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Jugendforscher: „Grundoptimismus finden wir kaum mehr“

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Von: Pitt von Bebenburg

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„Mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung ist der größte Teil der jungen Generation eher pessimistisch und besorgt“, sagt der Jugendforscher. Imago Images
„Mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung ist der größte Teil der jungen Generation eher pessimistisch und besorgt“, sagt der Jugendforscher. © Imago/Michael Gstettenbauer

Der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger über eine Jugend, die ihre eigene Zukunft voller Hoffnung gestalten will – trotz epochaler Krisen.

Herr Hafeneger, die Jugend muss mit mehreren gesellschaftlichen Krisen zurechtkommen, mit der Klimakrise, mit dem Ukraine-Krieg und mit Corona. Wie wirkt sich das aus?

Es geht um epochale Krisen. Das muss die junge Generation erst einmal verarbeiten.

Trotzdem ergeben Studien, dass die junge Generation zu zwei Dritteln „optimistisch und zuversichtlich“ in die Zukunft blickt, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Wie passt das zusammen?

Der persönliche Blick auf die eigene Zukunft ist eher optimistisch und zuversichtlich, das stimmt. Aber mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung ist der größte Teil der jungen Generation eher pessimistisch und besorgt. Diesen jugendtypischen Grundoptimismus, den finden wir kaum mehr; der wird überlagert von den epochalen Krisen.

Woran liegt diese Differenz?

Es gibt eine Realitätswahrnehmung der Wirklichkeit, die täglich medial vermittelt wird. Man weiß im Prinzip, dass es so nicht weitergeht, wenn die Welt eine Zukunft haben soll. Gleichzeitig hat man das Leben noch vor sich. Man will es gestalten. Das ist der Sinn der Jugendphase. Die junge Generation muss für sich persönlich optimistisch bleiben trotz aller gesellschaftlicher Probleme.

Welche Zukunft werden die aktuellen Jugendbewegungen haben?

Es gab Jugendbewegungen wie die „Halbstarken“, die in den 1950er Jahren gegen einen kulturellen Mief der Erwachsenengesellschaft gekämpft haben. Dann hat die Gesellschaft sich geöffnet, und es war vermeintlich nicht mehr nötig, dagegen aufzubegehren. Das ist bei den epochalen Herausforderungen nicht so. Die Klimakrise wird nicht übermorgen verschwunden sein. Was Krieg und neue geopolitische Verhältnisse bedeuten, was Pandemieentwicklungen bedeuten, soziale Spaltungen, Migrationsbewegungen: Solche epochalen Probleme werden diese Generation binden. Die junge Generation ist sich nicht sicher, ob die Länder oder die Weltgesellschaft in der Lage sind, die Welt zu retten.

Die vergangenen Jahrzehnte waren ebenfalls durch große Krisen gekennzeichnet: vom Krieg und der Nachkriegszeit, von der Vertreibung und Flüchtlingsbewegungen, von der Aufrüstung, dem Kalten Krieg bis zur atomaren Gefahr. Was unterscheidet die heutigen Krisen davon?

Sie haben recht, die Geschichte der Bundesrepublik ist geprägt von Krisen. Aber diese Krisen hatten nie so eine Durchschlagskraft in die Wahrnehmung der jungen Generation hinein. Heute haben wir mit der Klimaentwicklung das Szenario: Die Welt kann untergehen. Es kann sein, dass wir die Folgen der Klimakrise nicht überleben. Dann rückt der Krieg in Europa nahe. Und die Pandemie zeigt, dass Menschen in der eigenen Umgebung an dieser Krankheit Corona sterben. Es ist eine Kumulation von epochalen Krisen, die biografisch existenziell sind. Das ist eine neue Krisenkonstellation, ohne andere Krisen zu verharmlosen.

Wie geht die junge Generation mit der Klimakrise um? Mit Engagement oder Resignation?

Wenn man die junge Generation nach ihren Sorgen und Ängsten fragt, dann stehen das Klima und der Krieg ganz oben. Das gilt für eine ganz breite Mehrheit, auch für diejenigen, die nicht mit „Fridays for Future“ auf die Straße gehen. Und wir haben eher eine ganz kleinere Kohorte, die das ignoriert und den Problemkomplex nicht wahrnehmen will.

Benno Hafeneger.
Benno Hafeneger: „Man weiß im Prinzip, dass es so nicht weitergeht, wenn die Welt eine Zukunft haben soll.“ © christoph boeckheler*

Zur Person

Benno Hafeneger, geboren 1948, ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Er forschte zu Jugendkultur und zu rechtsextremen Bewegungen.

Seine Laufbahn begann Hafeneger mit kirchlicher Jugendarbeit , dann stieg er in die gewerkschaftliche Bildungsarbeit ein. Er studierte neben Erziehungswissenschaft auch Psychologie.

Ist die junge Generation bereit, daraus Konsequenzen für das eigene Leben zu ziehen? Viele Ältere beklagen, dass die Jüngeren selbst nicht bereit seien zum Verzicht auf Wohlstand, Flüge und ein konsequentes Umsteuern.

Da sind wir mitten im Prozess von Neuorientierungen auch in der Lebensweise, die vor allem von der jungen Generation ausgehen. In einem solchen Vorwurfsblick zeigt sich das alte Klagelied der Erwachsenen gegenüber der jungen Generation. Sollen aber wirkliche breite Neuorientierungen erfolgen, dann kommt es auf einen gesamtgesellschaftlichen Prozess und die politische Steuerung an.

Es ist von der „Generation Corona“ die Rede gewesen. Wie haben sich die Einschränkungen und Erfahrungen in der Zeit der Pandemie ausgewirkt?

Wir haben mittlerweile mehr als 200 Studien mit Bezug auf Corona. Man glaubt es manchmal nicht, was da für Schnellschüsse produziert wurden. Es gibt mehrere Publikationen mit der Überschrift „Generation Corona“. Es wird darüber gesprochen wie über eine „Generation Krise“ oder eine „verlorene Generation“. Solche negativen Etikettierungen sind geradezu eine Pathologisierung einer gesamten jungen Generation. Aber es gibt auch sehr seriöse Ergebnisse. Die Bildungsspaltung, die durch das Homeschooling entstanden ist, wurde sehr deutlich. In fast allen Studien formulieren die Jugendlichen, dass sie nicht gefragt und nicht einbezogen worden sind in die staatlichen Strategien im Umgang mit Corona. Sie haben erfahren, dass überall Mitbestimmung und Partizipation propagiert wurde, sie aber in der Krisensituation nicht gefragt wurden. Da merkt man eine tiefe Frustration der jungen Generation gegenüber dieser Corona-Politik. Aber keiner wusste, wie man es anders machen könnte. Deswegen wurde zugleich weitgehend dem politischen Umgang mit der Corona-Krise zugestimmt.

Sie zeichnen in Ihrem Buch nach, dass von der jeweiligen „Jugend von heute“ schon seit Jahrtausenden ein negatives Bild entworfen wird. Woran liegt das?

Wir wissen: Es gibt nicht die Jugend. Es gibt Jugenden in einer Vervielfältigung. Aber es gibt offenbar einen gesellschaftlichen Bedarf, auch einen wissenschaftlichen Bedarf, einen Gesamttrend auszuweisen und der jungen Generation zuzuweisen. Dabei ist wiederholt ein negatives Jugendbild gezeichnet worden.

Sie warnen vor Verkürzung, aber in der Zeitung bleibt uns nichts anderes übrig. Was sollen wir über dieses Interview schreiben?

Gute Frage.

„Generation Krise“ trifft es ja offenbar schon.

( Zögert. ) Ich würde sagen: „Jugend zwischen Krise und Zuversicht“. Man müsste den Spannungsbogen andeuten, in dem sich die junge Generation heute bewegen muss, weil die Verhältnisse und Bedingungen des Erwachsenwerdens so sind. Ich mache in meiner wissenschaftlichen Praxis tolle Erfahrungen mit der jüngeren Generation, das stimmt mich zuversichtlich. So wählt die jüngere Generation weit unterdurchschnittlich die AfD. Es ist interessant, dass wir trotz der Krisen keine Nationalisierung oder eine nationalistische Jugendbewegung erleben, wie es sie in anderen Ländern gibt. Ein „Deutschland zuerst“-Phänomen gibt es unter Jugendlichen, Gott sei Dank, nicht.

Interview: Pitt von Bebenburg

Benno Hafeneger: Was wir über Jugendliche wissen sollten.
Benno Hafeneger: Was wir über Jugendliche wissen sollten. © -

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