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1993: Seit an Seit mit Ehefrau Masako, einer Diplomatin.

Kaiser von Japan

Eröffnet Naruhito auch Frauen die Thronfolge?

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59 Jahre lang war er der unscheinbare, schüchterne Kronprinz – am 1. Mai besteigt Naruhito nun selbst den Chrysanthementhron in Tokio.

Wie ein Trendsetter wirkt der Thronfolger nicht gerade. Von Insidern wurde er schon als schüchtern beschrieben, nahezu verklemmt. Und wenn er sich um legeres Auftreten bemüht – ob mit Trainingsjacke und weißen Handschuhen im Park joggend oder posierend auf einer Bank in beiger Strickjacke – überwiegt ein altbackener Touch. Schließlich wuchs Naruhito am kaiserlichen Hof auf, nie galten für ihn dieselben Regeln wie für Gleichaltrige. Cool sein wäre für ihn wohl out gewesen. Und doch: Ab sofort ist der 59-jährige einer, der vielen Japanern als Rollenmodell dienen wird.

Seit Wochen erwartet das ostasiatische Land, die älteste ununterbrochene Monarchie der Welt, die Krönung des neuen Kaisers. Zehn freie Tage wurden dem Volk verordnet, damit es die Feierlichkeiten verfolgen kann, die am 1. Mai in der Inthronisierung ihren Höhepunkt finden. Naruhito wird dann laut Verfassung offiziell zum „Symbol des Staates und der Einheit des Volkes.“ Obwohl sich viele Japaner im Alltag kaum für ihre Monarchie und deren Zeremoniell interessieren, misst man der Institution des Kaisers doch großen Wert bei. Es ist eine Mischung aus Respekt und Traditionsliebe, die den nahenden Übergang auf dem Chrysanthementhron in Tokio zu einem Riesenereignis macht.

Da ist zunächst das übliche Theater. Der öffentliche Rundfunk NHK schreibt einen Blog mit Countdown bis zum Ausscheiden des amtierenden Kaisers Akihito, TV-Sender und Zeitungen berichten groß und breit, wie der bald scheidende Kaiser und seine Frau Michiko ihre letzten Besuche an Schreinen durchführen, in denen die Ahnen geehrt werden. Außerdem wird spekuliert, wie Nachfolger Naruhito dem Thron wohl seinen eigenen Stempel aufdrücken wird. 

1964: Zurückhaltendes Wesen in auffälligem Gewande.

Akihito, der 1989 als erster Kaiser nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Amt antrat, machte sich einen Namen als Versöhner, der in diverse Länder reiste, denen Japan bis 1945 an Deutschlands Seite schweres Leid zugefügt hatte. So bereinigte Akihito letztlich auch das Ansehen des Throns, das durch Akihitos Vater Hirohito und dessen Verwicklung im Krieg arg gelitten hatte.

Japan sucht nach seinem Platz in der Welt  

Heute steht Japan, auch wenn dem Land noch immer seine Kriegsvergehen anlasten, eher vor ganz neuen Problemen. Sie reichen von der Verschlossenheit der Gesellschaft bis zu strukturellem Sexismus und münden in einer nun über zweieinhalb Jahrzehnte wiederkehrenden ökonomischen Stagnation. Während der Nachbar China und teilweise auch Südkorea vorbeiziehen, sucht Japan bisweilen orientierungslos nach seinem neuen Platz in der Welt.

Und weil gesetzliche Antworten auf die Herausforderungen kaum Veränderung bringen, setzen fortschrittliche Kräfte schon Hoffnungen auf einen, dem man auf den ersten Blick kaum Zugkraft bei solchen Themen zutrauen würde: Kronprinz Naruhito. Dabei könnte der unspektakulär anmutende Mann tatsächlich als Motor für gesellschaftlichen Wandel funktionieren.

Die Vorstellung scheint zunächst paradox. Weltweit fallen Königs- und Kaiserhäuser eher mit Traditionalismus denn sozialem Fortschrittsdenken auf. Besonders am japanischen Kaiserhof, dessen Familie laut der Urreligion Shinto direkt von der Sonnengöttin Amaterasu abstammt, arbeiten diverse erzkonservative Offizielle, die auch den Kaiser in Schach zu halten versuchen.

So dürfen in Japan etwa nur Männer den Thron besteigen, obwohl akuter Nachwuchsmangel an Jungen besteht. Ohnehin wurde der Kaiser mit Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg entmachtet. Die Nachkriegsverfassung von 1947 verbietet der gesamten Monarchenfamilie politische Aktivitäten. Naruhitos Bewegungsradius auf dem Thron wird also stark begrenzt sein.

Naruhito will „frischen Wind“ bringen 

Allerdings ließ er in der Vergangenheit schon mehrmals aufhorchen, wenn er vor die Mikrofone trat – oder einfach Taten sprechen ließ. So verkündete Naruhito zuletzt, „frischen Wind“ in die Monarchie zu bringen. Naruhito ist bekannt als weltgewandter Typ, Umweltschützer und Unterstützer der emanzipierten Frau.

Sollte er auf dem Thron für diese Werte einstehen, wäre das in Japan eine Sensation. Denn auch wenn der Kaiser keine Politikempfehlungen aussprechen darf, kann er sehr wohl mit seinem eigenen Lebensstil als Beispiel vorangehen. Und das könnte, da viele der aktuellen Herausforderungen eher soziale als gesetzliche sind, eine entscheidende Auswirkung haben.

Immer bescheiden, immer im Hintergrund: Der japanische Kronprinz Naruhito.

Da ist etwa das Thema der Geschlechterrollen. Kaum ein Industrieland unterscheidet stärker zwischen Mann und Frau als Japan, wenn es um Aufgaben im Haushalt einerseits und den Arbeitsmarkt andererseits geht. Im Gender Gap Report des World Economic Forum, der Geschlechtergleichstellung in Wirtschaft, Politik, Bildung und Gesundheit vergleicht, landet Japan von 149 Ländern entsprechend auf Platz 110, hinter Brunei und Malaysia.

Frauen leisten demnach fünfmal so viel unbezahlte Haus- und Pflegearbeit wie Männer und sind entsprechend selten in den Arbeitsmarkt eingegliedert. Männer dagegen geben in Umfragen häufig an, dass sie sich zwar gern mehr an Haushalt und Kindererziehung beteiligen würden, aber wegen informeller Jobverpflichtungen bis spät in den Abend meist keine Zeit hätten.

Nur ein Prozent aller Managementpositionen sind in Japan weiblich besetzt, auch weil eine Mutterschaft fast immer das Karriereende bedeutet. So hat Premierminister Shinzo Abe die Frauen schon als die am stärksten ungenutzte Ressource der Volkswirtschaft beschrieben. Doch alle möglichen politischen Antworten auf diese Schieflage haben kaum zu Verbesserungen geführt.

Ein Vergleichsweise moderner Mann 

Der neue Kaiser auf dem Thron könnte nun helfen. Anders als die meisten Geschlechtsgenossen seines Landes präsentiert er sich als vergleichsweise moderner Mann und Vater. Als Naruhito 1993 die ausgebildete Diplomatin Masako Owada heiratete, soll er ihr etwa versprochen haben, ihre Interessen mit all seiner Macht zu schützen – auch und gerade auch gegen gesellschaftliche Erwartungen an sie.

Nach öffentlicher Kritik an Masako, weil diese keinen Jungen zur Welt brachte, maßregelte ihr Ehemann konsequent: „Wenn es zu viel Gerede gibt, fürchte ich, dass sich der Storch beleidigt fühlt.“ Seit 2001 dann Tochter Aiko geboren wurde, zeigte sich Naruhito zumindest öffentlich gelegentlich als ein Vater, der sich an der Erziehung beteiligt.

Auch beim Blick über die eigenen Landesgrenzen hinweg könnte Naruhito zum Vorbild werden. Denn während sich die Welt mit hohem Tempo globalisiert, nimmt die japanische Gesellschaft daran nur bedingt teil. Bisweilen gar mit fallender Tendenz. Zwischen 2004 und 2011 sank etwa die Zahl der im Ausland studierenden Japaner um fast ein Drittel. Bis heute beherrscht selbst in den jüngeren Jahrgängen nur ein kleiner Bruchteil eine Fremdsprache. 

Ausländern und allem Ausländischem begegnen Japaner häufig zwar mit Faszination, aber auch mit Skepsis. So hat sich das Land über Jahre ausländischen Arbeitskräften verweigert, obwohl diese ob der alternden Bevölkerung dringend gebraucht werden. Selbst ein neues Gastarbeitergesetz, das im April in Kraft trat, wird den Arbeitskräftemangel nicht annähernd beheben.

Aufgeschlossener Kaiser mit Auslandserfahrung 

Auch hier könnte Naruhito schon durch seinen eigenen Lebenslauf ein Umdenken provozieren. Er studierte an der britischen Eliteuniversität Oxford, wo er eine Abschlussarbeit zu mittelalterlichen Transportsystemen von Wasser schrieb. Dies brachte ihm international eine Beraterfunktion bei der UN-Organisation für Wasser und Abwasser und im Inland reichlich Bewunderung ein. Er spricht fließend Englisch, besser als die meisten Toppolitiker und -manager im Land.

Nie hatte Japan, das durch seine Abgeschlossenheit seit Jahren den Anschluss bei mehreren globalen Trends zu verlieren droht, in seiner jüngeren Vergangenheit einen so weltgewandten Kaiser. All das macht Naruhito noch längst nicht zu einem Revolutionär. Aber schon durch seinen Blick in die Welt und gen Zukunft ist er am Hof eine streitbare Figur. Vor allem dem Kaiserlichen Hofamt, das die Geschäfte des Kaisers regelt, soll Naruhito suspekt sein.

Dort will man schließlich vor allem eine Diskussion tunlichst vermeiden: Naruhito, dessen einziges Kind seine Tochter Aiko ist, wäre vermutlich der Idee zugetan, die Thronfolge auch Frauen zu ermöglichen. Aber so eine Emanzipation, so finden Konservative, sei ein Trend, den man getrost verpassen könne.

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