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Die katholische Kirche ist mit schuld daran, dass am Kilimandscharo inzwischen jeder Dritte HIV-positiv ist, sagt sie.

Aids und Kirche

Kann denn Nächstenliebe Sünde sein?

Als Nonne in Afrika widersetzt sich Majella Lenzen der katholischen Kirche. Sie befürwortet Kondome zum Schutz vor Aids. Nun hat sie ein Buch geschrieben: "Das möge Gott verhüten". Von Petra Pluwatsch

In den ersten Jahren nach ihrer Rückkehr, sagt Majella Lenzen, habe sie jeden Afrikaner angesprochen. Habe ihn gefragt, wo er herkommt und was er macht in Deutschland. Wie er sich fühlt so fern der Heimat. Auch jetzt schweift der Blick der alten Dame durch die Panoramafenster des "Café Jungbluth" am Marktplatz von Düren im Rheinland, über bunte Blumenrabatten und Bistrostühle. "Da hinten", sagt sie schließlich und deutet über den weiten grauen Platz, "da hinten sehe ich einen Afrikaner."

33 Jahre, bis zu ihrem Austritt aus dem Orden der "Missionsschwestern vom Kostbaren Blut", hat Majella Lenzen, 71 Jahre alt und in Aachen geboren, in Afrika gelebt. 33 Jahre, in denen sie Schwester Maria Lauda hieß und über die sie jetzt ein ebenso kluges wie mutiges Buch geschrieben hat: "Das möge Gott verhüten. Warum ich keine Nonne mehr sein kann".

Es ist die Lebensgeschichte einer couragierten Frau, die mit knapp 15 Jahren in einen Orden eintritt und ihn vier Jahrzehnte später auf eigenen Wunsch verlässt, weil sie die Enge des Ordenslebens nicht mehr erträgt. Und es ist die Geschichte vom Versagen einer Kirche, die nicht in der Lage ist, sich den Gegebenheiten einer modernen Welt zu stellen.

Sie wolle nicht Kritik um der Kritik willen üben, betont Majella Lenzen, die man in Kirchenkreisen "Kondom-Nonne" schimpfte, weil sie Verhütungsmittel für Prostituierte in ihrem Auto transportierte. "Ich will sagen: Das ist mir passiert, und ich halte es nicht für richtig."

Hunger habe sie, sagt sie jetzt, nach ein paar Minuten des Vorgeplänkels, und schaut auf die Frühstückskarte: Kaffee, Rühreier, Brötchen, Wurst und Käse. Die Marmelade kommt in kleinen Schalen. Zum Frühstücken ist sie am frühen Morgen nicht gekommen, auch Zeit für die tägliche Tagebucheintragung, in der sie den vergangenen Tag Revue passieren lässt, ist nicht geblieben.

Majella Lenzen ist eine gefragte Frau in diesen Tagen, und ohne die Hilfe von Gott würde sie den ganzen Stress gar nicht durchstehen, sagt sie mit einer zarten, leisen Altfrauenstimme, die so gar nicht zu passen scheint zu dem, was sie gleich erzählen wird.

Majella Lenzen wird 1938 in eine tiefgläubige Familie hineingeboren. Der Vater Ludwig, Feuilletonredakteur beim Politischen Tageblatt in Aachen, wäre gern Missionar geworden, doch Familienzwänge verhindern, dass sich sein Traum von einem Leben im Dienste Gottes erfüllt. Die Patentante leitet in Ostafrika die Ordensgemeinschaft "Unsere Liebe Frau der Uluguru-Berge". Mit knapp 15 tritt Majella in ihre Fußstapfen und wird Schülerin im Missionshaus der Schwestern "zum Kostbaren Blut" in Neuenbeken, einem Stadtteil von Paderborn; vier Jahre später beginnt ihr Noviziat.

Ein anderer Lebensweg scheint kaum denkbar in jener Zeit. Schon als Kommunionkind habe sie den Wunsch verspürt, "Gott und damit den Menschen zu dienen. Utopisch für einen so jungen Menschen", sie lacht und zuckt mit den Schultern. "Ich wollte zu den weniger privilegierten Menschen gehen und sah einen Orden nicht als Hürde." Da habe sie sich wohl geirrt. Ihre braunen Augen blitzen schelmisch, und plötzlich traut man es ihr zu: dieses Ringen um ein selbstbestimmtes Leben und die Konsequenz, mit der sie, als nichts mehr geht, als sie endgültig den Glauben an die Sache verloren hat, ihren Weg in die Freiheit sucht.

Schon bald nach Beginn ihrer Ausbildung kamen ihr die ersten Zweifel am strengen Rhythmus des Klosterlebens. Für "erfahrbare Gottesnähe" war kaum Zeit geblieben. Die Vorbereitung auf ein Leben in der Fremde und die "Herausforderungen einer andersartigen Kultur" stellten sich in der Praxis als wenig lebensnah heraus. Eigenständiges Denken und Handeln seien nicht erwünscht gewesen, sagt sie. Damals habe sie gedacht, der Fehler liege allein bei ihr, sie sei nicht gut genug, um den Anforderungen des Klosterlebens zu genügen. "Ich wollte nicht wahrhaben, dass Menschen sich von diesen Strukturen verheizen lassen." Erst recht will sie nicht wahrhaben, dass sie selber zu eben jenen Menschen gehört, die einem System mit totalitären Zügen in die Falle gegangen sind.

Im Januar 1960, nachdem sie die ersten Gelübde abgelegt hat, wird sie nach Nairobi entsandt, eine junge Frau in weißer Tracht mit wachen Augen, das dunkle Haar unter einer Haube verborgen. An ihrer Hand steck ein schmaler Silberring als Zeichen der "Vermählung mit Christus". Noch heute trägt sie ihn an ihrem rechten Ringfinger, eingerahmt von den Eheringen der Eltern. Die Ordensleitung hat beschlossen, dass Schwester Maria Lauda am "Nairobi European Hospital" zur Krankenschwester ausgebildet wird, eine Entscheidung, die bisweilen noch heute schmerzt. Sie hätte damals gern Medizin studiert, sagt Majella Lenzen, doch das sei ihr, wie so manch anderes, vom Orden verwehrt worden. Selbst harmlose Wünsche bleiben unerfüllt, auch der, einmal im Leben den Kilimandscharo zu besteigen. "Inzwischen", sagt sie, "bin ich zu alt dafür."

Die damals 22-Jährige ahnt nicht, dass sie sich in ein Räderwerk aus Arbeit, Überlastung und Selbstzweifeln begibt, das sie Jahre später an den Rand des Selbstmordes führen soll. 1965 wird sie nach Turiani im Nordwesten von Tansania versetzt. Kaum ein Jahr später überträgt man ihr die Leitung des dortigen Buschkrankenhauses, ein Komplex aus schlichten Flachbauten, hingeduckt in eine weite Ebene. Der Alltag ist hart, es fehlt an Ärzten, an Medikamenten, an einem gelegentlichen Lob für die geleistete Arbeit.

"Ich war permanent überlastet", erinnert sie sich an die Strapazen jener Zeit. Selten findet "Mama Twiga", Mama Giraffe, wie die Einheimischen sie nennen, mehr als vier, fünf Stunden Schlaf - eine Qual für Körper und Seele.

Majella Lenzen hält inne. Ihr Blick geht suchend über den Marktplatz von Düren. Der Afrikaner ist nicht mehr zu sehen. Die harte Arbeit hat ihren Körper gezeichnet. Groß und schmal ist sie, das Gesicht unter dem braun getönten Haar ein wenig hager. Sich zu erinnern kann weh tun, auch wenn man Gott an seiner Seite weiß, und manch vergessen geglaubter Schmerz ist auf einmal wieder gegenwärtig. Arbeit, Demut, Gehorsam. Warum, fragt sie, und ihrer Stimme ist ein Rest des alten Zorns anzuhören, warum wurde ihr, einer erwachsenen Frau, von der Oberin verwehrt, Geld, das sie zur Bank bringen sollte, vorher zu zählen? Die Demütigung, die ihr damals die Tränen in die Augen trieb, lässt ihre Stimme zittern. Warum sich niederknien vor einem Bischof, der regiert "wie ein Stammesfürst. Ring küssen und ja, Mylord", fragt sie mit einem Sarkasmus, den man ihr kaum zugetraut hat bei der Begrüßung.

Auch ihre Zweifel am Sinn einer rigiden Missionierungspraxis wachsen in jenen 33 Jahren in Afrika. Die Schwestern sind gehalten, sterbende Säuglinge heimlich zu taufen. "Was ist mit den Kindern, die ungetauft außerhalb des Hospitals sterben?" Fragend zieht sie die Augenbrauen hoch und blickt ihrem Gegenüber fest in die Augen. "Kommen die etwa nicht in den Himmel?"

Zu keinem Zeitpunkt aber, auch das sagt sie bestimmt, seien ihr Zweifel an Gott und an ihrem Glauben gekommen. Nie habe sie ihr Ideal aus den Augen verloren, und das glaubt man ihr, die täglich Zwiesprache hält mit Gott, "meinem Partner", auf Anhieb.

Die Vorbehalte gegen die Vertreter Gottes auf Erden und das, was diese im Zeichen des Glaubens zu tun bereit sind, wachsen hingegen täglich, immer häufiger ist sie erschöpft.

Doch unermüdlich versucht sie, die verkrusteten Strukturen einer Gemeinschaft aufzubrechen, in der es "nicht auf die Identität des Einzelnen, sondern allein auf das Gemeinwohl" ankommt. Vergeblich. Ein Einsatz als Provinzoberin in Simbabwe endet nach fünf Jahren mit ihrer Abwahl. Die Bibliothek, die sie eingerichtet hat, wird aufgelöst; sämtliche Bücher werden verbrannt, ein Frevel, der sie bis heute erzürnt. Der Name Maria Lauda darf in der Ordenszentrale in Bulawayo nicht mehr genannt werden, ein Kränkung ohnegleichen auch das.

Zu jener Zeit hat sie längst angefangen, gegen die Beschneidung ihrer Individualität zu rebellieren. Vorbei die Jahre, in denen sie die Ursache für alle Schwierigkeiten bei sich selber suchte. Stattdessen träumt sie von einem "ganzheitlichen Ordenssystem", in dem jedes Mitglied als Individuum wahrgenommen wird und sich als solches in die Gemeinschaft einbringen kann.

In Tansania wird die inzwischen über 50-Jährige nach ihrer Abwahl als Provinzoberin als Aids-Beauftragte eingesetzt und soll in der Stadt Moshi eine Beratungsstelle für Aidskranke einrichten, das "Regenbogen-Zentrum".

Seit Jahren hat die Krankheit Afrikas junge Bevölkerung im Würgegriff. Die Kirche indes verschließt sich dem Problem weitgehend, und sie tut das, so Majella Lenzens Vorwurf, bis heute.

Zu Hunderten hat sie die Menschen in Afrika an der Krankheit sterben sehen, junge Mütter, Kinder, vielfache Familienväter. Auch Geistliche sind unter den Opfern - eine Tatsache, über die nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt werden darf.

"Die katholische Kirche bewegt sich einfach nicht", sagt Majella Lenzen, "und das ist tragisch." Nach wie vor verbietet die Kirche die Benutzung von Kondomen, "sie ist mit schuld daran, dass am Kilimandscharo inzwischen jeder Dritte HIV-positiv ist". Majella Lenzen ist keine, die ein Blatt vor den Mund nimmt. Offen spricht sie aus, was sie denkt - wer soll ihr noch etwas anhaben, nach allem, was bereits geschehen ist in ihrem Leben.

Irgendwann fährt sie mit ein paar Schachteln mit Kondomen übers Land. Eine befreundete Ärztin will die "Biscuits", die kleinen Päckchen mit den schützenden Gummis, im Auftrag einer dänischen Organisation öffentlich verteilen; sie selber besucht in der Zwischenzeit sterbenskranke Prostituierte, um ihnen Trost und christlichen Beistand anzubieten. Bald schon macht in Kirchenkreisen die Nachricht die Runde, Schwester Maria Lauda habe eigenhändig Kondome an Freudenmädchen ausgegeben.

Heute kann sie lachen über die Bezeichnung "Kondomnonne", die bald ihren Weg auch in die deutsche Presse findet. "Ich fand die Aktion toll und habe selber darüber geredet", erinnert sie sich. Naiv war sie, heute weiß sie das und ist fast geneigt, über sich selber zu lachen. Und fragt sich noch immer, wer aus ihrer Umgebung die Geschichte vom anstößigen Kondomtransport über die Grenzen Afrikas hinaustrug.

In der Folgezeit gerät die streitbare Nonne mehr und mehr unter Druck. Ihr Vertrag als Aidsberaterin wird nicht verlängert, stattdessen droht die Rückkehr ins Mutterhaus in den Niederlanden. Für Schwester Maria Lauda, seit ihrem 16. Lebensjahr den Regeln der "Missionsschwestern zum Kostbaren Blut" verpflichtet, ist damit "der Endpunkt der Geschichte" erreicht. Bis dato, sagt sie, habe sie immer noch versucht, sich zu fügen, zu verstehen, sich einzubringen. "Ich habe geglaubt, meine Vorstellungen von einem modernen Ordensleben verwirklichen zu können". Irgendwann hat sie das nicht mehr geglaubt.

1993 kehrt sie nach Deutschland zurück und zieht zu ihrer schwer kranken Mutter nach Düren. Zwei Jahre später wird sie auf eigenen Wunsch von ihren Gelübden entbunden. Ein Arzt bescheinigt ihr, dass sie nicht mehr ordensfähig ist. "Wäre ich zurückgegangen", glaubt sie heute, "hätte ich gegen alles rebelliert oder ich hätte mich selbst kaputt gemacht."

2001, nach dem Tod der Mutter, beginnt Majella Lenzen, ihre Geschichte aufzuschreiben. Sie hat sich eine kleine Rente erstritten und engagiert sich in einem lokalen Hospizverein. Sie sieht die Zeit reif dafür, öffentlich zu machen, was ihr widerfahren ist. "Ich habe so lange durchgehalten, weil ich immer wieder an das Gute geglaubt habe", sagt sie.

Mit 71 Jahren wagt Majella Lenzen, zu sich selber zu stehen und auszusprechen, wozu andere nicht den Mut haben. Vielleicht ist es ja dieses besondere Gottvertrauen, das sie durchs Leben trägt.

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