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Demonstration für die Freilassung inhaftierter Journalisten und Solidaritätskonzert am Brandenburger Tor in Berlin. (Archiv, Mai 2017)

Journalisten in Haft

Journalist schmuggelt Brief aus türkischer Haft

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Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan und der pro-kurdische Journalist Seyithan Akyüz antworten aus dem Gefängnis.

Es ist hart für einen Schriftsteller und Journalisten, niemandem schreiben zu dürfen. Ahmet Altan, einer der bekanntesten Autoren der Türkei, sitzt in Istanbul in Haft und darf keinerlei Korrespondenz führen. Doch es ist ihm gelungen, ein paar Zeilen aus dem Gefängnis zu schmuggeln, mit denen sich Altan für die Solidarität aus Deutschland bedankt. 

Seit einigen Wochen schicken Journalistinnen und Journalisten der Frankfurter Rundschau Briefe an inhaftierte Kolleginnen und Kollegen in türkischen Gefängnissen, um Unrecht öffentlich zu machen und die Betroffenen ihrer Unterstützung zu versichern. In den meisten Fällen ist bisher keine Antwort zurückgekommen, und es ist nicht zu ergründen, ob die Gefangenen überhaupt von den Schreiben erfahren haben.

FR-Redakteur Pitt von Bebenburg hatte Ahmet Altan im Istanbuler Gefängnis angeschrieben und in diesen Tagen seine Botschaft erhalten. „Mir ist das Schreiben und Empfangen von Briefen verboten, deshalb kann ich Ihren Brief nur mit dieser kurzen Notiz beantworten“, heißt es darin. „Ich war tief bewegt von dem, was Sie geschrieben haben. Es gab mir Hoffnung, Ihnen auf dieser großartigen Brücke zwischen Literatur und Journalismus zu begegnen.“ Irgendwann, hofft er, werde man alle Fragen bei einem persönlichen Treffen besprechen können. 

Der FR-Redakteur hatte in dem Brief an Altan geschrieben, er hoffe auf dessen Freilassung auch als „deutliches, erstes Signal der Rückkehr zu Meinungsfreiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“. Die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms twitterte: „Es tut gut und es tut weh, den Brief zu lesen.“

Seit dem 10. September 2016 sitzt der 67-Jährige hinter Gittern. Am gleichen Tag wurde sein jüngerer Bruder Mehmet verhaftet, ein 64-jähriger Professor der Volkswirtschaft und Kolumnist. 

Die Anklage wirft ihnen und anderen Journalisten vor, sie hätten die verfassungsmäßige Ordnung umstürzen wollen. Der abstruse Vorwurf gegen Ahmet Altan: Er habe bei einer Fernsehdiskussion am Vorabend des Putschversuchs von 2016 „unterschwellige Botschaften“ an die Putschisten ausgesandt.

Ende Juni durfte Altan erstmals vor Gericht aussagen und tat es mit einer furiosen Rede. „Heute stehe ich vor Ihnen als jemand, dessen Gedanken angeklagt sind“, sagte er. Am 19. September hofft er, seine Verteidigung vor Gericht fortsetzen zu können. 

Die FR hat Solidaritätsbriefe an 15 inhaftierte Journalistinnen und Journalisten gesandt. Nach Angaben des Postdienstleisters wurden sechs davon zugestellt. Ob sie bis in die Zelle weitergereicht wurden, ist unbekannt. Zuweilen notierte der Postbote, dass der Brief nicht angekommen sei – weil die Annahme am Gefängnistor schlicht verweigert wurde oder sogar, weil das Schreiben der Regierungszensur unterfalle („held for censorship review by a Government agency“). 

Von zwei anderen Journalisten ist bekannt, dass sie den FR-Brief erhalten haben: Asli Ceren Aslan und Seyithan Akyüz, der in Izmir einsitzt. Der pro-kurdische Journalist Akyüz, der seit 2009 inhaftiert ist, ließ der FR über seinen Bruder, der ihn in der vergangenen Woche besuchen durfte, seinen Dank ausrichten.

Der Brief sei angekommen und Seyithan Akyüz habe eine Antwort geschrieben, die er aber nicht versenden dürfe. Akyüz arbeitete für die seinerzeit noch zugelassenen kurdischen Zeitungen „Özgür Gündem“ und „Azadiya Welat“. Der einzige Grund für seine Verurteilung wegen angeblicher Mitgliedschaft in der PKK-nahen KCK sei die Arbeit für die Zeitungen gewesen, betont der Journalist. Das Urteil: zwölf Jahren Haft. Bei einer Razzia beschlagnahmte die Polizei 2009 in dem Zeitungsbüro in Adana mehrere hundert Exemplare eines Kalenders des „Mesopotamischen Kulturzentrums“ in kurdischer Sprache sowie Magazine, Bilder und Bücher. Wegen des Besitzes dieser Schriften wurde Akyüz ein zweites Mal verurteilt, dieses Mal zu drei Jahren und einem Monat Haft. Er muss damit rechnen, erst 2023 freizukommen.

Die Geschichte besitzt eine bittere Pointe. Seit dem Putschversuch 2016, den Präsident Recep Tayyip Erdogan seinem einstigen Mitstreiter Fetullah Gülen anlastet, werden angebliche Unterstützer Gülens zu Zehntausenden aus dem Staatsdienst entlassen und teilweise verhaftet. So heißt es in dem nicht abgeschickten Brief von Seyithan Akyüz: „Die Polizisten, die mich festgenommen haben, der Staatsanwalt, der mich angeklagt hat, der Vorsitzende Richter, der mich verurteilt hat, der Richter des Obersten Gerichtshofs, der meine Strafe bestätigt hat - sie alle sitzen entweder im Gefängnis oder sind entlassen wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, der Gülen-Bewegung.“

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