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Soaad (vorne) und ihre jüngere Schwester Hagar müssen täglich mit Übergriffen rechnen

Kairo

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Kairo gilt als eine der gefährlichsten Städte für das weibliche Geschlecht weltweit, sexuelle Übergriffe gehören zum Alltag. Die Gesellschaft gibt den Frauen die Schuld. 

An windigen Tagen flattern die Plastikfetzen durch Ezbet Khairallah. Doch sobald sich der fliegende Müll auf die sandigen Straßen des Viertels senkt, kehren die Menschen ihn einfach wieder zusammen wie Herbstlaub. Hier, am Rande Kairos, haben sie längst gelernt, mit dem Abfall zu leben, der überall um sie herum liegt. Die Hunde schlafen darin und die Mädchen laufen darüber zur Schule. Und weil keine Müllabfuhr kommt, werden die Haufen am Straßenrand immer größer.

Die Müllhügel an sich scheinen hier niemanden zu stören. Sie gehören so selbstverständlich zum dreckigen Saum der 25-Millionen-Stadt wie der kratzige Geruch von brennendem Abfall. Erst wenn sie zu hoch werden, machen die Haufen den Mädchen von Ezbet Khairallah Angst. Denn dann, so sagt die 14-jährige Soaad, können sich Männer dahinter verstecken. Männer, die ihnen auflauern wollen.

Sexuelle Übergriffe sind in Kairo an der Tagesordnung. Von den Städten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, den sogenannten Megacitys, ist Ägyptens Hauptstadt nach Einschätzung der Thompson Reuters Foundation weltweit die gefährlichste für Frauen. 99 Prozent geben hier an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein, hat eine Umfrage aus dem Jahr 2013 ergeben. Auch für minderjährige Mädchen ist das Alltag. Und in Vierteln wie Ezbet Khairallah, wo die Polizei sich kaum blicken lässt, ist die Gefahr besonders groß.

Sie droht hinter den Müllhaufen, aber auch in dem schlecht beleuchteten Tunnel, der unter der Ring-Road durchführt, Kairos Transport-Schlagader. Und sie droht an den Treppen, die zur nah gelegenen Metro-Station führen. „Schwarzes Loch“, nennen die Mädchen aus dem Viertel die Stufen, an denen sie auf dem Schulweg Junkies und Drogendealern begegnen, von denen manche schon ein Messer ziehen, nur weil jemand nicht aus ihrem Viertel stammt. Die Gefahr, sie droht aber auch an ganz normalen Orten.

„Wenn Mädchen durch die Straßen laufen, wo junge Männer in den Cafés sitzen, werden ihnen Dinge hinterhergerufen“, sagt Soaad. Die 14-Jährige mit ihrem kindlichen Wesen ist Teil des Projekts „Safer Cities for Girls“ der Kinderhilfsorganisation Plan International. Die Initiative mitten im Armenviertel arbeitet daran, die Mädchen stark zu machen für den Umgang mit der allgegenwärtigen Belästigung.

Wenn die Müllberge zu hoch wachsen, kommt die Angst.

Hier können sie sich treffen und über ihre Erlebnisse sprechen. Sie bekommen auch Trainingsstunden in Selbstverteidigung und lernen in gemeinsamen Projekten mit Jungen und jungen Männern den selbstbewussten Umgang mit dem anderen Geschlecht. Einmal haben Mädchen und Jungen auf dem staubigen Platz vor dem Haus sogar gemeinsam Fußball gespielt. Ein Ereignis, von dem noch heute alle im Viertel sprechen.

Seit Kurzem kommt auch Aman hier her. Sie ist 17 Jahre alt. Sie sagt, sie sei zwar noch nie auf der Straße angegriffen worden, aber Belästigungen mit Worten und Gesten erlebe auch sie jeden Tag. „Man muss mit allem rechnen, selbst von Jungen.“ Zur Schule geht Aman nicht mehr, seit sie 13 ist.

Damals wurde sie mit einem 31-Jährigen aus dem Viertel verlobt. Nicht gegen ihren Willen, sagt sie. Er habe bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten und sie sei einverstanden gewesen. Zur Heirat kam es nicht. Der Mann habe ihr eigentlich auch nie gefallen. „Ich war einfach neugierig“, sagt Aman. Sie lebt nun noch immer bei ihren Eltern, die nicht wollen, dass sie alleine rausgeht. Es sei zu ihrem Schutz, sagen sie.

Wie Soaad und Aman berichten fast alle Mädchen und Frauen hier, dass sexuelle Belästigung zu ihrem Alltag gehört. Gleichzeitig will fast keine von ihnen selbst Opfer körperlicher Übergriffe gewesen sein. Diese vermeintliche statistische Sensation zeigt einen anderen Teil des Problems: Sexuelle Übergriffe gelten in Ägypten als Schande – für die Opfer.

Das Land ist in großen Teilen der Bevölkerung weit konservativer, als es viele Touristen in den Badeorten abseits von Kairo wahrnehmen. Noch immer ist die Annahme weit verbreitet, wenn Frauen sich zu offen kleiden, seien sie selbst schuld. Und zu offen, das kann schon ein lockeres Kopftuch sein. Selbst von der Polizei würden die Vorfälle heruntergespielt, berichten viele Frauen. Es sei oft sinnlos, Anzeige zu erstatten.

Zur Ignoranz kommt nicht selten eine Wut auf Frauen. So fand der Kairoer Psychologie-Professor Hani Henry in einer Studie heraus, dass nicht wenige Männer modernen Frauen vorwerfen, ihnen die Jobs wegzunehmen. „Frauen sollten daheim bleiben, wenn sie nicht belästigt werden wollen“, habe ihm etwa einer der Männer geantwortet, die er für seine Studie interviewt hat, berichtet Hani Henry.

„Wenn einer Frau etwas passiert, fängt das Gerede an“, sagt auch die 40-jährige Huda Mohamed Zaki. Und es seien nicht nur Männer, die den Opfern die Schuld zuschreiben. „Frauen genauso“, sagt Huda. Mit 19 hat sie ihren zehn Jahre älteren Nachbarn geheiratet. Sie haben zwei Töchter, fünf und 13 Jahre alt, und einen Sohn, der 20 ist, ziehen zudem einen 16-jährigen Neffen groß. Zu sechst leben sie in einer Drei-Zimmer-Wohnung.

Sexuelle Belästigung gibt es hier aber nicht erst seit gestern, sagt Huda bloß. Auch wenn es heute deutlich schlimmer sei als in ihrer Jugend. „Die Gruppendynamik macht dabei viel aus“, sagt Huda. Als Schülerin hat sie im Bus oder auf der Straße selbst mit ihrem Zirkel aus dem Mathe-Unterricht zugestochen, um sich gegen sexuelle Übergriffe zu schützen, erzählt sie. Auch die lange Nadel, mit der die muslimischen Mädchen häufig ihr Kopftuch feststecken, könne eine sehr wirksame Waffe sein.

Sich verteidigen, aber bloß kein großes Ding daraus machen. So hat auch Huda es immer gehalten. Heute aber, würde sie eine Belästigung melden, sagt sie im Gespräch mit einer anderen Mutter, die wie Huda ihre Tochter vom Plan-International-Projekt abholt. Die beiden Frauen widersprechen sich ständig. In einem aber sind sie sich einig: Es sind die Männer, die sich in Ägypten ändern müssen.

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