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Leonie von Hase Gewinnerin trug Hosen – und am Ende das Krönchen.

Miss Germany

Jetzt wird’s persönlich!

Oder nicht? Bei der diesjährigen „Miss Germany“-Wahl sollte es ganz um die „Personality“ gehen, so der Veranstalter. Ganz ohne „Beauty“ kommt das Event trotzdem nicht aus.

Die Hände zur Faust geballt reckt sie die Arme in die Luft und strahlt: nicht kokett, sondern gelassen. Leonie von Hase ist die neue „Miss Germany“ – und mit 35 Jahren die älteste, die es je gab. Mehr als zwei Stunden Show liegen hinter ihr und noch viel mehr Stunden der Vorbereitung.

Früher durften nur Frauen unter 30 mitmachen – am Samstag gewann eine, die fünf Jahre älter ist. Leonie von Hase ist auch die erste „Miss Germany“, die den ganzen Abend kein Kleid trug, stattdessen Hosenanzug und eine alltagstaugliche Pullover-Kombi. Die berühmte Bikini-Runde ist schon 2019 abgeschafft worden, aber erst dieses Jahr waren die Macher der Misswahl wirklich konsequent.

Keine an die Wand geworfenen Bikinibilder von Shootings, keine bauchfreien Oberteile, kaum tiefe Ausschnitte. Und zum ersten Mal in 93 Jahren Miss-Germany-Geschichte ist eine Kandidatin mit Babybauch auf die Bühne marschiert. An vielen Stellschrauben ist gedreht worden. Vorwahlen in Städten und Bundesländern gibt’s nicht mehr.

Die Frauen wurden direkt über Bewerbungsvideos und ihre Social-Media-Kanäle ins Finale gewählt. Dort erwartete sie nun zum ersten Mal eine komplett weibliche Jury. Juroren wie CDU-Mann Wolfgang Bosbach mussten Platz machen für RTL-Moderatorin Frauke Ludowig, Ex-CSU-Politikerin und TV-Investorin Dagmar Wöhrl.

Bloßes Wohlwollen ist das alles nicht. Der Wettbewerb kämpft ums Fortbestehen. Schönheitswettbewerbe wirken nicht erst seit der #MeToo-Debatte aus der Zeit gefallen. Und der Kern des Geschäfts bleibt nun mal: Junge Frauen ausstellen, begutachten, bewerten. Das weiß auch die Miss Germany Corporation (MGC).

Also solle es im Wettbewerb heute mehr um Persönlichkeit als um Aussehen gehen, so zumindest das neue Konzept. Hinter MGC steckt kein Imperium, sondern ein kleiner Familienbetrieb. Seit Jahrzehnten suchen die Klemmers nach der schönsten Frau Deutschlands – und jetzt eben nach dem authentischsten Charakter, so heißt es.

Seit 20 Jahren vergibt die MGC den Titel „Miss Germany“. Bis vor drei Jahren stellten der 83-jährige Horst Klemmer und sein Sohn Ralf, 55 Jahre alt, die Veranstaltung mit einem 15-Leute-Team auf die Beine. Dann hat der 24-jährige Max Klemmer vom Großvater übernommen. Er ist der Mann, der die anderen Männer aus der Jury verbannt hat. Ob’s hilft?

„Wenn man Sexismus so begreift, dass Frauen nur durch Männer sexualisiert werden, kann eine weibliche Jury auch nicht sexistisch sein“, sagt Gabriele Dietze vom Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. Es gebe aber auch „übersetzten Sexismus“ – wenn eine weibliche Jury einen „stellvertretend männlichen, sexistischen Blick“ auf Frauen wirft zum Beispiel.

Klemmer begründet die Entscheidung so: „Wir suchen authentische Botschafterinnen, die stellvertretend für ganze Generationen stehen, und wer kann authentische Frauen besser erkennen als gestandene, authentische Expertinnen?“ Die Rückendeckung der Kandidatinnen hat er jedenfalls. „So wird klar gemacht, dass der männliche Blick nicht mehr zählt“, sagt die diesjährige Gewinnerin etwa.

Neu ist die Idee, die Persönlichkeit zu berücksichtigen, nicht. Schon beim ersten „Miss Germany“-Wettbewerb 1927 nach amerikanischem Vorbild stellte sich im Berliner Sportpalast die Charakterfrage. Da zeterten nämlich einige Verliererinnen so unflätig und laut, dass der „Berliner Lokal-Anzeiger“ eine charakterliche Bewertung der Kandidatinnen forderte. Eine Schönheitskönigin brauche auch „die innere Berechtigung, ihr Vaterland als Idealfigur zu vertreten“.

Ganz so schwülstig geht’s im Europapark 2020 nicht zu. Doch Stil und Haltung sind ständiges Thema. Statt in ständige Outfitwechsel werden die etwas mehr als zwei Stunden des Abends in Sprechzeit der Kandidatinnen investiert. Sie müssen sich Fragen der Jury stellen. So will „Miss Bayern“ Lara Runarsson, 22 Jahre alt, unbedingt mal Merkel treffen: „Das ist eine starke Frau, die mich inspiriert“, flötet sie.

Beim Veranstalter MGC indes stehen nur starke Männer an der Spitze. „Das ist uns auch schon aufgefallen“, sagt der jüngste Klemmer und lacht. Der Rest des Teams bestehe aber aus Frauen. Dass sich auch am Vorstand etwas ändern könnte, will er immerhin nicht ausschließen. Würde ja auch besser zur weiblichen Jury passen. Zu der Genderforscherin Dietze allerdings sagt: „Das ist ein Versuch, die Legitimität des Wettbewerbs aufrechtzuerhalten.“

„Die Verobjektivierung des weiblichen Körpers und die dazugehörige Industrie, die den Frauen vormacht, sie hätten Mängel, denen sie vorbeugen oder entgegenwirken müssen, bleibt“, glaubt sie. Mit der Wahl werde ein Marktsegment bespielt. So stand auch an diesem Abend ein Stand des Unternehmens Elasten in der Empfangshalle des Europaparks und wirbt für Trinkampullen gegen Falten.

Zum Gewinn von Leonie von Hase gehört gleich ein Jahresvorrat an Schönheitsprodukten. „Klassische Schönheitswettbewerbe an sich sind keine zukunftsorientierte Institution mehr, man muss mit der Zeit gehen. Der Kern ist der Wettbewerb, nicht die Schönheit“, sagt Klemmer trotzdem. Körpermaße wurden bei der Bewerbung nicht mehr abgefragt. Schlank sind die Gewinnerin und ihre Konkurtentinnen denn trotzdem alle.

Statt von ihren Maßen mussten die Frauen in ihrer Bewerbung dennoch von ihren Visionen erzählen, ihrer Rolle in der Welt. „Das Aussehen spielt immer eine Rolle“ fachsimpelt Jury-Frau Ludowig davon unbekümmert, aber eben „auch das Auftreten, das Reden, der Gesamteindruck“. Auf der Bühne lobt Moderator Thore Schölermann die „wunderschönen Frauen“ – doch immer brav im Zusammenhang mit ihrem Wesen.

Mit TV-Formaten wie „Germany’s Next Topmodel“, wo die Kandidatinnen nicht nur um den Gewinn, sondern auch mehr Fans auf den Sozialen Medien buhlen, will Klemmer seinen Wettbewerb nicht vergleichen. „Wir wollen nicht der klassische Reichweitengeber sein.“ Die Bekanntgabe der Gewinnerin erinnert dann aber doch ein wenig an die Klum-Schau: Das Cover der Zeitschrift „Joy“ wird ohne Gewinnerinnenfoto an die Wand geworfen. Als Leonie von Hases Name genannt wird, erscheint ihr Bild darauf.

Und doch steht laut Max Klemmer das im Vordergrund, was heute als „Empowerment“ firmiert, und eigentlich die Entwicklung von Strategien zur Selbstbestimmung und das Vertreten eigener Interessen meint. Immer wieder fällt das Wort an diesem Abend. Auch unter den Workshops, an denen alle Kandidatinnen teilnahmen, war ein „Empowerment Coaching“ – neben Catwalk-Training und einem Kurs mit dem Kosmetikunternehmen Babor.

Dass die Wahl sonst nicht funktioniert, scheint Leonie von Hase zu wissen. Neben Kosmetik und dem Coverfoto hat sie für ihre Amtszeit zwei Autos gewonnen – und den Managementvertrag mit der MGC. „Der Verdienst hängt von den Aufträgen ab, die die Miss bekommt“, erklärt Klemmer. Ein Festgehalt gebe es nicht. Auch von Hases Termine werden erst noch geplant. Dass sich die Mutter eines dreijährigen Sohnes nicht stressen lassen will, stellt sie direkt klar: „Priorität bleibt meine Familie.“

„Die Schönste im Land“ wolle sie auch nicht sein, sondern die Aufmerksamkeit nutzen, um zu zeigen, dass auch Frauen über 30 sich neu erfinden können – und Aufmerksamkeit auf ihren Onlineshop lenken. Diese pragmatische Sichtweise deckt sich zum Teil mit der Einschätzung von Genderforscherin Dietze, die sagt: „Ich glaube, dass viele das sachlich sehen: Sie werden als Miss ein Jahr gut bezahlt und schaffen damit eventuell den Start für eine Modelkarriere oder als B-Promi.“

Letzteres bestreiten allerdings viele der Kandidatinnen: Sie wollen nicht ins Dschungelcamp, sagen sie einhellig, sondern sich für Nachhaltigkeit einsetzen. Oder für Krebskranke.

Von Hannah Scheiwe

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