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Kleines Malwunder: Die Australierin Aelita Andre.

Malwunder

Junge Meister

Für Gemälde von Aelita Andre (3) und Kieron Williamson (8) zahlen Sammler Tausende Euro. Kunstexpertin Chantal Eschenfelder erklärt, ob das angemessen ist.

Frau Eschenfelder, die Bilder, die Sie hier sehen, stammen von einem dreijährigen Mädchen und einem achtjährigen Jungen. Was ist Ihr erster Eindruck?

Bei den Bildern des Mädchens würde ich sagen, dass das ganz normale Ausdrucksformen eines Kindes sind. Kinder hantieren in dem Alter gern mit Farben. Sie wollen sehen, was sie mit ihren Körperteilen erzeugen können, oder wie sich das Bild verändert, wenn man die Farben zusammenrührt. Der explorative Anteil ist sehr hoch. Das bewusstere, gegenständlichere Zeichnen fängt erst im Vorschul- oder Grundschulalter an. Weil die motorischen Fähigkeiten dann ausgeprägter sind, aber auch, weil durch Vergleichen und Beobachten Schlüsse gezogen werden können.

Kieron Williamson ist acht, also im Grundschulalter...

...und da habe ich ehrlich gesagt Zweifel, dass diese Werke eigenständige Kompositionen eines Achtjährigen sind. Wahrscheinlicher ist, dass er sich an Bildvorlagen orientiert hat.

Wieso?

Bei dem Bild mit den zwei Booten zum Beispiel: da sind die Wolken ganz anders gemalt als die Landschaft, mit viel dickerem Pinsel. Sie zeigen zudem eine unglaublich atmosphärische Lichtreflexion. So sehen echte Wolken fast nie aus. Das ist nicht so drauflosgemalt, wie es ein Achtjähriger normalerweise machen würde, sondern erinnert eher an verschiedene kunsthistorische Stile.

An welche?

Grundsätzlich an impressionistische Künstler, oder auch deren Vorläufer wie Turner und Constable. Die Art der Wolkenbearbeitung ist aber auch wieder typisch für Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert.

Und an welche Maler erinnern die Werke von Aelita Andre?

Bei dem Bild mit dem roten Rand fällt mir Jackson Pollock ein. Er arbeitete abstrakt, schleuderte Farben auf die Leinwand.

Heißt, diese Bilder sind tatsächlich Kunst.

Eine kreative Äußerung eines Menschen erzeugt vielleicht ein künstlerisches Produkt. Aber Kunst, wie wir sie aus dem Museum kennen, entsteht strenggenommen nur aus einer bewussten Handlung. Die Bilder von Aelita dagegen sind mehr oder weniger zufällige Produktionen.

Aber die Ergebnisse sind doch ähnlich.

Dass wir als Betrachter finden, dass sich die Werke ähneln, liegt daran, dass wir das Endergebnis, nicht aber den Werkprozess beurteilen. Bei Pollock und anderen Künstlern der Moderne gehört der aber genauso dazu, wie die Wahl eines bestimmten Bildausschnitts. Ein Thema, eine künstlerische Strategie und eine Malweise zu wählen, all diese bewussten künstlerischen Entscheidungen kann man bei Kindermalereien nicht voraussetzen. Bei einer Dreijährigen nicht, und auch nicht bei einem Achtjährigen.

Hat Aelita beim Malen des Bildes „Adler“ nicht vielleicht doch einen Adler vor Augen gehabt?

Ich hätte da eher ein Huhn drin gesehen. Kinder würden Dinge so benennen, wie sie sie kennen. Vielleicht hat Aelita wirklich einen Adler gesehen und es war ein so prägendes Erlebnis für sie, dass sie ihn zu Hause gemalt hat. Aber, wie gesagt: In diesem Alter geht es um Form und Farbe. Bilder sind daher eher Zufallsergebnisse.

Wieso werden die Werke von Aelita dann als Kunst gepriesen?

Weil sie an Werke berühmter Künstler erinnern. Im 20. Jahrhundert sind Kunstrichtungen entstanden, bei denen sich die Künstler abgewendet haben von einem klassischen Schönheitsideal. Bei den Expressionisten wollten viele weg von der akademischen Tradition. Künstler wie Emil Nolde haben sich bewusst für einen „primitiven“ Kunststil entschieden und sich unter anderem an Kinderbildern orientiert.

Haben die beiden Kinder wenigstens Talent?

Bei Aelita ist das schwer zu sagen. Dazu müsste ich das Kind sehen und beobachten. Sicher ist: Kinder in diesem Alter interessieren sich unterschiedlich stark für das Spielen mit Farbe. Sicher ist auch: Sie haben einen Sinn dafür, ob etwas spannend aussieht oder nicht. Und sie merken, welche Effekte Farben und Farbkombinationen erzeugen. Zum Beispiel, dass leuchtende Farben wie Orange und Blau nebeneinander stärker wirken als zwei dunkle Farbtöne. Ob sich diese Neigung später weiterentwickelt, das hängt aber von vielen anderen Faktoren ab.

Und Kieron Williamson?

Wenn die Bilder wirklich von ihm stammen, dann hat er handwerkliches Können. Das ist aber nicht dasselbe, was wir unter künstlerisch-kreativem Talent verstehen. Es gibt auch Hobbymaler, die den Taunus malen, mit schönen Berghügeln und atmosphärischer Wolkengestaltung. Das ist aber nichts Schöpferisches, Neues, sondern nur gut nachgemacht.

Können Eltern bei der Entwicklung eines Talents nachhelfen?

Der frühzeitige Kontakt mit künstlerischen Materialien kann auf jeden Fall fördernd sein – für kreative Fähigkeiten, das Bildgedächtnis, die Wahrnehmung. Aber ich glaube nicht, dass man ein Kind bewusst zum Künstler machen kann.

Die Bilder sind keine Kunst, man weiß nicht, ob die beiden Kinder Talent haben – wieso werden dann für diese Werke tausende von Euro gezahlt?

In diesem Fall hat das nur mit Angebot und Nachfrage zu tun. Wenn etwas selten ist, oder sich bei einer Auktion viele Interessenten überbieten, gehen die Preise hoch. So ist schon manches Werk gehypt worden. Wie hochwertig Kunst ist, und ob ein Bild in hundert Jahren noch relevant sein wird, kann man heute nicht sagen. Das kann nur im Nachhinein die Kunstgeschichte beurteilen.

Interview: Anne Thiele und Rudolf Novotny

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