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Nach Jahren des Erfolgs nun auch Teil des Skandals: Die K-Pop-Band FT Island, hier 2012 in Hanoi.

Missbrauch in der K-Pop-Szene

Viele schwarze Schafe

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Seit Jahren wird Südkoreas beliebte K-Pop-Szene von Missbrauchsskandalen erschüttert. Nun häufen sich prominente Fälle.

Weil er so schön singt, dachte ich, er wäre auch eine gute Person“, sagt eine junge Frau auf den Straßen von Seoul, die von TV-Reportern befragt wird. „Im Fernsehen wirkte er immer sehr freundlich. Aber diese Sache zeigt mir, dass Menschen hinter verschlossenen Türen ganz anders sein können“, denkt eine andere laut. Ein junger Mann sagt: „Es ist total enttäuschend. Und ich glaube sogar, er ist nur ein kleiner Teil von etwas viel Größerem in der Entertainmentbranche.“

Es sind die Eindrücke junger Südkoreaner, von denen viele die Welt nicht mehr verstehen. Seit knapp zwei Wochen füllen sich Nachrichten im Land mit Berichten zu Berühmtheiten, die für einige von ihnen Idole sind. Schließlich sehen sie gut aus, tanzen wie Götter und propagieren mit ihren Liedtexten und Personas ein sauberes Leben.

Einige Köpfe dieser Szene heißen Jung Joon-young, Seungri oder Choi Jong-hoon und gehören zu den großen Figuren im K-Pop, der südkoreanischen Popmusik, die seit einigen Jahren weltweit die Hitlisten stürmt. Nur handelt es sich bei den News diesmal nicht wie sonst um Klatsch und Liebe, sondern um richtige Skandale. Ein Sänger nach dem anderen wird mit schweren Vorwürfen konfrontiert, Sexualstraftaten begangen zu haben. Der 30-jährige Sänger Jung Joon-young, der zuvor die Leadstimme in mehreren Bands war, wurde vor einer guten Woche verhaftet, weil dieser mit versteckter Kamera Aufnahmen von zehn Frauen gemacht hatte, während er Sex mit ihnen hatte. Die Videos soll er wiederum in privaten Chats geteilt haben.

Karriere beendet: K-pop-Star Jung Joon-young.

Jung hat die Tat schon gestanden und seinen Rückzug aus dem Showgeschäft verkündet. Ein Mitglied im Chat und Empfänger des Materials soll der 29-jährige Choi Jong-hoon gewesen sein, Leadsänger der Boygroup FT Island. Der Kopf der Boygroup Big Bang wiederum, der 28-jährige Sänger Seungri, wird beschuldigt, dass er für potenzielle Investoren aus dem Ausland Prostituierte als Zahlungsmittel eingesetzt habe.

Auch anderswo fällt das Showgeschäft oft mit windigen Machenschaften auf. Diese Sache aber hat besondere Ausmaße. Einerseits ist Südkoreas Popindustrie ein wichtiges Instrument, mit der das Land seine Popularität im Ausland vorantreibt. Seit den 1990er Jahren hat sich die südkoreanische Regierung bemüht, popkulturelle Kreationen von TV-Serien über Essen bis Musik international sichtbar zu machen. So wurden die erfolgreichsten Popgruppen, zu denen mit insgesamt 140 Millionen verkauften Platten und 400 Millionen Zuschauern auf Youtube insbesondere Big Bang gehört, zu einem wahren Exportschlager. Die „Hallyu“ genannte Bewegung, auf Deutsch: „koreanische Welle“, hat nicht nur in Japan und anderen asiatischen Ländern Chartbreaker gelandet, sondern auch in Europa und den USA.

Andererseits hat sich mit etwas Verspätung auch in Südkorea eine MeToo-Bewegung ausgebreitet. Machtmissbrauch, sexuelle Nötigung und arge Straftaten machen vermehrt Schlagzeilen. Im Februar wurde der Politiker Ahn Hee-jung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, nachdem dieser eine weibliche Mitarbeiterin sexuell angegangen haben soll. Einen Monat vorher kündigte Südkoreas Kommission für Menschenrechte ihre bisher größte Untersuchung zu sexuellem Missbrauch in der Sportszene an, nachdem mehrere Athletinnen mit Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen an die Öffentlichkeit getreten waren.

Big-Bang-Mitglied Seungri (2. v. r.) vor seiner Befragung.

Mitte März wurde zudem ein Ring von Voyeuren gesprengt, der in 30 Hotels rund 1600 Gäste heimlich auf deren Zimmern gefilmt und die Videos auf einer Website hochgeladen hatte. Zwei führenden Köpfen, die mit der Sache bisher gut 5000 Euro verdient haben sollen, drohen nun bis zu sieben Jahren Haft. Die illegale Verbreitung geheimer Videoaufnahmen ist in Südkorea ohnehin ein bekanntes Problem. Schon im vergangenen Jahr gingen Tausende Frauen auf die Straße und forderten härtere Strafen gegen die Täter.

Auch dem Popstar Jung Joon-young, der ebenfalls heimlich filmte und den in Korea hohen Verbreitungsgrad dieser Praxis nun weltbekannt gemacht hat, drohen siebe Jahre Haft. Besonders unangenehm für die ganze K-Popszene ist die Sache aber auch deshalb, weil Behauptungen, hier handle es sich um einige schwarze Schafe, nicht mehr überzeugen. Vor drei Jahren etwa kam ans Licht, dass in gutbetuchten Kreisen eine Liste für sexuelle Dienste kursierte, die Mitglieder von Girlgroups und Schauspielerinnen nach Popularität und Preis ordnete. Zudem kam raus, dass in den Verträgen vieler Sängerinnen Klauseln dazu verpflichteten, im Fall einer Schwangerschaft eine Abtreibung im Ausland vorzunehmen.

Laut einer Umfrage der nationalen Menschenrechtskommission hatten schon im Jahr 2010 rund 55 Prozent aller befragten Frauen im Showbusiness angegeben, solche sexuellen Angebote erhalten zu haben. Die Hälfte von ihnen sagte, dass sie bei einer Ablehnung Nachteile im Job erlitten hätten.

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