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95 Prozent aller Rezeptfälschungen gingen auf das Schmerzmittel Tilidin zurück, belastbare Zahlen über den Missbrauch gebe es aber nicht, sagt Berlins Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara. (Symbolbild)

Die Superpille

Jugendliche putschen sich mit Tilidin auf

"Man fühlt sich damit wie Supermann, furchtlos und schmerzfrei", sagt Carsten Szymanski vom Neuköllner Intensivtäterkommissariat über das Schmerzmittel Tilidin.

Berlin (dpa) - Ein Wagen rast durch die Berliner Nacht, das Tempo atemberaubend, der Fahrer im Rausch. Ein paar Kilometer hält die Polizei mit, dann geben die Beamten auf. Zu gefährlich, Unbeteiligte könnten zu Schaden kommen. Der Raser entkommt vorerst, und die Polizisten wissen, was ihm dabei half: Tilidin.

"Man fühlt sich damit wie Supermann, furchtlos und schmerzfrei", sagt Carsten Szymanski vom Neuköllner Intensivtäterkommissariat. Immer wieder putschen sich Jugendliche in dem Problembezirk mit dem Schmerzmittel auf, bevor sie Menschen ausrauben oder in Geschäfte einbrechen. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass Tilidin häufig auch außerhalb von Jugendgangs die Runde macht.

"Das Medikament macht euphorisch, lässt Hemmungen fallen und kann unter Umständen aggressivitätssteigernd wirken", heißt es in der jüngsten Kriminalitätsstatistik der Berliner Polizei. "Modedroge", heißt dort der Stoff, der am Anfang manch schwerer Gewalttat steht und ungeahnte Kräfte wecken kann - was die Beamten bei der Festnahme zu spüren bekommen. "Mit einfachen Hebel- und Haltegriffen kommt man da nicht weiter, die spüren den Schmerz ja gar nicht", erklärt Szymanski. Nur in Überzahl werde man der Verdächtigen Herr.

Die Techniker Krankenkasse sieht die Hauptstadt mittlerweile als Zentrum für Fälscher von Tilidin-Rezepten. Diebstahl und Handel mit den Verschreibungen sei systematisch organisiert, heißt es. 593 Versuche, sich das verschreibungspflichtige Präparat mit gefälschten Rezepten in Apotheken zu erschleichen, flogen 2007 auf. Die Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin geht gar von 2480 Rezeptfälschungen im selben Zeitraum aus. Das wären 20 Prozent mehr als noch zwei Jahre zuvor. 95 Prozent aller Rezeptfälschungen bezogen sich laut der Fachstelle auf tilidinhaltige Medikamente. Wie oft der Betrug unentdeckt bleibt, steht nicht in der Statistik.

95 Prozent aller Rezeptfälschungen gehen auf Tilidin zurück

Vor allem junge muslimische Männer griffen zu Tilidin, sagt Berlins Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara, die allerdings von Einzelfällen spricht und vor Hysterie warnt. "Sie wollen keine Drogen nehmen, und Tilidin ist eben ein Medikament." 95 Prozent aller Rezeptfälschungen gingen auf das Schmerzmittel zurück, belastbare Zahlen über den Missbrauch gebe es aber nicht. Dass muslimische Jugendliche im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, dürfte auch daran liegen, dass ihr Anteil unter jungen Menschen höher ist und gerade junge Menschen Drogen ausprobieren.

Auch in Hamburg häufen sich nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände die fingierten Verschreibungen. Selbst in den umliegenden Bundesländern der Großstädte müssten die Apotheker inzwischen auf der Hut sein, meint Sprecherin Ursula Sellerberg. Vor einigen Monaten berichteten sogar Pharmazeuten aus Thüringen, dass es Rezeptfälscher nicht mehr nur auf starke Schlafmittel wie Valium abgesehen haben, sondern auch auf das Schmerzmittel Tilidin.

Dass es süchtig machen kann, ist vielen nicht bewusst. "Es gibt in der Zwischenzeit eine Menge Leute, die abhängig sind", sagt Jürgen Schaffranek, seit Jahren Sozialarbeiter des Vereins Gangway in der Drogenszene von Kreuzberg und Neukölln. "Manche machen am Tag ein bis zwei Flaschen leer." Ob als Pille oder Lösung - das unscheinbare Opiat sei jetzt auch immer öfter außerhalb von Jugendgangs angesagt.

Eine feste Händlerstruktur versorge fast alle Innenstadtbezirke, teils mit Importware aus den Niederlanden und Polen.

Suchtmediziner warnen vor dem Missbrauch des Schmerzmittels, das eigentlich nach schweren Operationen oder bei Krebspatienten verabreicht wird. Obwohl es seit Jahren nur noch unter Beimischung eines Opiat-Hemmers (Naloxon) erhältlich ist, macht es abhängig, wie der Charité-Arzt Jakob Hein erklärt.

Verglichen mit harten Drogen sei es zudem unauffällig konsumierbar. "Das kann man sich auf jeder Gartenparty reinziehen, ohne dass jemand danach fragt." Von einem Verbot oder strengeren Auflagen hält der Mediziner nichts. "Tilidin wird sich noch zwei Jahre halten, und wenn es dann eine Regelung geben sollte, hat sich die Szene längst etwas anderem zugewandt." Mit einem Mythos räumt Hein jedoch auf. "Aggressiv macht Tilidin nicht, aggressiv sind die Menschen meist schon."

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