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Gezeichnete Darstellung eines menschlichen Schädels, der von diversen Wissenschaftler:innen untersucht wird.
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Archäogenetik kann uns viel über die Gemeinsamkeiten der Menschheit verraten.

Evolution

Johannes Krause: „Rassismus hat den Begriff Rasse beim Menschen erst geschaffen“

  • VonFrederik Jötten
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Archäogenetiker Johannes Krause erklärt, warum wir Menschen uns viel ähnlicher sind, als es äußerlich scheinen mag

Herr Krause, warum sollte man den Begriff „Rasse“ beim Menschen nicht verwenden?

Rassen gibt es bei Haustieren. Menschen haben über mehrere hundert Jahre immer eng verwandte Tiere, bis hin zu Geschwistern, miteinander verpaart und so jeweils Populationen gezüchtet, die untereinander nahe verwandt sind. Zwischen zwei Schäferhunden finden wir deshalb kaum genetische Unterschiede, zwischen Schäferhund und Dackel dagegen viele. In Züchter-Büchern steht genau, wen man nicht miteinander verpaaren darf, weil man sonst die Rasse kaputtmacht. Es ist auch das, was die Nazis in den 1930ern beim Menschen vorhatten.

Eine menschliche Rasse zu züchten, wäre also theoretisch möglich gewesen?

Man könnte natürlich etwas Äquivalentes wie die Tierrassen beim Menschen erzeugen, indem man Geschwister miteinander verpaart und das über viele Generationen. So könnte man eine Population erschaffen, die sich stark von anderen unterscheidet – aber das ist eben nicht die Realität beim Menschen.

„Menschliche Rassen gibt es im biologischen Sinne nicht“, sagt Johannes Krause

Und es wäre nicht nur inhuman gewesen, sondern das Gegenteil des von den Nazis erdachten „Übermenschen“ – nämlich eine Rasse mit einer Ansammlung genetischer Defekte.

Genau. Wie eben bei den Tierrassen. Schäferhunde haben deshalb Hüftprobleme, und die Deutsche Dogge wird meist nur acht Jahre alt. Die Perserkatze oder der Mops haben häufig Schnupfen und ständig Atemprobleme. Was wir Menschen da tun, ist eigentlich sehr traurig, aber viele finden die überzüchteten Tiere süß oder sonstwie attraktiv.

Johannes Krause ist Shooting-Star der Archäogenetik.

Mit der „Jenaer Erklärung“ haben Sie sich 2019 politisch zu Wort gemeldet.Wollten Sie die zum Teil verpönte Genetik rehabilitieren?

Mit der Jenaer Erklärung haben wir uns 2019 stark positioniert und klargestellt, dass es menschliche Rassen im biologischen Sinne nicht gibt. Rassismus hat den Begriff Rasse beim Menschen erst geschaffen. Zoologie und Anthropologie haben sich unrühmlich beteiligt. Die Genetik hat wie keine andere Wissenschaft in den letzten Jahren dazu beigetragen, das Konzept Rasse zu widerlegen. Weil wir ja ganz klar gezeigt haben, dass die klare Einteilungen in fünf, sieben oder in zehn unterschiedliche Populationen nicht möglich ist und dass alle Menschen nahe verwandt sind.

In den USA bezeichnet sich Kamala Harris, die erste Vizepräsidentin des Landes, als Schwarze. Sie und viele andere benutzen selbstverständlich das Wort „Race“.

Kamala Harris kann sich selbstverständlich als zugehörig zur einer „race“ bezeichnen. Der Begriff wird in den USA als sozialanthropologisches Konstrukt gebraucht. Wir haben uns gegen den biologischen Begriff gestellt, so wie wir ihn im Deutschen benutzen, im Sinne von Tierrassen etwa. Im Englischen werden diese ja als „breeds“ bezeichnet, also Züchtungen.

Genetische Unterschiede zwischen Menschen aus Afrika oder Europa gibt es doch – jemand, der aus dem Kongo stammt, sieht eindeutig anders aus als jemand, der deutsche Vorfahren hat.

Man muss nur zum Makeup-Regal in der Drogerie gehen, um zu sehen: Es gibt tausende unterschiedliche Hautfarben bei Menschen. Was Sie jetzt genannt haben, sind die zwei Extreme der Pigmentierung, Nordeuropa, wo wir helle und Zentral-Afrika, wo Menschen sehr dunkle Haut haben. Dazwischen gibt es ziemlich alle Schattierungen – und es gibt keine klare Grenze. Die Unterteilung in Schwarz und Weiß ist unsinnig, denn jemand, der aus Sizilien stammt, hat vielleicht dunklere Haut als jemand aus der Bevölkerungsgruppe der Khoisan in Südafrika. Es ist also schon mal verrückt, dass man versucht, Menschen anhand von Hautfarben einzuteilen.

Als Menschheit eint uns also viel mehr als uns trennt.

Johannes Krause

Gibt es andere Unterschiede?

Was die Genetik angeht, gibt es keine Grundlage für Rassen. Die Menschen Ostafrikas und alle, die von außerhalb Afrikas stammen, sind näher mit Europäern verwandt als mit den Westafrikanern – genetisch gesehen, sind Europäer also Ostafrikaner. Wenn man die Welt aufteilt in Afrikaner, Europäer und Asiaten, macht das überhaupt keinen Sinn. In Wirklichkeit ist die genetische Diversität innerhalb Afrikas viel größer als im Rest der Welt.

Wie erklären S gemeinsame äußerliche Merkmale auf den Kontinenten – zum Beispiel mandelförmige Augen in Asien?

Ich habe zum Beispiel auch leicht mandelförmige Augen, aber meine Vorfahren, das weiß ich ziemlich gut durch genetische Tests, haben in den letzten paar tausend Jahren in Mitteleuropa gelebt. Umgekehrt gibt es in China zum Beispiel die Uiguren, die häufig keine mandelförmigen Augen haben, da sie sowohl westeurasische wie auch osteurasische Gene in sich tragen. Das äußere Erscheinungsbild, der Phänotyp, verläuft in Gradienten. Nur wenn man sich zwei extreme Enden vom Gradienten anschaut, gibt es Unterschiede. Doch sind selbst diese meist nicht fixiert, es sind nur Häufigkeitsunterschiede. In Afrika südlich der Sahara haben 99,9 Prozent der Menschen nicht die Gene, die zu heller Haut führen, die wiederum die Mehrzahl der Nordeuropäer in sich tragen.

Zur Person

Johannes Krause ist der Shooting-Star der Archäogenetik, der recht jungen Disziplin, die Erbmaterial aus tausende Jahre alten Knochen analysiert. In seiner Doktorarbeit fand er auf diese Weise heraus, dass Frühmenschen Sex mit Neandertalern hatten – denn wie er zeigte, teilen wir Gene mit dieser Gattung. Dafür bekam er mit seinen Koautoren den Newcomb Cleveland Prize 2010 , die Auszeichnung für den besten Fachartikel im Fachjournal „Sciene“. Sein Buch „Die Reise unserer Gene“ wurde in Deutschland zum Bestseller. 2020 wurde er als Direktor an das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig berufen. FR bild: max-planck-gesellschaft

Wie stark unterscheidet sich das Genom von Menschen aus aller Welt heute?

Wenn ich Ihre und meine DNA vergleiche, dann finde ich ungefähr 4,1 oder 4,2 Millionen Unterschiede. Vergleiche ich Ihre Erbsubstanz mit einem Menschen, der aus Peking stammt, dann machen wir etwa 4,3 Millionen voneinander verschiedene Stellen aus. Das heißt, 90 Prozent der Unterschiede finden wir schon zwischen uns beiden Mitteleuropäern. Das heißt, ein Großteil der genetischen Vielfalt existiert innerhalb der Populationen. Schon in jedem Dorf gibt es diese Unterschiede zwischen denjenigen, die nicht miteinander verwandt sind. Dabei ist es nicht etwa so, dass jeder Chinese, Asiate oder Afrikaner einen fixierten Unterschied hat, der ihn von allen Europäern unterscheidet. Unter den drei Milliarden Positionen des menschlichen Genoms gibt es tatsächlich keine Stelle, an der etwa alle Europäer ein A haben und alle Asiaten oder Afrikaner ein C. Das heißt, es gibt nicht nur kein Gen, was jeweils Asiaten, Afrikaner und Europäer unterscheidet, es gibt nicht mal eine einzige unterschiedliche Stelle im Genom. Es gibt die gleichen Varianten überall, nur in manchen Regionen eben seltener als in anderen. Als Menschheit eint uns also viel mehr als uns trennt.

Sie haben auch viel über die Migrationsbewegungen in der Frühgeschichte Europas geforscht. Was wissen wir über die Erbsubstanz der Menschen damals?

Der Ur-Europäer lebte Jahrtausende als Jäger und Sammler. Wir haben mit genetischen Analysen Haarfarbe, Augenfarbe und Pigmentierung der Haut untersucht. Wenn wir einem Jäger und Sammler im Wald begegnen würden, könnten wir den nicht unterscheiden von einem Menschen, der heute aus Afrika südlich der Sahara stammt. Die Hautfarbe des Ur-Europäers war sehr dunkel.

Ein durchschnittlicher deutscher Bauer vor 7000 Jahren hatte also zu fast 100 Prozent einen Migrationshintergrund.

Johannes Krause

Warum hat sich das geändert?

Vor 8000 Jahren in Südosteuropa und vor ungefähr 7000 Jahren in Mitteleuropa werden die Menschen sesshaft. Sie betreiben Ackerbau, haben domestizierte Tiere und Siedlungen, die permanent bewohnt werden. Es war lange umstritten, ob sich die dazu nötigen Fähigkeiten kulturell verbreitet haben – also quasi dadurch, dass Menschen ihre Nachbarn nachahmten – oder ob sich das Leben so stark änderte, weil Einwanderer nach Europa kamen. Heute wissen wir: Die Landwirtschaft war keine eigene Erfindung der Ur-Europäer, es waren Migranten, die dieses Wissen mitbrachten.

Woher kamen diese Migranten?

Wenn wir uns die Menschen anschauen, die vor 7000 Jahren bei uns gelebt und Landwirtschaft betrieben haben, dann stammen ihre Vorfahren aus Anatolien. Das macht auch insofern Sinn, weil wir von dort auch die weltweit ältesten Spuren menschlicher Landwirtschaft kennen. Ihr Know-how brachten sie mit. Ein durchschnittlicher deutscher Bauer vor 7000 Jahren hatte also zu fast 100 Prozent einen Migrationshintergrund.

Wie sahen die Neu-Europäer aus?

Die frühen Ackerbauern aus Anatolien hatten hellere Haut als die Jäger und Sammler. Der Grund war: Die Menschen aßen längst nicht mehr so viel Fleisch und Fisch wie Jäger und Sammler. Sie nahmen stattdessen viele pflanzliche Produkte aus der Landwirtschaft zu sich, darin ist allerdings kaum Vitamin D enthalten. Mit hellerer Haut kann man leichter mittels Sonnenlicht Vitamin D produzieren.

Wie haben unsere Vorfahren die Jäger und Sammler verdrängt?

Man muss sich das nicht so vorstellen, dass eine Familie von Anatolien aufbricht und sich dann ein paar Monate später in Deutschland niederlässt. Sondern es war eher so, dass immer wieder ein paar Kilometer vom elterlichen Hof entfernt Kinder einen neuen Bauernhof gründeten – und so kommt man in über 1000 Jahren eben von Anatolien bis nach Mitteleuropa. Die frühen Ackerbauern hatten mehr Kinder als die Jäger und Sammler. Das liegt zum einen an der Ernährung; die Ackerbauern konnten Hungersnöte durch Vorratshaltung überstehen. Außerdem konnten die Mütter ihren Säuglingen früh Getreidebrei geben. Die Frauen konnten dann abstillen und somit wieder schwanger werden.

Die Kultur und Gene der Jäger und Sammler verschwanden nach und nach fast völlig, aber auch die Zeit der aus Anatolien stammenden Ackerbauern hielt nicht ewig.

Wir haben eine schöne Fundstelle in Spreitenbach in der Schweiz, eine Grabstelle von vor 4800 Jahren. Darin fand sich eine neue Form der Keramik, die so genannte Schnur-Keramik, außerdem viele Streitäxte. Menschen wurden individuell bestattet – all das gab es vorher nicht. Da hat man sich lange gefragt: Sind das wieder neue Leute, oder hatten die einfach die Idee, ihre Leichen anders zu bestatten und neue Keramik anzufertigen? Die genetischen Analysen der letzten Jahre haben gezeigt: Es kamen wirklich neue Einwanderer.

Wer waren diese Menschen? Wie und warum kamen sie nach Mitteleuropa?

Sie stammten aus der osteuropäischen Steppe, und ihre Vorfahren gehörten zur Jamnaja-Kultur, sie hielten Vieh auf Weideland, erfanden Rad und Wagen und lebten als Nomaden. Vor 4900 Jahren begannen sie sich mit ihren Rinderherden nach Westen auszubreiten. Interessanterweise dauerte es nur 100 bis 200 Jahre, bis sie auch als Ackerbauern lebten. Genetisch sind sie allerdings ganz anders als die Menschen vorher.

Was passierte diesmal, als die Einwanderer auf die Einheimischen trafen?

Was wir in den Genen sehen, ist, dass aus dieser Steppe nördlich des Schwarzen Meeres mehr männliche DNA gekommen ist als weibliche. Auf dem X-Chromosom sind mehr Ackerbauern-Gene als auf den restlichen Chromosomen. Weil Männer nur ein X-Chromosom, Frauen dagegen zwei haben, zeigt sich somit, dass aus der Steppe mehr männliche DNA gekommen ist als weibliche. Es immigrierten sechs- bis siebenmal mehr Männer als Frauen aus dem Osten. Dadurch bekommen wir eine ziemlich große Verschiebung – ungefähr 70 bis 80 Prozent der Gene der Mitteleuropäer gehen zu jener Zeit auf die Einwanderer zurück. Früher nannte man sie „Streitaxt-Kultur“ oder zur Nazi-Zeit „Arier“; man dachte lange, sie seien aus dem Norden gekommen, aber sie kamen aus Südrussland.

Genetiker Johannes Krause über den Unsinn menschlicher „Rassen“

Bleiben die Einwanderer unter sich?

Über die nächsten 1000 Jahre vermischen sie sich, und das ist ein ganz interessanter Prozess, denn er wird hauptsächlich durch Frauen getrieben. Wir haben in den Siedlungen weibliche Skelette gefunden, die zu 100 Prozent immer noch die Gene der anatolischen Ackerbauern haben – 1000 Jahre nach der großen Einwanderung aus der Steppe. Es muss also über 1000 Jahre lang Parallelgesellschaften gegeben haben.

Rechte Parteien schüren zum Thema Migration Angst vor „Überfremdung“ und „Bevölkerungsaustausch“.

Viele, die heute eine abendländische Gesellschaft vor Veränderung, etwa durch Einwanderung, schützen wollen, versuchen, ein vermeintlich statisches Erfolgsmodell gegen Migration abzuschotten, das ohne die Migration, einschließlich der in den letzten Jahrzehnten, gar nicht möglich gewesen wäre – die Einwanderer werden ja schon alleine als Arbeitskräfte in vielen Regionen der Erde gebraucht. Migration hat in der Menschheitsgeschichte immer Innovation gebracht; der Austausch von Information, Waren und auch von Menschen, die diese Innovation dann etablieren, ist ein Erfolgsmodell. Die Angst vor einem vermeintlichen Bevölkerungsaustausch ist schon rechnerisch Unsinn. Um eine genetische Veränderung herbeizuführen, wie vor 5000 Jahren durch die Einwanderung aus der Steppe, müssten eine Milliarde Menschen etwa aus Indien oder dem Nahen Osten nach Deutschland einwandern.

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