„Du bist ein Gewinn“: Eine Gruppe junger Menschen schlendert während des 37. Evangelischen Kirchentags im Juni 2019 durch die Dortmunder Innenstadt. 
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„Du bist ein Gewinn“: Eine Gruppe junger Menschen schlendert während des 37. Evangelischen Kirchentags im Juni 2019 durch die Dortmunder Innenstadt.

Christentum

Jugend mit Gott

  • vonHannah El-Hitami
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Wer sind die Menschen zwischen 20 und 30, die sich für das Christentum begeistern und nicht nur den Großeltern zuliebe an Weihnachten in die Kirche gehen? Und: Wie sieht ihr Glaube im Alltag aus? – Unsere Autorin ist durch Deutschland gereist und hat junge Leute getroffen, die sich in Gemeinden engagieren.

Über ihre Arbeitgeberin spricht Maike Schöfer auf WG-Partys ungern, denn Menschen in ihrem Alter reagieren fast immer gleich: „Krass, glaubst du auch daran? So richtig? Gehst du jeden Sonntag in die Kirche?“ Die Gespräche entwickelten sich dann meist in zwei Richtungen, sagt sie: „Entweder die Leute fragen mich, was ich von Hexenverbrennung und den Kreuzzügen halte. Oder sie finden mich seltsam und können mit mir nichts anfangen.“

Maike Schöfer ist 30 Jahre alt und arbeitet als Religionslehrerin im Auftrag der evangelischen Kirche. Sie ist gläubige Christin und ja, sie geht jeden Sonntag in die Kirche. Damit ist sie eher die Ausnahme. Viele junge Erwachsene entscheiden sich heute gegen die Kirchen. Die höchste Wahrscheinlichkeit für einen Austritt liegt in der Altersgruppe von 20 bis 29.

Legt die Bibel feministisch aus: Maike Schöfer.

Wer sind also die Menschen zwischen 20 und 30, die noch Interesse am Glauben haben – die nicht nur den Großeltern zuliebe an Weihnachten in die Kirche gehen, sondern in einer Gemeinde aktiv sind? Wie sieht ihr Glaube im Alltag aus? Und was machen sie anders als die Generationen vor ihnen? Als Tochter einer aus der evangelischen Kirche ausgetretenen Deutschen und eines muslimischen Ägypters gehen meine Berührungspunkte mit jungen Christ*innen gegen null. Ich habe mich also auf Deutschlandreise begeben, mit der Frage: Wer ist eigentlich heutzutage noch Christ*in? Getroffen habe ich – und ich weiß nicht genau, warum mich das überrascht hat – ganz normale junge Menschen.

Predigen mit Lippenstift

Maike Schöfer hat glatte blonde Haare und ein Nasenpiercing. Auf ihren Ringfinger ist ein Ring tätowiert. Sie postet auf Instagram über weibliche Körperbehaarung und das Ende des Patriarchats. Sie ist Feministin, aber verheimlicht in feministischen Kreisen oft ihren Glauben. Dort herrsche eine Ablehnung gegenüber dem Christentum. „Ich kann das verstehen, weil die Kirche Frauen unterdrückt hat und immer noch nicht gleichberechtigt“, sagt Maike Schöfer. „Ich möchte aber die Kirche nicht den Menschen überlassen, die frauenfeindlich sind, sondern sie aktiv mitgestalten.“ Und wie geht das? Durch eine feministische Bibelauslegung, in der Gott auch weibliche Namen hat. „Und indem ich zeige, dass ich das Evangelium predigen kann, auch mit Lippenstift und Brüsten.“

In Maike Schöfers Regal stehen Romane von Haruki Murakami neben Gebetsbüchern. Ihre Wohnung in der Potsdamer Innenstadt ist in Grau- und Schwarztönen eingerichtet, an der Wand hängt moderne Kunst ebenso wie Jesusbilder. Hier wohnt sie mit Mann und Sohn. Sie selbst wuchs ohne Religionsunterricht in Bremen auf, auch für ihre Eltern, einen Bundeswehr-Hauptmann und eine Fleischereiverkäuferin, spielte Glaube keine Rolle.

Im Elternhaus ihrer besten Freundin, ein paar Straßen weiter, fand Maike Schöfer mit zehn Jahren einen religiösen Alltag. „Die Eltern haben viel gebetet und christliche Lieder gesungen. Sie haben uns mit in den Gottesdienst genommen und sich danach mit uns über die Predigt unterhalten“, erinnert sie sich. „Ich fand das Gemeinschaftliche schön, die Freude und den Dank. Ich habe gespürt: Da ist irgendwas Spannendes, Faszinierendes.“

Mit 19 zog Maike Schöfer nach Berlin, wollte unbedingt studieren, ihr Abiturschnitt reichte für Religionspädagogik. Im Studium begann sie, sich selbst als Christin wahrzunehmen. Unter ihren Kommiliton*innen galt sie als Paradiesvogel. Sie hörte Techno, ging in den Berliner Clubs feiern und trug ausgefallene Kleidung. Um ihr Studium zu finanzieren, arbeitete sie nachts an der Kasse im Casino. Dort schrieb sie nächtelang theologische Hausarbeiten, rauchte und sprang hin und wieder als Seelsorgerin für die Spielsüchtigen ein.

Maike Schöfer betet vor dem Essen und wenn sie morgens aufsteht; wenn sie ins Bett geht oder etwas auf dem Herzen hat. Manchmal schließt sie in der Straßenbahn einfach die Augen und lädt alle Sorgen ab. Am liebsten würde sie eines Tages ins Kloster gehen, die Religion den Alltag vorgeben lassen statt andersherum. Die deutsche Gesellschaft hält sie für atheistisch. „Man feiert Weihnachten und Ostern, aber es darf nicht darüber hinausgehen,“ sagt sie. „Wenn ich von einem besonders schönen Gottesdienst erzähle, denken meine Freundinnen, ich wäre in einer Sekte.“

Tatsächlich bestätigten alle meine Gesprächspartner*innen, dass sie solche Erfahrungen gemacht haben. Religion gilt als unwissenschaftlich und irrational, altmodisch und konservativ.

Kirche, wie sie uns gefällt

Glaubt an Vielfalt in der Kirche: Nadia Schnabel.

Es ist Samstagnachmittag in Köln, Karnevalswochenende. Nadia Schnabel vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) bereitet in der Jugendkirche CRUX den Karnevalsumzug für den nächsten Tag vor, Motto: „Mer mole uns Kirch, wie se uns jefällt.“ Die 25-Jährige trägt ihre langen, braunen Haare in einem unordentlichen Knoten, dazu einen schwarzen Hoodie und rote Doc Martens. Während letzte Themen für den Umzug besprochen werden, läuft sie entspannt wippend durch den Raum, ergreift immer wieder mit lauter Stimme das Wort, um Aufgaben zu verteilen. „Mach mit statt mecker rum“, steht auf einem großen, weißen Luftballon, den sie am Sonntag auf dem Umzug hochhalten möchte.

Nadia Schnabel war schon als Kind spirituell. Manchmal setzte sie sich in den Garten und versuchte an Dinge zu denken, die sie sich nicht vorstellen konnte, die Grenzen des Universums zum Beispiel. Auch heute hat sie oft das Gefühl, es gebe eine höhere Macht, die ihr wohlgesonnen sei. „Wenn ich merke, dass mir ein bewusster oder unbewusster Wunsch erfüllt wird, dann spüre ich das ganz deutlich.“ Das können Kleinigkeiten sein, etwa, wenn sie Lust auf eine Zigarette hat und auf der Straße eine halbvolle Schachtel ihrer Lieblingsmarke findet.

Als Nadia Schnabel sich mit 20 Jahren taufen ließ, sagte ihr Vater zu ihr: „Du, in deinem Alter sind wir übrigens aus der Kirche ausgetreten.“ Ihre Eltern empfanden die Kirche als starr und herrisch, sie selbst kennt sie nur durch die Jugendarbeit. Mit zehn Jahren kam sie in einen Jugendverband, ohne zu merken, dass der katholisch war. Sie fuhr auf Ferienfreizeiten, wo sie mit ihren Freundinnen den Gottesdienst schwänzte.

Pragmatischer Katholizismus

„Eigentlich fand ich katholische Kirche immer kacke,“ erinnert sie sich. Ihre Erzählungen beginnen fast alle mit einem Scherz, einem lauten Lachen, dann folgt eine ernsthafte Antwort. „Nach und nach habe ich festgestellt, dass es doch der Katholizismus für mich ist. Das war eine pragmatische Entscheidung: Hier in Köln gibt es durch die katholische Kirche so viele wichtige Einrichtungen. Wenn keiner mehr mitmachen würde, ginge das alles kaputt.“

Nadia Schnabels Lebensstil entspricht nicht dem geläufigen Stereotyp einer frommen Katholikin: Die 25-Jährige definiert sich selbst als pansexuell, hatte Beziehungen mit Männern und Frauen, glaubt nicht an Monogamie. Sie betrinkt sich gerne mit ihren Freund*innen und schminkt Leute auf Bad Taste Partys, um Geld zu verdienen. „Ich glaube, die jüngere Generation in der Kirche wird immer pluralistischer“, sagt sie. Ihr Glaube in zwei Worten: „Ruhe und Vielfalt.“

Karl-Gerold-Stiftung

Dieser Text entstand mit Unterstützung eines Reisestipendiums der Karl-Gerold-Stiftung. Die Karl-Gerold-Stiftung ist Mitbesitzerin der Frankfurter Rundschau. Sie hilft Studierenden und jungen Journalistinnen und Journalisten.

Die Stiftung orientiert sich bei der Vergabe ihrer Reisestipendium an den Ideen ihres Stifters Karl Gerold, der aus eigener Erfahrung stets die Bedeutung von Reisen junger Menschen zum Erwerb von Welterfahrung und Weltzugewandtheit betonte. Dabei geht es ausdrücklich nicht alleine um das Abarbeiten konkreter, vor Reisebeginn durchgeplanter Recherchen, sondern daneben stets auch um Offenheit für neue, womöglich unerwartete Eindrücke und deren journalistische Aufarbeitung.

Der einstige FR-Chefredakteur und Herausgeber Karl Gerold hat die Stiftungsverfassung noch zu seinen Lebzeiten festgelegt. Die Stiftung wurde nach seinem Ableben aufgrund seiner testamentarischen Verfügung errichtet. In diese Stiftung wurden von Karl Gerold und seiner Ehefrau Elsy Gerold-Lang wesentliche Teile ihres Vermögens eingebracht. FR

Mehr als 70 Prozent junger Menschen glauben laut einer Studie der Universität Tübingen, dass die Kirche sich verändern muss, wenn sie eine Zukunft haben möchte. „Beide Kirchen haben zu wenig Tradition, jungen Menschen eigene Verantwortung zu übertragen, ihnen Gestaltungsfreiheit zu geben,“ sagt der Autor der Studie in einem Interview im Deutschlandfunk.

Auf der Homepage des BDKJ steht: „Bei uns entscheidet die Demokratie, nicht der Papst.“ Das klingt gut, genauso wie „Männer lieben Männer und Frauen lieben Frauen, oder beides, oder auch gar nicht.“ Aber wie viel Handlungsspielraum hat ein Jugendverband? Frauen dürfen in der katholischen Kirche keine Priesterinnen werden und Homosexuelle nicht heiraten. Nadia Schnabel genügt der Einfluss im Kleinen. „Für uns selbst können wir alles entscheiden“, sagt sie über den BDKJ. „Die Zukunft von Kirche wird so aussehen, dass du sowohl liberale als auch konservative Gemeinden hast und jeder sich die passende aussucht.“

Bier im Kirchenraum

Rund 400 Kilometer südöstlich liegt das protestantische Nürnberg, meine Heimat. Hier trat meine Mutter vor 45 Jahren aus der Kirche aus. An der ehemaligen St. Lukaskirche im Stadtteil Nordostbahnhof klebt ein futuristisch anmutender weißer Würfel, die sogenannte Lux-Box. Das alte und das neue Gebäude bilden die evangelische Jugendkirche Lux. Hier dürfen junge Menschen zwischen 14 und 27 aktiv ihren Kirchenbesuch gestalten.

„Wir fragen die Jugendlichen, was ihnen wichtig ist“, sagt Anna Rohlederer, Religionspädagogin bei Lux. Die 29-Jährige erarbeitet gemeinsam mit den jungen Ehrenamtlichen die Gottesdienste. Es gehe immer um lebensnahe Themen: „Wir hatten einen Umzugsgottesdienst, einen Star-Wars-Gottesdienst, einen Youtube- oder Plastik-Gottesdienst.“ Sie glaubt, dass Jugendliche in der Kirche ansonsten zu kurz kommen.

Deswegen wird bei Lux auch mal gefeiert, das eine oder andere Bier im Kirchenraum getrunken. In der Lux-Box finden Pop-Konzerte statt oder auch Partys mit Namen wie „Techno Church“. Das kommt bei vielen alteingesessenen Christ*innen nicht so gut an. „Da wird dann die Frage gestellt, ob das überhaupt noch Kirche ist“, erzählt Anna Rohlederer.

Doch sie glaubt, dass die Kirche nur so relevant bleiben kann. „Hinter der Kulturarbeit steckt die Idee, dass Glaube und Leben zusammengehören“, sagt sie, während sie an der Theke der Lux-Box einen Cappuccino macht. „Ich bin Christin, aber ich gehe auch gerne auf Konzerte, feiere Partys, höre mir Comedians an. Warum soll ich das nicht in der Kirche tun?“ Man könne hier Zeit verbringen, ohne dass Gott ein Thema sei. „Aber wenn jemand darüber reden will, sind wir offen.“

Gibt der Jugend einen Platz in der Kirche: Anna Rohlederer.

Dahinter verbirgt sich ein Konzept, das vielen Kirchenkritikern besonders gegen den Strich geht: „Mission – das böse Wort – ist nicht so wirklich mein Ziel“, sagt Anna Rohlederer. „Aber eine positive Erfahrung mit der Kirche zu bieten, das wünsche ich mir schon.“

Am Ende unseres Gesprächs fragt sie noch, ob ich diese Recherche eigentlich mache, weil ich selbst auf der Suche nach dem richtigen Glauben bin.

„Nein danke“, sage ich fast. Dann doch nur: „Nein.“

Freizeit-Missionare

Zurück in Berlin, in einer christlichen WG in Steglitz: Hier wohnt der angehende theologische Promotionsstudent Benedikt Schwinn. Mit 19 trat er einer baptistischen Freikirche in Neu-Ulm bei und organisierte dort das Freizeitangebot für die Jugend: Volleyballturniere, Ausflüge in den Rutschenpark, Grillabende, zu denen Gemeindemitglieder ihre Freunde mitbrachten. „Die Idee von Mission ist in neunzig Prozent der Fälle, dass man zeigt, welche positiven Auswirkungen der Glaube auf das eigene Leben hat. Die Leute, die das attraktiv finden, bleiben da und fragen nach“, sagt der 26-Jährige.

Nicht erst bei diesem Gespräch erscheint es mir, als bedeute christlich zu sein schlicht, die richtige Community mit dem passenden Angebot an Gemeinschaft, Freizeit oder gesellschaftlichem Engagement gefunden zu haben – ähnlich wie es in Sportvereinen oder politischen Organisationen der Fall ist.

Während Schwinn spricht, hält er seine Teetasse mit beiden Händen umfasst – eine Teetasse, die für ihn in diesem Moment das Symbol für etwas Größeres ist. „Ich glaube, ich bin der Mensch, der am weitesten vom Nihilismus entfernt ist“, sagt er mit einem etwas zu lauten Lachen. „Mich muss niemand davon überzeugen, dass der Tee, den ich trinke, sinnvoll und gut ist, dass er mir schmeckt und wertvoll ist. Man neigt weniger dazu, Dinge für zufällig zu halten, wenn einem immer gesagt wird, dass die in der Hand von jemandem liegen.“

Will Glaube und Logik in Einklang bringen: Benedikt Schwinn.

Woran Benedikt Schwinn glaubt, entscheidet er nach einer mathematisch mehr oder weniger akkuraten Auswertung dreier Faktoren: Was steht in der Bibel? Was ist logisch? Was sagt meine Erfahrung? – Jede Frage scheint in seinem Kopf durch einen Taschenrechner zu laufen, der die Pros und Kontras in Prozent ausrechnet und im Anschluss ein Dokument mit vielen Zahlen ausspuckt.

Eine einfache Antwort aus ihm herauszubekommen, ist unmöglich. Frauen auf der Kanzel, Sex vor der Ehe, gleichgeschlechtliche Liebe, für alles hat er ein prozentuales Ja und ein prozentuales Nein. Kein Wunder, vor seinem Studium an der Theologischen Hochschule Elstal studierte er ein Jahr lang Mathematik.

Dort lernte er den Unvollständigkeitssatz: Er besagt, dass die Vollständigkeit eines Systems nur mit Hilfe eines höheren Systems beschrieben werden kann. „Das bedeutet, dass man innerhalb der Mathematik nicht beweisen kann, dass die Mathematik widerspruchsfrei ist“, sagt er. „Es gibt Sätze, von denen man niemals wissen kann, ob sie richtig oder falsch sind.“

Faszinierend, findet er.

Und: Eine passende Erkenntnis auch für Glaubensfragen, finden wir beide.

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