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Auf seiner letzten Tournee 2017: „Wir wollen aller Welt die Erfahrungen der Südafrikaner präsentieren“, sagte Clegg einmal. 

Johnny Clegg

Einer von ihnen

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Er sprach Zulu, tanzte den Inhlangwini-Tanz, spielte die Maskandi-Gitarre: Als einer der wenigen Weißen wurde Johnny Clegg vom schwarzen Mehrheitsvolk Südafrikas akzeptiert. Nun ist der aufsässige Musiker gestorben.

Südafrikas privater Fernsehsender unterbrach am Dienstagabend sein Programm – ausnahmsweise nicht, um eine bevorstehende Stromunterbrechung oder eine gefährliche Wetterfront anzukündigen. Stattdessen wurde ein Musikvideo abgespielt, auf dem ein kräftiger weißer Mann seine Beine zum traditionellen Kriegstanz der Zulus in die Luft wirft, um anschließend in die melancholische Melodie von „Asimbonanga“ zu verfallen. „Johnny Clegg ist tot“, gab ein Insert-Text am unteren Bildrand bekannt: Die verblassende Regenbogennation hat einen weiteren Farbstreifen verloren.

Der 1987 geschriebene Song „Asimbonanga“ – „Wir haben dich noch nie gesehen“ – war Nelson Mandela gewidmet, der damals noch im Gefängnis saß. Das Lied wurde zur weltbekannten Hymne, die für die Forderung nach Freilassung der Politikone stand. Clegg selbst wurde mit seiner damaligen Band Savuka Anfang der 90er Jahre zum erfolgreichsten „World Music“-Barden der Erde. Seine Heimat feierte den Sänger nicht nur als Musiker, der traurige und mitreißende Töne von sich gab.

Clegg hatte zumindest eines mit seinem Idol Mandela gemeinsam: Er wurde über die von den Rassentrennern gezogenen Grenzen hinweg verehrt. Während Mandela als einer der wenigen schwarzen Politiker galt, den auch Weiße als ihren Repräsentanten achteten, war Clegg einer der wenigen Weißen, den Schwarze als ihren Bruder betrachteten. „Er war einer von uns“, sagte Zulu-Komponist Mbongeni Ngema einmal.

Viele Male im Gefängnis

Auf seiner Hochzeit 1989: „Er war einer von uns“, sagte Zulu-Komponist Mbongeni Ngema.

Clegg sprach fließend Zulu, beherrschte den akrobatischen Inhlangwini-Tanz des südafrikanischen Mehrheitsvolks, spielte die Maskandi-Gitarre. Die Lieder des „weißen Zulu“, wie er gegen seinen Willen weltweit genannt wurde, verbot die Apartheid-Regierung, er selbst kam wegen Verstößen gegen das Rassentrennungsgesetz viele Male ins Gefängnis, das erste Mal als 15-Jähriger.

„Wir haben eine Mission“, sagte er 1990 der „New York Times“: „Wir wollen aller Welt die Erfahrungen der Südafrikaner präsentieren.“ Das gelang ihm mit Hits, die unvergesslich bleiben werden: „Scatterlings of Africa“, „African Sky Blue“ oder „Impi“. Über seine Herkunft hält sich indes selbst in Südafrika hartnäckig ein Missverständnis.

Es heißt, Jonathan Paul Clegg sei als Sohn eines Farmers in der Natal-Provinz geboren worden, der einzigen Region des Landes, in der Weiße zuweilen schon als Kinder Zulu lernen. Tatsächlich wurde er in England geboren, als Sohn einer jüdischen Jazz-Sängerin, die ihn nach der Trennung von ihrem Mann nach Simbabwe, Israel und Sambia mitnahm, bis sie schließlich in Johannesburg landeten.

Manchen galt das als „Rassenschande“

„Ich fühlte mich als Migrant“, erinnerte sich Johnny einst. Genau wie die zahllosen Wanderarbeiter aus dem Zululand, die in den Goldbergwerken außerhalb der Stadt schufteten. Clegg fühlte sich von deren abgeschotteten Leben angezogen. Er lernte in den unwirtlichen Wohnheimen, in die sich noch heute kein Weißer traut, Charlie Mzila kennen, der tagsüber Wohnungen putzte und nachts auf der Gitarre spielte.

Mit Ehefrau 1989: „Er kämpfte bis zum Schluss“, sagt sein Manager.

Mzila führte Clegg in die Sprache, Musik und Tradition der Zulu ein. Zusammen mit Sipho Mchunu gründete er Anfang der 70er Jahre die Band „Juluka“, „Schweiß“ in der Sprache der Zulu. Der Gruppe gehörten noch zwei weitere schwarze und zwei weiße Musiker an. Manchen galt das als „Rassenschande“. „Wir mussten uns durch ein Labyrinth an Gesetzen mogeln“, erinnerte sich Clegg, immer wieder gab es Haftstrafen.

Zu Hause auf Hinterhöfe oder private Räume verbannt, wurde Clegg in Europa immer berühmter, vor allem in Frankreich vermochte „le Zulu blanc“ Stadien zu füllen. Erst nach Mandelas Freilassung 1990 wurde er auch in südafrikanischen Rundfunkhäusern und unter Konzertveranstaltern des Landes zum Helden. Bei einem Auftritt 1999 in Frankfurt, bei dem zu den Klängen von „Asimbonanga“ neben Clegg auch Nelson Mandela auf der Bühne erschien, blieb kein Auge trocken.

„Er kämpfte bis zum letzten Augenblick“

Sechzehn Jahre später der Schock: Johnny Clegg erkrankte an Bauchspeicheldrüsenkrebs, wurde sieben Stunden lang operiert und chemotherapiert. „Dieser Krebs ist tödlich“, das wusste der Liedermacher. Doch statt in Lethargie zu versinken, gab sich der Zulu-Kriegstänzer nochmals einen Ruck: Er verabschiedete sich mit der Tour „The Final Journey“, seiner „letzten Reise“, die ihn neben Südafrika auch in die USA, nach Frankreich und die englische Heimat führte.

Dermaßen kraftvoll und ausgelassen trat er auf, dass seine Fans an eine wunderbare Genesung glaubten. Sie irrten sich. Zwei Jahre später ist die Personifizierung des neuen Südafrika tot. „Er kämpfte bis zum letzten Augenblick“, sagte sein Manager Roddy Quin am Dienstag in Johannesburg.

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