+
Erst bunt, dann brutal: Bevor es in die Arena geht, paradieren die Tiere in hübschen Kostümen.

Türkei

Bunte Girlanden und schäumende Mäuler

Kamelkämpfe sind in der Türkei noch immer beliebt. Tierschutzaktivisten fordern immer wieder ein Ende der Kämpfe, da sie für die Kamele eine Qual darstellen.

Wild schnaubend werfen sich zwei Kamele aufeinander. Ihre zottigen Hälse sind vorgereckt, die bunten Höcker mit bestickten Überwürfen bedeckt, während ihnen vor Aufregung der Speichel aus den Mäulern läuft. Mit aller Kraft versuchen die beiden braunen Trampeltiere, ihren Gegner niederzuringen, ihm die Beine wegzubeißen und ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nach kurzem Kampf gelingt es einem der Tiere, seinen Gegner in die Knie zu zwingen und unter dem Rufen der Zuschauer in den Staub der Arena zu werfen. Ein Sieg.

Mehr als 2000 Menschen, Männer zumeist, drängen sich um den Wettkampfplatz in Selcuk, nicht weit von der türkischen Ägäisküste entfernt. Sie pflegen eine Tradition, die bis auf die Epoche der Yörük zurückgeht, ein kriegerisches Nomadenvolk, das im 11. Jahrhundert nach Anatolien kam. Der erste offizielle Wettkampf in der Region von Selcuk wurde in den 1830er Jahren organisiert, doch reicht die Tradition der Kamelkämpfe noch viel weiter zurück.

Zunächst hätten Händler in den Karawansereien Kämpfe zwischen den Kamelen veranstaltet, die sie zum Transport ihrer Waren ans Mittelmeer verwendeten, erzählt der Soziologe Devrim Ertürk von der Universität in Selcuk, der auch selbst zwei Kamele besitzt. Heute würden während der Wintersaison, wenn die Bauern keine Arbeit auf den Feldern haben, knapp 90 Kämpfe an der Ägäisküste zwischen Antalya im Süden und Canakkale im Nordwesten organisiert.

In Selcuk sitzen die Zuschauer um kleine Tischchen gruppiert, auf denen sie ihr Picknick ausgebreitet haben. Vor Beginn des Festivals rezitieren alle gemeinsam Verse des Korans, doch zur gebratenen Kamelwurst gibt es trotz des Alkoholverbots im Islam Raki, einen starken Anisschnaps. „Mein Vater und mein Großvater hatten Kamele, es ist eine alte Tradition“, sagt Abdullah Altintas, der mit seiner Frau Nilgün gekommen ist.

Mit Ziehen und Drücken: Die Besitzer drängen die Tiere zum Kampf.

Tierschutzaktivisten fordern immer wieder ein Ende der Kämpfe, da sie eine Qual für die Kamele darstellten. Die Organisatoren der Kämpfe versichern aber, dass alles zum Schutz der Tiere getan werde. So werde ihnen das Maul zugebunden, damit sie sich nicht beißen können. „Für die Kamelbesitzer sind ihre Kamele sehr wertvoll, sie tun alles, damit ihnen nichts passiert“, versichert auch der Soziologe Ertürk. Viele gäben ihren Tiere gar die Namen ihrer eigenen Kinder.

Am ersten Tag des Festivals gibt es einen Schönheitswettbewerb, zu dem die Kamele geschmückt mit bunten Girlanden, türkischen Flaggen und Überwürfen mit ihrem Namen vor einer Jury antreten. Auch Kara Elmas – der „schwarze Diamant“ – war dabei. Sein Besitzer Erol Bilgin präsentiert das Tier stolz und beschreibt es als „ruhig, respektvoll und sensibel“. Mit seinem zottigen Liebling ist Bilgin aus der Provinz Mugla weiter südlich zum Festival angereist.

Den Schönheitswettbewerb am ersten Tag hat Kara Elmas zwar nicht gewonnen, doch nun hofft sein besitzer Bilgin auf den Wettkampf. „Wir sind von weit her gekommen, daher ist er etwas aufgeregt“, erzählt Bilgin. „Er weiß, was ihn erwartet.“ Insgesamt 124 Kamele treten in Selcuk gegeneinander an. Einen Preis gibt es für den Gewinner zwar nicht, doch für die Männer ist der Sieg eine Frage der Ehre.

Als Kara Elmas aufgerufen wird, führt Bilgin ihn in der Arena an den Zuschauerrängen entlang, bevor er das Kamel vor seinem Gegner zum Stehen bringt. Als die beiden Trampeltiere losgelassen werden, stürzen sie sich aufeinander und zwingen einander mehrfach in die Knie. Umwerfen können sie sich aber nicht. Patt. Für Bilgin ist es trotzdem ein großer Erfolg. „Ich bin so bewegt, wirklich stolz“, sagt er und krault sein Kamel am Hals. „Er hat sich so toll geschlagen, weit besser, als ich erwartet habe.“ (Luana Sarmini-Buonaccorsi, afp)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion