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Wohin mit dem Frust?

Rebellion im Alltag: Wenn der Postbote plötzlich Liebesbriefe einheimst

  • VonJess Jochimsen
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Der Paketbote liefert an den Straßengraben und der Feuerwehrmann fackelt die Scheunen ab. Autor Jess Jochimsen versetzt sich in die Gedanken gefrusteter Männer.

Was willst du einmal werden, wenn du groß bist?“ Irgendwann fiel der Satz immer. Auf jeder Familienfeier, bei jedem Kaffeekränzchen, auf jedem Grillabend. Meist war es einer meiner Onkel, der diese Frage stellte, oder ein Nachbar, manchmal auch mein Vater. „Jetzt lasst den Jungen doch“, sagte meine Mutter, „das kommt alles noch früh genug.“ Es kam nicht, es war bereits da. Seit ich denken kann: „Was willst du einmal werden?“

Meine Kindheit lässt sich strukturieren anhand der Antworten, die ich gab. „Feuerwehrmann“ war lange eine gute Antwort. Später „Anwalt oder Arzt.“ Weder das eine noch das andere entsprach meinen Berufswünschen, aber die Begeisterung der Erwachsenen war einfach größer als bei „Müllmann“, „Rockstar“ oder „Postbote“, wovon ich tatsächlich jahrelang träumte.

„Dass ihr immer über die Arbeit reden müsst“, sagte meine Mutter. Ja, das müssen wir wohl. In einer Gesellschaft, die sich über „Arbeit“ definiert, kann das nicht ausbleiben. Heute lautet die Frage: „Und, was machst du so?“

Nie habe ich geantwortet: „Ich bin Vater.“ Oder: „Ich lese gern und viel.“ Schade eigentlich. Das gehört zu den Dingen, die ich unbedingt nachholen will, wenn ungezwungener Party-Smalltalk wieder möglich sein wird. Und vielleicht höre ich dann auch endlich damit auf, mich mit der Frage zu martern, ob mein beruflicher Weg der richtige war. Oder ob ich mehr auf meine Träume hätte hören sollen.

Wenn man seine Arbeit nicht mehr ausüben kann, wenn sie überflüssig wird oder sinnlos erscheint, dann bricht mehr als nur ein Kartenhaus zusammen. Was mich angeht, so brauchte es keine Pandemie dafür. Schon viel früher, um ehrlich zu sein, bereits seit dem Beginn meiner Berufstätigkeit, leide ich an ihr. Ich fühle mich ungeeignet, ungenügend und überfordert. Ich zweifle meine Kompetenz an. Ich stelle mich als „homo faber“ komplett infrage, und der „mind monkey“ in meinem Kopf gibt niemals Ruhe: „Das braucht kein Mensch, was du hier machst... Und du kannst das auch überhaupt nicht... Irgendwann, mein Freund, irgendwann fliegt der ganze Schwindel auf.“

Vielleicht bin ich deswegen so fasziniert von Geschichten, die vom Überschreiten der beruflichen Grenzen erzählen. Man übersieht diese Geschichten leicht, weil sie weder an prominenter Stelle stehen, noch von prominenten Ereignissen berichten. Zudem sind diese Geschehnisse nicht einmalig, sondern wiederholen sich praktisch jedes Jahr, weswegen man sie fast beiläufig und immer anonym in den „Vermischtes“-Meldungen der Zeitung abhandelt. Für mich aber sind es echte Stories, die alles haben, was eine gute Geschichte braucht, und die mehr zum weiterführenden Verständnis unserer Welt beitragen als uns lieb ist.

Drei von ihnen passieren tatsächlich jedes Jahr, meistens im Sommerloch. Zum Ersten handelt es sich um die „Story vom falschen Arzt“ – und an dieser Stelle sei erwähnt, dass die Verwendung des Maskulinums hier Absicht ist (genau wie in den folgenden beiden Stories). Ich halte eine gendergerechte Sprache für unbedingt geboten, aber es gibt schlicht und einfach keine weiblichen Hauptfiguren in diesen Geschichten, die Protagonisten sind immer und ausschließlich Männer. Doch dazu später mehr.

Zunächst also der „falsche Arzt“. So sicher wie das Amen in der Kirche taucht einmal pro Jahr ein Arzt auf, der ohne Approbation praktiziert. Je länger er rumdoktert, bis sich herausstellt, dass er das ohne Examen tut, dass er im besten Fall nie eine Universität von innen gesehen hat, desto spannender ist die Geschichte. Manchmal kommt der Betrug ans Tageslicht, weil der Arzt bei Sodbrennen ein Bein amputiert hat, meistens jedoch durch einen blöden Zufall – ein flüchtiger Fehler beim Ausstellen eines Rezeptes, eine Jugendfreundin, die ihn zufällig auf einem Foto erkennt. Die „Geschichte vom falschen Arzt“ ist ein Klassiker, Aufstieg und Fall eines Hochstaplers. Die Empörung in den Gazetten und Vorabendmagazinen ist jedes Mal groß, die Reaktion der Patient:innen gespalten; während sich die einen entrüsten, können es die anderen kaum glauben: „Was soll das heißen, er ist gar kein richtiger Doktor? Das kann nicht sein, der war doch immer so nett. Er war mit Abstand der beste Arzt, den wir je hatten...“ Alljährlich eine feine Geschichte.

Desweiteren begegnen wir (auch ihm mindestens einmal pro Jahr) dem „frustrierten Feuerwehrmann“. Das ist der, der irgendwann die Scheunen der Umgebung anzündet. Damit ihm nicht mehr so wahnsinnig fad ist. Damit mal was passiert auf dem Land. Damit er der Schnellste am Einsatzort sein kann. Damit er endlich die Anerkennung erhält, die ihm vermeintlich zusteht.

Die „Story vom frustrierten Feuerwehrmann“ hat nicht zwangsläufig die Fallhöhe von jener des „falschen Arztes“, hinsichtlich ihrer beruflichen Tragik aber sind die Geschichten einander ebenbürtig. An die dritte allerdings reichen beide nicht heran, obwohl man diese mit Sicherheit am wenigsten auf dem Schirm hat und auch am schnellsten wieder vergisst. Die Rede ist vom „traurigen Briefträger“.

Der „traurige Briefträger“ hört eines Tages auf, die Post auszutragen, und hortet sie stattdessen bei sich zu Hause. Stapelt sie auf dem Wohnzimmerboden, im Gang, in der Küche. Abertausende Karten und Briefe schichten sich die Wände hoch. Diese Geschichten faszinieren mich jedes Mal aufs Neue, nicht zuletzt, weil es oft erstaunlich lange dauert, bis diese Verzweiflungstaten entdeckt werden, manchmal geht das über Wochen und Monate. Es gab Fälle, da kam alles erst heraus, als der Boden der Wohnung durchbrach. Man unterschätze niemals das Gewicht von Papier.

Der „traurige Briefträger“ oder „depressive Postbote“ rührt mich unglaublich an. Ich bilde mir ein, ihn zu verstehen, dieses „Ich kann nicht mehr“, dieses „Ich will nicht mehr“ – und dann begegnet man der Überforderung mit einer weiteren, noch viel größeren.

Der Autor

Jess Jochimsen , (51) lebt und arbeitet als Autor und Kabarettist in Freiburg. Der gebürtige Münchner schreibt regelmäßig für die Frankfurter Rundschau, das „SZ-Magazin“ und die „taz“.

Sein Roman „Abschlussball“ erschien 2017 bei dtv.
Mehr zu seinen Werken und Auftritten auf www.jessjochimsen.de

An dieser Stelle erscheint mir der Hinweis geboten, den „traurigen Pöstler“ auf keinen Fall mit dem „rasenden Paketboten“ zu verwechseln. Während ersterer stets die Züge von Melancholie und Depression trägt, steht dieser vor dem Burnout und ist eher manisch. Genau genommen ist er vor lauter Stress kurz vorm Platzen. Er hat die Rumfahrerei einfach nur noch satt, das Im-Stau-Stehen, den ständigen Zeitdruck und die ewige Schlepperei, und andauernd weigern sich die Nachbarn, Pakete anzunehmen, und alle hassen ihn wegen der gelben Abholzettel... Und irgendwann hat er die Schnauze so gestrichen voll, dass er aus lauter Wut seine gesamte Lkw-Ladung – die ganzen Zalando-Amazon-Drecks-Päckchen – in einen Straßengraben kippt und sich danach so lange betrinkt, bis man ihn abholen kommt.

Seine Tat hat etwas ungeheuer Befreiendes. Zumindest für ihn. Ein einmaliger großer Knall. Einmal ist der Laster fristgerecht leer, und der „rasende Paketbote“ verbringt die nächste Woche gemütlich in der Geschlossenen. Fertig.

Beim „traurigen Briefträger“ verhält es sich anders. Sein Frust richtet sich nicht nach außen, sondern nach innen. Ihm geht es nicht vorrangig um Befreiung, er tritt völlig hinter seiner Tat zurück. Ich stelle mir vor, er entscheidet eines Tages einfach, dass es jetzt reicht. „Es gibt genug Sätze und Worte in der Welt.“ Sagt er. „Und die brauchen mal Ruhe. Bei mir finden sie die.“ Und dann baut er Briefburgen bei sich daheim. Bedächtig und ausdauernd.

Also: Vielleicht ist das so. Ich bin gezwungen, mir das auszudenken, weil man über die Motivation der „traurigen Postboten“ praktisch nichts erfährt. Bei den „falschen Ärzten“ und „frustrierten Feuerwehrleuten“ sieht das ganz anders aus. Einmal gefasst, geben sie bereitwillig Auskunft über ihr Tun. Bisweilen drängt sich sogar der Eindruck auf, als wollten sie irgendwann unbedingt erwischt werden, um endlich Zeugnis ablegen zu können – getrieben vom unstillbaren Wunsch nach Anerkennung.

Die „depressiven Briefträger“ dagegen sprechen nicht über ihre Beweggründe. Sie schweigen. Was sie damit sagen, ist: „Denkt selber nach.“

Vielleicht sind die fehlenden Geständnisse der Grund, warum sie (meiner allerdings lückenhaften Recherche nach) auffallend härter bestraft werden als die Ärzte und die Feuerwehrleute. Und auffallend bleibt natürlich auch: Es sind immer und ausschließlich Männer. Nie Frauen. Ich habe keine Erklärung dafür. Also – ich habe schon eine, aber die erschreckt mich.

Weil das Feld der Geschlechterklischees letztlich unergiebig ist, würde ich es gerne bei Folgendem belassen: Eine „depressive Postbotin“ würde vermutlich einfach eine Therapie machen oder kündigen und sollte es (was ich mir schwerlich vorstellen kann) „falsche Ärztinnen“ und „frustrierte Feuerwehrfrauen“ geben, wir würden nie von ihnen erfahren, weil sie sich nicht erwischen ließen.

Einen „traurigen Briefträger“ aber gibt es, dessen Geschichte sich nahezu vollständig erzählen lässt. Weil er vor Gericht zwar kein Geständnis ablegte, aber zumindest seine Vorgehensweise erläuterte. Es ist schon ein paar Jahre her und ich weiß nicht, was der Wahrheit entspricht und was meiner Erfindung geschuldet ist, aber die Geschichte ist es wert. Und nur darauf kommt es an.

Tatsache ist, dass die Anzahl der nicht ausgetragenen Schriftstücke in die Hunderttausende ging und dass ein halbes Jahr niemand auch nur Verdacht schöpfte. Weil der „traurige Pöstler“ eben nicht wahllos Briefe hortete, sondern gezielt. Den Anfang machte er mit Rechnungen. Ausschließlich. „Ich belasse die bei mir“, sagte er, „bei euch liegen sie ja doch nur tagelang ungeöffnet rum, stressen und plagen euch.“ Wer vermisst schon Rechnungen und Post vom Amt? „Ich mache diese Briefe bei mir – für Euch – nicht auf“, sagte der Mann. Wie wunderbar.

Im nächsten Schritt behielt er dann schlimme Postkarten ein. Endlich! Kein Angeberscheiß mehr mit Strand, Meer und schrecklich guter Laune drauf. Und irgendwann schließlich: Liebesbriefe. Ganz bewusst sortierte der „depressive Briefträger“ sie aus und legte sie bei sich auf den Stapel. „Ihr trennt Euch ohnehin irgendwann. Macht es besser gleich. Das hier ist keine Liebe mehr ist, das sieht man doch schon an den furchtbaren Kringeln über allen i im Absender.“

Ich erinnere mich daran, dass die Anklage auf „besonders schwere Verletzung des Briefgeheimnisses“ lautete, dabei war kein einziger Brief geöffnet worden. Nicht einer. Die gesamte Post wurde unversehrt und in bestem Zustand aus der zugemüllten Wohnung geholt und nachträglich zugestellt. Das Einzige, was also letztlich passierte, war: Sie brauchte länger, bis sie ankam. Das Verbrechen war eine Pause. Eine halbjährige Verzögerung im Ablauf.

Die Geschichte hat keine Pointe. Oder weitere Moral. Es ängstigt mich manchmal, dass es solche Geschichten sind, die mich wirklich peitschen. Meine Gedanken möchte ich manchmal nicht haben. Aber manchmal eben doch. So wie die Dialoge, die ich als Kind nie geführt habe:

„Was willst du einmal werden, wenn du groß bist?“ – „Ich weiß es nicht, Papa. Aber ich lese gern und viel.“ – „Na dann mach was draus, mein Sohn, viel Glück.“ – „Aber was, wenn ich die richtigen Geschichten nicht finde?“ – „Die Geschichten finden dich.“ – „Und dann?“ – „Dann erzählst du sie.“

Rubriklistenbild: © rtr

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