Attila Hildmann, Kochbuchautor und Anti-Corona-Aktivist, spricht bei einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen im Lustgarten, setzt sich eine ABC-Schutzmaske auf und zeigt den Mittelfinger.
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Corona bringt viele Spinner hervor, so auch Attila Hildmann.

Corona-Letters

Spinner, Söder, Schlachthöfe: Was die Corona-Krise lehrt

  • vonJess Jochimsen
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Ungeschriebene Briefe der letzten Zeit von Kabarettist Jess Jochimsen: über Markus Söder, Schlachthöfe, Verschwörungsmist und lachende Autos.

  • Corona-Letters: Kabarettist Jess Jochimsen macht sich Gedanken
  • Was ist vom kometenhaften Aufstieg des Markus Söder zu halten?
  • Und was hat es mit den ganzen Rechtsdrehern auf sich?

* * * Corona-Letter 1: Von Erntehelfern und Flüchtlingskindern * * *

Vorläufige Erkenntnis: Meine Eltern sollen es einmal besser haben als ich.

Die Grenzen geschlossen, die Kontakte eingeschränkt, und uns fällt wirklich nichts Besseres ein, als 80.000 Erntehelfer aus Osteuropa einfliegen zu lassen? Während wir gleichzeitig um die Aufnahme von 50 Flüchtlingskindern schachern?

Kann Spuren von Moral enthalten, aber: Wir reden jetzt nicht über die Systemrelevanz von Luxusgemüse, oder?

* * * Corona-Letter 2: Absagen verdauen, Anträge stellen * * *

Frag’ besser nicht, Du Liebe.

Die erste Zeit war ich ausschließlich mit mir selbst beschäftigt; Absagen verdauen und viel rechnen und Anträge stellen und die laufenden Kosten immer weiter runter und noch mal rechnen und irgendwann die vorsichtige Entwarnung: Eine Weile halte ich durch. Nicht lang. Aber länger als gedacht.

Nur, was hilft es, die eine Angst zumindest vorläufig zum Schweigen zu bringen, wenn die andere dafür umso lauter wird? „Diesmal wackelt deine kleine Bühne wirklich“, sagt die Angst, „diesmal kommst du nicht so leicht durch, mit deiner Behauptung von Kunst, von Leben.“

Hat die Angst nicht genau das immer schon gesagt? „Irgendwann fliegt der ganze Schwindel auf, mein Freund, und was machst du dann?“

* * * Corona-Letter 3: Das ���s“ in „Johns Hopkins Universität“ * * *

37 Nobelpreise gingen bislang an die „Johns Hopkins Universität“. Und ich stolpere allabendlich über das „s“ in „Johns“. Muss es nicht „John“ heißen?

Was für eine vermessene Frage. Als wüssten die das nicht. (Das Lehrerkind in dir muss Heimat finden.)

* * * Corona-Letter 4: Kein Besuch bei Muttern * * *

Dass ich diesen Satz je sagen würde: „Nein, Mutter, ich besuche dich nicht, ich könnte dich umbringen!“

Gedacht habe ich das oft, aber gesagt?

* * * Corona-Letter 5: Der unaufhaltsame Aufstieg des Markus Söder * * *

Ich soll eine Antwort geben: Was ich über den kometenhaften Aufstieg des Markus Söder denke?

Dass er noch Anfang letzten Jahres versucht hat, die AfD rechts zu überholen, um Wählerstimmen zu gewinnen. Das denke ich.

Bis ihm aufgegangen ist, dass das ein Schmarrn war, weil nicht die AfD, sondern die Grünen das Thema gewesen sind, und er deswegen schleunigst seine rassistischen Sprüche vom „Asyltourismus“ gelassen hat, um stattdessen lieber medienwirksam Bienen zu retten und Bäume zu umarmen. Das denke ich auch.

Und dann schaue ich genauer auf die „Wählerwanderungen“ der CSU und stelle fest: Sowohl bei der letzten Landtags- als auch bei der letzten Bundestagswahl hat die CSU die meisten Stimmen gar nicht an die AfD abgegeben. Und auch nicht an die Grünen. Tatsächlich hat die CSU die meisten Wähler an Tod und Altersschwäche verloren.

Und vor diesem Hintergrund erscheint die rigide Corona-Politik von Markus Söder

Meine Gedanken möchte ich manchmal nicht haben.

* * * Corona-Letter 6: Von Schlachthöfen und Schulen * * *

Menschenskinder, wir wussten das doch alles vorher schon! Das mit den Schlachthöfen und den Heimen und der fehlenden Gleichberechtigung und der ungerechten Lohnpolitik und der Digitalisierung und den Schulen

(Und wenn mir jetzt noch einmal ein Lehrer von dem großen Leid klagt, das ihm die böse Pandemie zugefügt hat, dann erinnere ich ihn so lange und laut an volle Bezüge und Beamtenstatus, bis er gerne in die Computerschulung geht.

Ja, auch in den Sommerferien, Gott im Himmel!)

* * * Corona-Letter 7: ein Küppersbusch-Zitat * * *

„Die Kirchen sollten leer sein, weil keiner hingeht, und nicht, weil keiner reindarf.“ (Friedrich Küppersbusch)

* * * Corona-Letter 8: Über das Doofe der Verschwörungsfanatiker * * *

Lieber, schickt dir B. auch ständig so Verschwörungsmist? Wie gehst du damit um, wenn Freunde und Bekannte auf einmal von „Diktatur“ reden? Wenn sie den Grippevergleich auspacken und Ken Jebsen nicht verkehrt finden? Dieses Kaltherzige daran, dieses himmelschreiend Doofe …

Sag’ nichts. Ich sehe dich förmlich vor mir, wie du lächelnd die Schultern zuckst: „Freunde kann man sich aussuchen.“ Und: „Sei ehrlich, bei B. wussten wir in der 10. Klasse doch schon, dass er seine Welt lieber einfach und flach hätte – und von Echsenmenschen besiedelt.“

Deine Gelassenheit fehlt mir so.

* * * Corona-Letter 9: Auftritt vor Autos * * *

Ende Mai bin ich das erste Mal wieder live aufgetreten. In der schwäbischen Provinz. Vor Autos!

Letztes Jahr noch „Fridays for Future“ und jetzt das! Hätte ich doch das Geld nicht so verdammt nötig … (Erinnerst du dich daran, wie schlimm wir Autokinos schon in den 80ern fanden?)

Das Schlimmste daran war, dass ich das konnte, dass ich gut und das Publikum begeistert war.

Die traurige Wahrheit aber ist: Ich stand auf einem Parkplatz und habe Autos Witze erzählt. (Und wenn einer ankam, wurde gehupt.)

Jess Jochimsen

Zur Person

Jess Jochimsen ist Kabarettist, Autor und Fotograf, ausgezeichnet mit dem Prix Pantheon, dem Passauer Scharfrichterbeil und dem Deutschen Kabarettpreis. Unter anderem mit seinem Programm „Heute wegen gestern geschlossen“ ist er auf Tour. In seiner Freizeit fotografiert er gern wundersame Dinge – wie auf dieser Seite zu sehen. Mehr davon gibt es in seinen Bildbänden „DanebenLeben“ und „Liebespaare bitte hier küssen“. Zuletzt erschien sein Roman „Abschlussball“ (dtv). www.jessjochimsen.de

* * * Corona-Letter 10: Immer wieder telefonieren * * *

Mir war nicht klar, wie sehr ich die Menschen vermisse.

Vielleicht telefoniere ich deswegen so viel? Zum Teil mit Leuten, von denen ich vergessen habe, dass sie mir wichtig sind. Zum Glück bevorzugen die meisten, so wie ich, Telefonate ohne Bild (so sieht niemand, wie ich fast jedes Mal heulen muss dabei).

Mit S. rede ich regelmäßig und ausführlich. Seit ihrer Diagnose. Kriege ich hin.

* * * Corona-Letter 11: Die Kraft zum Schreiben fehlt * * *

Was ich nachhaltig nicht hinkriege ist: schreiben.

Eine Romanidee, die tragen könnte, habe ich endlich. Aber die Kraft fehlt. Und der Mut auch. Der Branche geht es beschissen; ein frühzeitiges Abwinken vom Verlag (aus welchen Gründen auch immer) stehe ich im Moment nicht durch.

* * * Corona-Letter 12: Kein Besuch im Pflegeheim * * *

Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich könnte die Sorge um meinen Vater ins Feld führen, der – eingemummelt in seine Demenz – im Pflegeheim sitzt und nach wie vor nicht besucht werden darf.

Aber in Wirklichkeit hatte ich Angst vor dem Gejammere, in das ich andauernd verfalle. Angst vor der Anstrengung, permanent so zu tun, als sei schon alles okay bei mir.

Und dann natürlich der Neid. Auf die Kollegen mit den TV-Auftritten. Auf die, die durch die Krise getragen werden. Auf dich.

* * * Corona-Letter 13: Merkwürdige Rechtsdreher * * *

Kannst du mir all die Rechtsdreher erklären? Und ich meine damit nicht die Sänger und Köche unter ihnen, sondern unsere Leute, die, die dem Wort verpflichtet sind.

Ist das komisch, auf die Bildschirmbühne zu steigen, um „wohl noch mal fragen zu dürfen“, ob „die Kanzlerin vielleicht einem Virologen hörig“ sei? Oder „warum die Greta jetzt auf einmal nichts mehr sage“?

Um was geht es da? Lieber falsch verstanden zu werden als gar nicht gehört?

Dieses Geraune immerzu.

* * * Corona-Letter 14: Geburtstag fällt aus * * *

Ich verschiebe meinen Geburtstag aufs nächste Jahr.

* * * Corona-Letter 15: Anstand oder Abstand? * * *

Immer wieder verlese ich mich beim Wort „Abstand“, lese „Anstand“ stattdessen. „Anstandsregeln“ oder „Anstand halten!“.

Ich verzeihe mir diesen Fauxpas gern.

* * * Corona-Letter 16: Umarmungen und Händeschütteln * * *

Dir kann ich ja sagen, wie entsetzlich mir Umarmungen fehlen.

Auf das piefige Händeschütteln kann ich gut verzichten, aber nicht mehr in den Arm zu nehmen oder genommen zu werden – wie soll das gehen?

* * * Corona-Letter 17: Gardine zu * * *

Manchmal lasse ich den ganzen Tag die Gardinen zugezogen. Damit ich die Jogger nicht sehen muss.

Wer jeden Tag eine Stunde läuft, lebt zwei Jahre länger.

Verbringt aber vier Jahre mit Laufen.

* * * Corona-Letter 18: Bald mal wieder sehen * * *

Du – sollen wir mal länger sprechen die Tage? Einfach so. Wegen der Sehnsucht.

Und dann bitte bald sehen. In echt. Wenn es möglich ist. Es wird.

Ich umarme dich, mein Lieber, fest und von Herzen.

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