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Straßenrand-Szene in Addis Abeba: „Die Käfer-Familie bringt Sonnenschein in eine wahnsinnig gewordene Welt“, schwärmt die äthiopische Schriftstellerin Maaza Mengiste.

Addis Abeba

Das Käfer-Paradies

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In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba lebt der legendäre Volkswagen nach seinem Fließband-Aus weiter – mitunter schillernder als je zuvor.

Der Käfer ist tot. Sein Schicksal wurde vor 17 Jahren besiegelt, als das letzte kurvenreiche Modell in Mexiko vom Band rollte. Daran konnte auch sein geglättetes Remake nichts ändern: Dessen Produktion wurde im Juli 2019 eingestellt. Längst ist die Legende aus dem Straßenbild verschwunden: Nur noch selten ist das heisere Husten des luftgekühlten Heckantriebs zu hören. Zumindest in Ländern, die sich – aus welchen Gründen auch immer – für „entwickelt“ halten.

In Addis Abeba, der 2350 Meter über dem Meeresspiegel liegenden „Hauptstadt Afrikas“, ist das anders. Dort brummen noch Tausende von Käfern durch die sich wie wahnsinnig verändernde Millionen-Metropole: Sie knattern über neu errichtete Stadtautobahnen, hallen durch Schluchten vielstöckiger Betonbaugerippe und werden nicht selten von den Enkeln ihrer ersten Besitzer gesteuert. Viele sind in Farben gestrichen, die selbst im Smog der Viermillionenstadt noch leuchten. „Die Käfer-Familie bringt Sonnenschein in eine wahnsinnig gewordene Welt“, schwärmt die äthiopische Schriftstellerin Maaza Mengiste.

Wo der VW Käfer weiterlebt

Der VW Käfer lebt! In Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien,  brummen auch mehr als 15 Jahre nach der Einstellung der Käfer-Produktion Tausender dieser Autos durch die Stadt. Unser Korrespondent hat ein paar Exemplare für Sie fotografiert. © Johannes Dieterich
Modell klassisch-wild. © Johannes Dieterich
Der grüne Muskel-Käfer. © Johannes Dieterich
Mit Sicherheitsschloss. © Johannes Dieterich

Besuchern fällt das Phänomen schon nach wenigen Stunden auf, wenn ihnen der hundertste brummende Greis unter die Augen gekommen ist. Manchen sieht man die unzähligen Lebensjahre gleich an, andere haben mit einer neuen Lackierung ein funkelndes Facelift erhalten, wieder andere sind mit fetten Schlappen, Spoilern oder neuen Ledersitzen aufgepimpt, als ob sie in einem Wettbewerb für Bodybuilder auftreten müssten. Was in jedem Fall fest steht: Käfer-Besitzer steuern kein Gefährt, sondern einen Gefährten.

Teshome Senior arbeitete einst bei Volkswagen in Äthiopien - heute führen seine Söhne die Werkstatt.

Salomons grauschimmernder Brummer ist mit 62 Jahren fast zwanzig Jahre älter als sein Fahrer: Der Fußballtrainer hat seinen Volkswagen vor vier Jahren für 38 000 Birr – rund 1200 Dollar – erstanden. Mit wie vielen Kilometern weiß der bebrillte Besitzer nicht zu sagen: „Der Kilometerzähler ist zum Glück kaputt.“ Salomon ließ seinen neuen Freund erst einmal neu lackieren: Jetzt rumpelt er täglich von einem Sportclub zum anderen – auch auf der Autobahn ins Umland von Addis Abeba. „Ich liebe ihn“, sagt der Trainer: „Ich kenne alle seine Geräusche und weiß sofort, wenn ihm was fehlt.“

Kleine Eingriffe nimmt Salomo selbst vor, ist es was Ernsteres, bringt er den 1300er zu Kaleb Teshome, aus dessen Hof die Käfer bereits auf die Straße quellen. Die Werkstatt des 29-jährigen Mechanikers hat es heute gleich mit acht „Beetles“ zu tun: Einer wird zum Lackieren vorbereitet, der andere hat ein Problem mit den Augen, wieder ein anderer muss völlig durchgerostet mit einem neuen Boden ausgestattet werden. „Wir machen hier alles“, sagt Kaleb: Und zwar seit 50 Jahren.

Vorbereitet zum Lackieren.

Kalebs Vater arbeitete einst bei Volkswagen in Addis Abeba: Die Firma war von Kaiser Haile Selassie ins Land geholt worden, der in dem erschwinglichen „people’s car“ eine Chance für die Motorisierung seiner Untertanen sah. Ironischerweise wurde der Herrscher nach dem Putsch der „Derg“ im September 1974 auf dem Rücksitz eines VW-Käfer von seinem Palast ins Gefängnis kutschiert, wo er ein Jahr später 83-jährig erdrosselt wurde.

„Wir machen hier alles“, sagen Kaleb Teshome (l.) und sein Bruder.

Kalebs 74-jähriger Vater machte sich bald selbstständig: Inzwischen arbeiten seine drei Söhne und eine Tochter in der Werkstatt, die zu den besten der äthiopischen „Käfer-Familie“ zählt. Repariert werden hier ausschließlich Beetles und VW-Busse: Das Nadelöhr sind Ersatzteile, die immer schwerer zu finden sind und immer teurer werden. „Wir müssen andere Fahrzeuge ausschlachten“, sagt Kaleb und macht kein Geheimnis daraus, wie weh das tut. Er selbst motzte sich einen 45 Jahre alten 1500er mit metallic grüner Farbe und fetten Reifen auf: „Wenn ich mit dem unterwegs bin, verdrehen selbst die Fahrer von Luxuslimousinen ihren Hals.“

Dass der Käfer-Kult ausgerechnet in Äthiopien eine Blüte fand, ist nicht zufällig: Die Einwohner des nur für wenige Jahre kolonialisierten Staates sind äußerst geschichtsbewusst und stolz auf ihre Tausende von Jahren alte Tradition. Das spiegelt sich auch im Verhältnis der Äthiopier zu Gegenständen wieder: Jeder Käfer erinnere sie an ihren Vater, schreibt Schriftstellerin Maaza Mengiste, die ihre überschwängliche Liebe mit immer neuen bebilderten Eindrücken im Twitter-Hashtag #BeetleEthiopia zelebriert. „Dieser rote Käfer sieht auf liebenswerte Weise heruntergekommen, aber immer noch energisch aus“, ist dort unter anderem zu lesen.

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