dem nicht mindestens ein Mitspieler – ich nehme mich da auch gar nicht aus – empört die Recherchen des Spieleautors infrage gestellt oder den Produzenten einen Druckfehler unterstellt hat. Und auch ein pädagogischer Aspekt ist dem Spiel nicht abzusprechen, lernt man doch neben Verblüffendem allerhand Unnützes, das man nie wieder braucht.

Und übrigens: Die noble Tierfettpomade für die wohlduftende Haarpracht gab es am Versailler Hof in der Mitte des 17. Jahrhunderts, lange bevor sich Mäusefellbrauen mit Fischleim zu einer Modeerscheinung entwickelten – natürlich.

„Ano Domini“ ist bei Abacusspiele in mittlerweile mehr als 30 Themenbereichen erschienen, beispielsweise Sport, Lifestyle, VIP, Natur, Sex & Crime und Kirche & Staat. Eine Ausgabe mit rund 340 Karten kostet im Handel zwischen zehn und 14 Euro.

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