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Jesus ist nicht gekommen

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Von: Johannes Dieterich

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Stattdessen kam die Polizei, um in Nigeria 77 Gläubige zu befreien

Es gibt Zeiten, in denen die Wiederkehr des Messias einfach nicht mehr länger aufzuschieben ist. Schließlich steht geschrieben: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei...Es wird sich ein Volk gegen das andere erheben...Und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort“ (Matthäus 24).

Deshalb wird es dem nigerianischen Pastor David Anifowoshe wohl keiner verübeln, wenn er die Wiederkehr des Erlösers unmittelbar bevorstehen sieht und davon auch seine Schäfchen zu überzeugen versucht. Auf des Pastors Geheiß fanden sie sich in der „Whole Bible Believers Church“ in Ondo ein, der Hauptstadt des gleichnamigen nigerianischen Bundesstaats. Den historischen Moment wollte keiner verpassen, von dem es heißt: „Der Herr wird wiederkehren wie ein Blitz.“ (Matthäus 24)

Manche sollen bereits seit Januar auf den Blitz warten, andere kamen im März zu Pastor David. Der hatte den Freudentag zunächst für April anberaumt: Das habe ihm Gott so gesagt, würde er der Polizei später erklären. Da die Gläubigen angesichts der Plötzlichkeit der Wiederkehr nicht zwischendrin mal eben nach Hause gehen konnten, verbrachten sie die kurzen Ruhezeiten zwischen den Gottesdiensten im Keller der Kirche. Ob das freiwillig geschah, oder ob sie dort eingesperrt wurden, darüber gehen die Aussagen auseinander.

Als sich das ersehnte Ereignis weiter hinauszog, verlegte Pastor David den Termin kurzentschlossen auf September: Doch die Angehörigen der Wartenden wurden nervös. Ihre Kinder seien schon seit Tagen nicht mehr nach Hause gekommen, klagte eine Mutter – und fand schließlich heraus, dass sie sich im Kirchenkeller befinden mussten. Als die Polizei dort auftauchte, fand sie 26 Kinder, acht Teenager und 43 Erwachsene vor.

Doch die dort harrenden Schäfchen fühlten sich von der Polizei keineswegs befreit: Sie wollten sich das in Nigeria als „rapture“ (Freudentaumel) bezeichnete Ereignis nicht von Ordnungshütern vermasseln lassen. Dennoch hatten sie irgendwann aus dem Keller zu steigen, Pastor David und sein Stellvertreter wurden sogar festgenommen. Ihnen wird Entführung in 77 Fällen vorgeworfen.

Zu der endzeitlichen Stimmung der Gläubigen habe auch ein unter Kirchgängern in demselben Bundesstaat angerichtetes Massaker beigetragen, sagen Kenner Nigerias: In der kaum hundert Kilometer entfernten „St. Franziskus“-Kirche in Owo wurden Anfang Juni mehr als 50 Gläubige ermordet. Für das sonntägliche Blutbad macht die Regierung islamistische Extremisten verantwortlich.

Nigerias Christen haben also noch einen Grund mehr, dem Erlöser entgegen zu fiebern. Allerdings hätten ihre beiden Pastoren gewappnet sein sollen, hätten sie ihre Bibel besser gelesen. Denn dort steht auch geschrieben: „Den Tag und die Stunde (der Wiederkehr Christi) kennt kein Mensch. Nicht einmal die Engel im Himmel oder der Sohn. Allein der Vater.“ (Markus 13,32)

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