1. Startseite
  2. Panorama

Johannes Oerding: „Ich bin ein Fan von Happy Ends“

Erstellt:

Von: Frauke Rüth

Kommentare

Immer gerne mit Hut: Johannes Oerding im Sommer 2022 bei einem Konzert in Kitzingen. dpa
Immer gerne mit Hut: Johannes Oerding im Sommer 2022 bei einem Konzert in Kitzingen. © dpa

Der Musiker erzählt, wie es ihm gelingt, ein Optimist zu bleiben – und warum das Songschreiben ihm hilft, die Realität zu ertragen.

Seit wenigen Tagen ist Johannes Oerding nun 41 Jahre alt und hat vom Künstlerdasein noch lange nicht genug. In diesem Frühjahr wird er sich erneut als Gastgeber der Vox-Show „Sing meinen Song“ aus Südafrika melden, er schreibt weiter eifrig für Kollegen wie Udo Lindenberg oder Peter Maffay, und auch auf seinem siebten Album „Plan A“ zeigt der Mann, der seit elf Jahren mit der Kollegin Ina Müller liiert ist, keine Ermüdungserscheinungen. Zu oft euphorischen Popklängen wie auch besinnlichen Momenten erzählt er Geschichten, die sein Leben schreibt.

Herr Oerding, im Song „Ecke Schmilinsky“ sitzen Sie rauchumnebelt am Tresen einer Bar in St. Pauli, als plötzlich diese eine Frau reinkommt, die alles verändert. Erzählen Sie da etwa die Kennenlerngeschichte von Ina Müller und Ihnen?

Ja, genau so ist es. Die wahre Geschichte ist fast immer besser, als wenn man sich irgendwas aus den Fingern saugt.

Sie beschreiben, wie Sie miteinander ins Gespräch kommen und direkt alles klar ist ...

Auch dieses Detail beruht auf wahren Begebenheiten (lacht) . Wir sind uns damals nach ihrer Sendung in der Kneipe „Schellfischposten“ nähergekommen. Am Anfang haben wir eine Weile versucht, unsere Beziehung so privat wie möglich zu halten. Mittlerweile sind wir diesbezüglich etwas lockerer.

Der Song „Porzellan“, in dessen Text auch mal im Beziehungsstreit das Geschirr fliegt, hat vor allem eine liebevolle und fürsorgliche Seite. Sie sagen: „Gib mir deine dunklen Gedanken, damit die hellen wieder funkeln.“ Sind Sie jemand, der sich gut um andere kümmern kann?

In diesen Zeilen steckt auch viel Selbsterkenntnis. Auch ich jammere gerne mal rum, stöhne, wie schlecht es mir geht und wie stressig alles ist. Aber man vergisst dabei, dass man auch andere Leute mit diesen miesen Gefühlen ansteckt. Deshalb ist es nur vernünftig, auch selbst mal als emotionaler Mülleimer für andere herzuhalten und sich quasi zu opfern. Das gehört für mich zu Freundschaften, Familie und Partnerschaft dazu.

Als großer Selbstzweifler wirken Sie in der Öffentlichkeit ja nun eher nicht. Man nimmt Sie vielmehr als Anpacker und Macher wahr.

Wenn ich eine Vision und ein Ziel vor Augen habe, dann ist es eine meiner Stärken, andere anzustecken und zu inspirieren. Aber natürlich habe auch ich Phasen, wo Pläne nicht aufgehen, ich hadere und durchhänge. Insgesamt jedoch tendiere ich dazu, das Glas lieber etwas voller zu sehen als es ist, als zu pessimistisch zu sein.

Sie haben im vergangenen Sommer insgesamt 44 Konzerte gespielt …

… von denen kein einziges ausgefallen ist! Zwischendurch habe ich noch dieses Album eingesungen, lag zehn Tage flach mit Corona, und doch ist am Ende alles pünktlich fertig geworden. Jetzt gucke ich auf dieses Jahr und denke „Wow“.

„Plan A“ ist ein Album voller prall perlender Popsongs und neuer Geschichten, die man von Ihnen noch nicht kannte. Haben Sie sich je Sorgen gemacht, sozusagen auserzählt zu sein?

Am Anfang total. Ich saß da und dachte, ich habe nichts zu erzählen. In den ersten Pandemiemonaten hatte ich kein Bock und keine Ideen. Mir fiel nichts ein, und ich fürchtete, mich nur noch zu wiederholen oder eine Schreibblockade zu haben. Meistens brauche ich in so einer Stimmung einen Song, in diesem Fall war es „Plan A“, und ich weiß: Ich kann es doch noch.

„Plan A“ ist ein lebensfreudiger Song. Haben Sie sich selbst mit diesem Lied aus einem emotionalen Loch gebuddelt?

Das war die Idee, und das ist mir auch gelungen. Der Ursprung war, dass mich Leute seit Jahren fragten, was ich denn gemacht hätte, wenn ich nicht Musiker geworden wäre. Ich habe immer viel zu lange über die Antwort nachdenken müssen, bis ich merkte, dass es keine Antwort gibt. Schon als Kind und als Jugendlicher spürte ich, dass Musik das ist, was ich mein Leben lang machen möchte. Der Song selbst sollte nach Aufbruch und Euphorie klingen, weil ich glaubte, er kommt zu einer Zeit raus, wo die Welt sich wieder ein bisschen eingeruckelt haben würde. Und dann brach genau in der Woche, wo wir „Plan A“ als Single veröffentlichten, ein Krieg in Europa aus.

Von einer „eingeruckelten Welt“ kann keine Rede mehr sein.

Nein. Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, die Welt gerät mehr und mehr aus den Fugen.

Wie kommen Sie als wohl eher optimistischer Mensch mit dem Weltgeschehen zurecht?

Ich erwische mich dabei, dass ich oft mit der Komplexität der Dinge nicht mehr mithalten kann. In manchen Punkten bin ich einfach zu überfordert, um eine klare Haltung dazu einnehmen zu können. Hier und da wird mir angst und bange, und ich schlage mir vor den Kopf und frage mich, was zur Hölle die Menschheit gerade macht. Ich hatte gehofft, die richtigen und wichtigen Themen wie der Klimaschutz rücken endlich in den Fokus, und auf einmal wird das alles zerstört durch einen schwachsinnigen und verbrecherischen Krieg. Ich verstehe das nicht. Wie können erwachsene Menschen, die vermeintlich nicht dumm sind, die Familien und Kinder haben, auf die Idee kommen, der Nachwelt nur Schutt und Asche hinterlassen zu wollen.

In „Was wäre wenn“ zitieren Sie John Lennons „Imagine“ mit der Zeile „You may say I’m a dreamer“. Ist der Song nach Kriegsausbruch in der Ukraine entstanden?

Ja, absolut. Die textlichen Bilder in dem Stück sollten so aktuell wie möglich sein. Im Prinzip geht es darum, nicht nur vom Frieden und einer gerechteren Welt zu träumen, sondern auf die Straße zu gehen und die Dinge aktiv in die Hand zu nehmen. Die allermeisten von uns könnten und müssten mehr tun – ich schließe mich da selbst mit ein.

Sind Sie trotz allem noch ein Idealist, ein Träumer?

Ja, das würde ich schon sagen. Natürlich ist der eine oder andere Traum schon geplatzt, und doch: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Zur Person

Johannes Oerding , geboren am 26. Dezember 1981 in Münster, spielt längst in der ersten deutschen Pop-Liga. Songs wie „An guten Tagen“, „Für immer ab jetzt“ und „Alles brennt“ machten ihn zum Star. Der 41-jährige Wahl-Hamburger ist Gastgeber der Vox-Sendung „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“, Juror bei „The Voice of Germany“ und hat vor Kurzem sein siebtes Album veröffentlicht. Seit 2011 ist Johannes Oerding mit Sängerin und Moderatorin Ina Müller liiert.

Mit dem aktuellen Album „Plan A“ geht Johannes Oerding im Frühjahr 2023 auf Tour. Weitere Infos, Termine und Tickets gibt es auf seiner Webseite www.johannesoerding.de

Auch in „Kaleidoskop“ geht es um positive Veränderungen und das Überwinden von Ängsten.

Ja, da ziehe ich die großen Fragen noch ein bisschen größer und plakativer auf. Solche Songs schreibe ich auch für mich selber. Ich bin einfach ein Fan von Happy Ends. Ich brauche am Ende einen positiven Ausblick.

Auch beim Filmegucken?

Ja, total. Ich kann es nicht leiden, wenn am Ende alle tot sind. Und wenn eine Serienstaffel böse endet, dann hoffe ich sehr, dass es noch eine gibt. Ich will nicht so hängengelassen werden.

Sehen Sie es auch als eine Bestimmung als Künstler, die Leute nicht hängenzulassen und ihnen Hoffnung anzubieten?

Mittlerweile, ehrlich gesagt, schon. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber inzwischen sagen mir viele Menschen, dass meine Songs ihnen Mut machen. Für viele bin ich ein Stück weit Begleitperson in turbulenten, schwierigen Phasen. Ein Hofnarr, der die Leute aus ihrer dunklen Stimmung rausholt und für die die Welt drumherum auf Pause drückt.

Der außergewöhnlichste Song auf „Plan A“ heißt „Eins-zu-Eins-Gespräch“. Das Lied, in dem Sie mehr sprechen als singen, dreht sich um das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Vater. Hat er sich schon dazu geäußert?

Ja, das war mir auch wichtig bei der Nummer. Ich habe von ihm einen „Daumen hoch“ bekommen.

Sie sagen, dass Sie speziell in Ihrer Jugend auch öfter mit ihm aneinandergerasselt bist. Warum bringen Sie dieses Lied gerade jetzt heraus?

Einen Song über meinen Vater hatte ich schon länger in der Schublade. Ich dachte bisher, ich bin noch zu jung, um so einen Brief aufzusetzen und mit den Menschen zu teilen. Aber dann passieren familiär Dinge, die einem zeigen, dass die Zeit irgendwann abläuft. Mir war es jetzt wichtig, unser Verhältnis aufzudröseln – und zwar nicht so, dass alles glattgebügelt wird, sondern authentisch. So, wie es wirklich war.

Ihr Vater ist Arzt. Ist er stolz auf Sie?

Ja, das ist er. Meine Familie insgesamt ist mein größter Fanclub, auch wenn sie es nicht immer zeigen können. Wir sind eine eher introvertierte Familie, ich schlage da ein bisschen aus der Art. Wir sind fünf Kinder, ich bin der Zweitjüngste. Ich war ein kleines und schmächtiges Kind. Da musst du schon laut sein, um nicht unter die Räder zu kommen. Der Älteste ist schlau, der Zweite ein Supersportler, die Dritte wahnsinnig kreativ. So hat jeder bei uns sein Ding. Ich musste mir meins erst suchen, bis ich feststellte, ich kann gut singen, mich bewegen und die Leute zum Lachen bringen.

Ein anderer Beruf wäre wohl nicht in Frage gekommen.

Nein. Dabei habe ich ziemlich viel ausprobiert, das war meinem Vater wichtig. Ich habe in den Ferien als Dachdecker gearbeitet, in der Schlachterei, auch im Büro und in der Gastronomie.

Das nostalgische Lied „Schnee von gestern“ handelt unter anderem davon, wie sie mit 80 auf Ihr Leben zurückschauen möchten.

Ich hoffe, dass ich im Alter in meinem Schaukelstuhl sitze, auf die Baustellen in meinem Leben blicke und erkenne, dass ich mir immer viel zu viele Sorgen gemacht habe. Zu der schönen Schrammelgitarren-Nummer haben mich Bruce Springsteen und Sam Fender inspiriert.

Aber was war die Inspiration für „Vielleicht“? In dem Song ziehen Sie praktisch alles in Zweifel, sogar Ihre Beziehung.

Der Song ist primär von den Leuten um mich herum geprägt. Viele Menschen in meinem Umfeld stellen gerade vieles in Frage. Ich will jetzt gar nicht von Midlife Crisis sprechen, aber ich glaube, diese Gedanken, ob man die richtigen Abzweigungen im Leben genommen hat, kommen ab 40 mehr als davor.

Rutschen Sie mit nun Ü-40 auch schon langsam in die Midlife Crisis?

(Lacht.) Das klassische Klischee der männlichen Midlife Crisis, mit Motorrad, Oldtimer, junger Geliebter, das erfülle ich noch nicht.

Interview: Steffen Rüth

Auch interessant

Kommentare