Freiheit ist für Kanadier ein hohes Gut, auch auf dem Wasser.
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Freiheit ist für Kanadier ein hohes Gut, auch auf dem Wasser.

Kanada

Kanadier ärgern sich über Alkohol-Verbot im Kanu

  • Jörg Michel
    vonJörg Michel
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Dürfen Kanadier beim Kanufahren betrunken sein? Die Frage geht ans nationale Selbstverständnis, denn trinken und paddeln gehört für viele zusammen.

In Kanada gehört das Kanufahren zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten und wichtigsten nationalen Symbolen. Denn für viele Kanadier gibt es kaum etwas Schöneres und Wichtigeres, als an einem lauen Sommerabend auf einem ruhigen See zu paddeln, die grandiose Natur des Landes zu genießen und nebenbei dem Singen der Eistaucher und dem Heulen der Wölfe zuzuhören. Da ist es kein Wunder, dass auch Kanadas jugendlich-sportlicher Regierungschef Justin Trudeau keine Gelegenheit auslässt, sich auf einem Kanu in Szene zu setzen. Die Bilder des paddelnden Premiers im Dunst des Ottawa River gingen jedenfalls um die Welt. Tatsächlich könnte es sich in Kanada kein ernstzunehmender Politiker leisten, nicht irgendwann in einem Kanu auf Tour zu gehen.

Allerdings gibt es im Alltag vieler Kanuten in Kanada ein Problem. Denn genauso wie das Kanufahren lieben die Kanadier ihr Bier. Das gehört für viele Outdoor-Fans zu einem waschechten Campingerlebnis mindestens genauso dazu wie ihr elegantes Paddelboot, mit dem schon die ersten Trapper und Pelzjäger der Hudson’s Bay Company das Land einst entdeckten und erschlossen.

Wo kein Kläger da kein Richter

Doch bislang schließt das eine das andere aus – jedenfalls auf dem Papier. Denn in Kanada ist es verboten, nach dem Genuss von Alkohol zu Paddeln. Für Kanuten gelten nämlich dieselben Regeln wie für Fahrer eines motorisierten Untersatzes, sei es ein Auto, Motorrad oder Motorboot. Auch wenn es wahrscheinlich nicht alle Camper so genau nehmen mit dem Gesetz. Wo kein Kläger da kein Richter – oder hat ernsthaft schon mal jemand mitten auf einem See ins Röhrchen pusten müssen?

Offenbar ja. Denn Kontrollen kommen immer häufiger vor. Jedenfalls gibt es in Kanada immer mehr Verfahren gegen betrunkene Kanuten, besonders in der Ostküstenprovinz Ontario, dem Land der tausend Seen und Flüsse. Gleichzeitig dürfen aber Fahrradfahrer weiter ihr Bierchen trinken, jedenfalls so lange sie keine Hilfsmotoren benutzen. Das ist ungerecht, finden viele Camper.

Die Sache geht also ans nationale Selbstverständnis. So sehr, dass sich jetzt das Parlament in Ottawa mit der Frage befasst. Im Zuge der geplanten Freigabe von Marihuana wollte die Regierung von Justin Trudeau ohnehin den bestehenden Gesetzeswald durchforsten und unnötige Gängeleien abschaffen. Wäre das nicht die passende Gelegenheit, auch das Bier vor der Kanufahrt zu legalisieren? Doch ganz so einfach ist es nicht, auch nicht in Kanada. Denn Sicherheitsexperten haben Bedenken. Sie weisen darauf hin, dass bei 40 Prozent aller Todesfälle auf dem Wasser Alkohol mit im Spiel ist. In den allermeisten Fällen betrifft das zwar Motorboote oder Hausboote. In Einzelfällen sollen aber auch Kanuten oder Kajakfahrer betroffen sein oder – schlimmer noch – deren Partner im Paddelboot.

Kanadische Regierung muss bis Sommer entscheiden

Und genau da liegt der Haken. Denn würden alkoholisierte Kanuten nur sich selbst gefährden, dann wäre die Sache wohl weniger kontrovers. Denn schließlich ist jeder für sich selbst verantwortlich und der Wert der Freiheit gilt viel im Land der Jäger und Trapper. Doch beim Kanufahren gibt eben auch Zweisitzer oder Paddelgruppen. Wie nur soll man mit denen umgehen, wenn doch einmal was passiert?

Die Frage ist also kompliziert – und noch nicht endgültig gelöst. Bis zum nächsten Sommer muss die Regierung die Sache entscheiden. Denn dann paddeln die Kanadier wieder zu Hunderttausenden raus auf ihre Seen und Flüsse. Mit oder ohne Bier.

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