+
Eine Straße in Pakistans Hauptstadt Karachi.

Präsident fordert zum Gebet auf

Kampf gegen die Flut in Pakistan

  • schließen

In Pakistan spitzt sich die Lage in den Hochwassergebieten weiter zu. Über 200 Menschen sind bereits ums Leben gekommen, über fünf Millionen Menschen sind von den Wassermassen betroffen.

Der Staub, den eine steife Brise über die trockene Ebene rund um Khot Ahmad Shah trieb, setzte sich gnadenlos zwischen den Zähnen fest. Aber der 48-jährige Tagelöhner Iqbal Punjhal redete im Juli nur über eine andere Sorge. „Wir fürchten, dass es in diesem Jahr wieder Überschwemmungen geben wird“, sagte der Mann, während er in dem kleinen Weiler Khot Ahmed Shah in der pakistanischen Provinz Sindh in seiner mit Hilfsgeldern errichteten Hütte hockte. „Die Regierung hat die Dämme, die bei der Flut im vergangenen Jahr zerstört wurden, immer noch nicht repariert“, fügt er an.

Inzwischen sind die schlimmsten Ängste des verschuldeten Landarbeiters Wirklichkeit geworden. Der sintflutartige Monsun hat weite Teile der Provinz unter Wasser gesetzt. Selbst die Straßen der Hafenmetropole Karachi sind überschwemmt. Hunderttausende von Hütten und Häusern mussten wegen des Wassers verlassen werden. Die Behörden melden rund 300 Tote, die Zahl der Betroffenen schwankt je nach Quellenangaben zwischen fünf und zehn Millionen Menschen. Im vergangenen Jahr, als das Hochwasser ein Fünftel Pakistans unter Wasser setzte, waren etwa 20 Millionen Menschen betroffen.

Verzweifelter Appell

Die neue Katastrophe setzte prompt das Räderwerk der Desasterhilfe in Bewegung. Hilfsorganisationen wenden sich mit Spendenaufrufen an die Öffentlichkeit. Die Streitkräfte des Landes haben Soldaten losgeschickt, um Opfer zu bergen und Lebensmittel zu verteilen. Staatspräsident Asif Ali Zardari wendete sich mit einem Appell an die Vereinten Nationen und bat um dringend benötigte Hilfe.

#infobox

Noch vor wenigen Monaten war von solcher Demut bei internationalen Geberkonferenzen wenig zu spüren. Hochmütig lehnte Islamabad Angebote zum finanziellen Wiederaufbau nach den verheerenden Überschwemmungen des vergangenen Jahres ab. Der Grund: Die Geber knüpften Kredite an überfällige Reformen des pakistanischen Steuersystems und Verwaltungsapparats. Islamabads Antwort: Man werde die Kosten für den Wiederaufbau lieber selber stemmen.

In Wirklichkeit geschah viel zu wenig. Nicht einmal die Deiche, die angesichts der Wassermassen im vergangenen Jahr gesprengt werden mussten, wurden wiederhergestellt. Die Folge: Gegenwärtig findet das Regenwasser – die Niederschläge erreichten bis zu 500 Millimeter statt der sonst üblichen 30 Millimeter pro Jahr – nahezu ungehindert seinen Weg in die Felder. Selbst in den Regionen, in denen Dämme und Stauwerke intakt sind, gibt es Überschwemmungen, weil Kanäle mit Abfällen verstopft sind.

Komplette Ernte zerstört

Betroffen sind wieder überwiegend die Haris, die bereits im vergangenen Jahr die Leidtragenden waren. Sie leben in Flussniederungen oder auf dem Land von Großgrundbesitzern. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie meist mit Feldarbeit auf den Äckern der Eigentümer und indem sie einen Teil der Ernte von dem gepachteten Land abführen.

Schon im vergangenen Jahr zerstörten die Überschwemmungen die komplette Ernte der Familie Punjhal, einer von Hunderttausenden von Hari-Familien, die auch jetzt betroffen sind. Der Schuldenberg explodierte. „Ich glaube nicht, das wir zu unseren Lebzeiten unsere Schulden noch einmal abbezahlen können, sagte der Tagelöhner Punjhal erst vor einigen Monaten, „so ist unser Leben nun einmal.“ Nach den neuen Überschwemmungen und mit den neuen Schulden wird es mit Sicherheit so bleiben.

Dennoch wartete Pakistan Regierung mit ihrem Hilfsersuchen an die Vereinten Nationen bis zur „Stunde elf“, so ein ausländischer Hilfsexperte. Dabei zeichnet sich die Katastrophe bereits seit August ab. Ein Grund für die Überwindung des pakistanischen Nationalstolzes könnten die Vorhersagen der Meteorlogen sein. „Die Lage wird sich noch verschlimmern, nicht nur in Sindh, sondern auch in dem ebenfalls betroffenen Beluchistan, sagte der Meteorologe Arif Mehmood voraus. Vielleicht hat aber auch die katastrophale Lage in Nawabshah zum Sinneswandel in Islamabad beigetragen. Der Heimatdistrikt von Präsident Zardari ist besonders schlimm betroffen.

#gallery

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion