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Das 1929 erbaute „Strandhus“ war Joachim Ringelnatz das liebste Haus auf der Insel. Es ist noch nahezu im Originalzustand.

Joachim Ringelnatz

Kein Bernstein, aber Schnaps

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Auf der Insel Hiddensee verbrachte Joachim Ringelnatz so manchen Sommer in illustrer Gesellschaft. Im Lieblingshaus des Dichters kehrt nun wieder Leben ein.

Liest man Asta Nielsens Tagebucheinträge über Joachim Ringelnatz, dann wird schnell deutlich: Sie mochte den kauzigen Dichter sehr. Nielsen, der Stummfilmstar der 1920er Jahre, hatte 1928 auf der Ostsee-Insel Hiddensee ein Ferienhaus gekauft und das damals 46-jährige „Uralt-Kind“, wie Ringelnatz sich selber nannte, und dessen Ehefrau hin und wieder eingeladen.

„Heute morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hatte“, so der Tagebucheintrag der aus Dänemark stammenden Schauspielerin, die noch bis 1936 jeden Sommer auf der Insel verbrachte. Dafür gab es im Sand „phantastische Steine“, wie der Dichter berichtete. Die freilich waren zu groß und zu weit weg, um sie mitzubringen. Deswegen markierte er sie nur mit danebengepflanzten Stöcken, damit seine Frau, die er zärtlich-ironisch „Muschelkalk“ nannte, sie am nächsten Morgen finden und nachhause schleppen konnte. Später bemalte er sie dann.

Ute Fritsch kann nicht nur über Ringelnatz erzählen.

Das abgeschiedene Hiddensee, nordwestlich von Rügen gelegen, war nach 1900 zur „Künstler-Insel“ geworden. Nicht nur Asta Nielsen kam regelmäßig hierher, auch Autoren wie Hans Fallada, Gottfried Benn und Carl Zuckmayer, der Maler Erich Heckel, der Regisseur Billy Wilder und natürlich Gerhart Hauptmann, der Literatur-Nobelpreisträger, der hier ebenfalls ein Haus besaß. Joachim Ringelnatz, Autor humorvoller Reime, fühlte sich wohl im Domizil der Stummfilm-Ikone. Die lud jeden Sommer Freunde und Kollegen aus der Berliner Künstlerszene nach Hiddensee in ihr architektonisch außergewöhnliches, von Max Taut erbautes Sommerhaus, das noch heute als „Karusel“ bekannt und bei Besichtigungen (und für Hochzeiten) zugänglich ist.

Über „Ringelnatz auf Hiddensee“ kann am besten Ute Fritsch erzählen, eine Berliner Verlegerin, die bereits seit 2003 regelmäßig auf der schmalen, nur 18 Kilometer langen autofreien Insel „übersommert“, dort Führungen und Lesungen zur Künstler-Historie veranstaltet und auch ein Buch mit diesem Titel geschrieben hat. Der Dichter sei dort „glücklich und als Autor produktiv“ gewesen, weiß Fritsch. Er habe hier „sonnenhelle Tage verbracht, ewig Bernstein suchend, immer nur Schnaps findend“, auf jeden Fall aber in heiterster Geselligkeit mit der Schauspielerin und anderen Künstlerkollegen.

Er schrieb hier einige Gedichte und trank ungezählte Klare

Ringelnatz war mit seinen Versen und mit seinen Auftritten als Kabarettist damals bereits deutschlandweit berühmt. Er hatte Nielsen 1921 in Berlin während eines Tourneeaufenthaltes kennen und verehren gelernt, 1930 verlegte er seinen Wohnort von München nach Berlin, wo sich die Freundschaft mit der Schauspielerin, die in der Hauptstadt lebte, weiter festigte. Auf Hiddensee schrieb der kleine, magere Mann mit der „Don-Quichote-Nase“ (Nielsen) nicht nur eine ganze Reihe Gedichte und das (freilich kaum bekannte) Theaterstück „Die Flasche“, sondern hinterließ auch großen Eindruck als trinkgewaltiger Zeitgenosse. „Wenn er seinen Spaziergang über das Hochland gemacht hatte, kehrte er regelmäßig im „Dornbusch“ (einem Lokal im Nachbarort Kloster) ein“, berichtete später der Hiddenseer Lehrer Heinrich Berg in seinen Aufzeichnungen über prominente Gäste auf Hiddensee. „Er trank seinen Klaren aber nicht wie wir als kleinen Schnaps, sondern aus Weingläsern… Der langjährige Ober aus dem Dornbusch wusste das schon und vermied es, ihm mit einem kleinen Glas unter die Augen zu treten.“

Kühe weiden bis zum Rand

Großer Tümpel, wo im Röhricht

Kiebitz ostert. – Nackt im Sande

Purzeln Menschen selig töricht

Und des Leuchtturms Strahlen segnen

Eine freundliche Gesundheit.

J oachim Ringelnatz: „Insel Hiddensee“

Unkonventionell zu sein und zu agieren, war sein Markenzeichen. Nicht nur am Strand veranstaltete er seine Kapriolen, sondern auch abends beim Tanz im „Dornbusch“, wo er sich, da er den Walzerschritt nie begriffen hatte, „mit kuriosen Sprüngen behelfen musste“, wie ein Beobachter notierte. Oder auf dem Nachhauseweg, nachdem er mit den Fischern an der Schenke getrunken hatte. „Auf dem Heimweg war er zu klug, um mit uns anderen den gewöhnlichen Weg nachhause zu gehen. Er wusste einen viel besseren“, vermerkte Nielsen in ihrem Tagebuch. Und: „Er kam zwei Stunden später als wir nachhause, bis zur Taille durchnässt, nachdem er in einen Sumpf hineingeraten war.“

Fast genau 90 Jahre nach Ringelnatz‘ erstem Besuch auf der Insel gewinnen die Insel-Eskapaden des Dichters neue Aktualität. Ein weiterer Schauplatz seines quirligen Insellebens neben „Karusel“, Kneipen, Spazierwegen und Strand ist nun wiederentdeckt worden. Ringelnatz-Fan Ute Fritsch hat, unterstützt von Familie, Freunden und per Crowdfunding, ein Sommerhaus kaufen können, das das „Lieblingshaus“ des Dichters auf der Insel war. Das leuchtend blau gestrichene „Strandhus“, 1929 erbaut, gehörte damals der Malerin Helene Herveling-Bockenheuser und war regelmäßig seine „Kaffeestation“ auf dem Weg vom „Karusel“ hinüber an den Vitter Strand. Die Malerin, damals Mitglied des „Hiddenseer Künstlerinnenbundes“, heute freilich völlig vergessen, war eine der engsten Freundinnen Nielsens – und ebenfalls ein eigenwilliger Charakter. Sie gewandete sich immer nur ganz in Weiß. Man nannte sie „die weiße Frau“, die Inselkinder freilich riefen sie weniger romantisch „Schleiereule“. Was ihrer Gastfreundschaft aber offenbar keinen Abbruch tat.

Nach dem Auftrittsverbot zehrte Ringelnatz noch von seiner Inselzeit

Das Holzhaus befindet sich fast noch im Originalzustand der 1930er Jahre, nur ein WC mit Wasserspülung ist statt des früher üblichen Plumpsklos außen angebaut. Ute Fritsch will es so erhalten, „Modernisierungen“ sind nicht geplant, und das „Blaue Strandhaus“ soll künftig auch ein weiterer Ort auf Hiddensee sein, an dem an die Künstlertradition erinnert und diese auch wiederbelebt wird. 

Auch Hans Fallada und Gerhart Hauptmann lebten Sommers auf Hiddensee.

Die Verlegerin und Inselführerin plant dort ab nächstem Jahr mit Unterstützungs des Vereins „Blaues Strandhus – Literatur und Kunst Hiddensee“ regelmäßige Lesungen von zeitgenössischen Autoren, kulturhistorische Vorträge, Konzerte und kleine Ausstellungen in Garten und Atelier. Einen Vorgeschmack gab kürzlich die von Fritsch und Freunden gestaltete Einweihungsfeier des Herveling-Hauses. Da erlebten die Besucher eine szenische Lesung zu den Hiddensee-Künstlern, einen Crashkurs „Tänze der 20er Jahre“, Gedicht-und Musikdarbietungen der Gäste und einen Stummfilm mit Schauplatz Hiddensee (1920) – bei viel Bowle und „Freibrötchen“ im Garten des Hauses, der direkt hinter der Ostsee-Düne gelegen ist.

Impressionen von der „Künstler-Insel“

Ringelnatz jedenfalls zehrte, wieder zuhause in Berlin, von den Hiddensee-Besuchen, besonders, da er nach 1933 von den Nazis mit Auftrittsverboten belegt worden war und die meisten seiner Bücher verbrannt worden waren. „Wenn Parteien sich und Massen / Sichtbar und geräuschvoll hassen, / klingt das mir wie Meeresrauschen. / Und dann mag ich henkelltrocken / Still auf einer Insel hocken, / die mich zusehen lässt und lauschen.“ Das hat Ringelnatz als eine Reaktion auf die politischen Unruhen der Weimarer Zeit schon 1928 geschrieben, da kannte er Hiddensee noch nicht persönlich. Es klingt allerdings so, als wäre es schon darauf gemünzt. Der Dichter starb 1934 mit nur 51 Jahren, an den Folgen einer Tuberkulose.

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