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Die Fratze der Wut: Ein Demonstrant in Santiago de Chile hat sich als „Joker“ verkleidet.

Joker

„Jenseits von Gut und Böse“

Fratze statt Schnurrbart: Warum sich Demonstranten als Comic-Bösewicht Joker maskieren.

Es gibt eine Schlüsselszene im neuen „Joker“-Film, als der erniedrigte und ausgegrenzte Komiker Arthur Fleck der herrschenden Klasse endgültig den Kampf ansagt. Als Clown geschminkt, die Haare grün gefärbt, tanzt Fleck (Joaquin Phoenix) in knallrotem Anzug zu treibendem Schlagzeug schwungvoll eine Treppe herunter. Flecks Verzweiflung über die Zustände in Gotham City sind umgeschlagen in Wut, Wahn und Gewaltfantasien, vom Gelähmten wird er zum Brandstifter. Bald darauf bricht in Gotham das Chaos aus.

Nun scheint der aus Comics bekannte Bösewicht es von der Kinoleinwand auf die Straßen im Nahen Osten und in Südamerika geschafft zu haben. Im Libanon, wo nach wochenlangen Massenprotesten die Regierung wankt, schminkten sich Demonstranten als Joker. Aktivisten im Irak zeigten den Joker als Fotomontage zwischen brennenden Barrikaden und Landesflaggen. Auch bei den jüngsten Protesten in Bolivien und Chile tauchten Demonstranten im Joker-Look auf.

Es sind Einzelfälle, von einem Trend oder gar einer Bewegung kann - noch zumindest – keine Rede sein. Viel weiter verbreitet sind bei Protesten weltweit und auch in Deutschland die grinsenden Schnurrbart-Masken des britischen Verschwörers Guy Fawkes. Trotzdem scheint der Joker als neue Protestfigur für einige nun ins Bild zu passen.

Wandbild in Beirut.

„Beirut verwandelt sich ins neue Gotham, voller Korruption und Menschen, die Geld stehlen“, sagt Künstler Omar, der mit seinem Zwillingsbruder Mohamed das libanesische Street-Art-Duo Ashekman bildet. Bis zum späten Freitagabend haben die beiden im Stadtzentrum von Beirut an ihrem neuen Wandbild gearbeitet. Es zeigt: Joker, mit grünem Haar und im roten Anzug, eine libanesische Flagge am Revers. In der Hand hält er einen brennenden Molotowcocktail. „Wir alle sind der Joker“, sagt Omar. „In gewisser Weise hat jeder etwas mit ihm gemein.“

Zumindest mag das für diejenigen gelten, denen angesichts der Missstände in ihren Ländern – zu wenig Jobs, zu große soziale Ungleichheit, zu dreiste Verschwendung von Staatsgeld durch die politische Elite – langsam, aber sicher der Kragen platzt. „Hongkong braucht einen Joker“ war im Oktober mit Verweis auf Proteste gegen die Hongkonger Regierung und den wachsenden Einfluss der Führung in Peking auf Twitter zu lesen.

„Der Joker steht für ultimative Freiheit“, erklärt Rob Weiner von der Texas Tech University in den USA. Weiner hat mehr als ein Dutzend Bücher zu Comics und Superhelden geschrieben oder mit verfasst. „Der Joker wird von keinerlei Sinn für Moral, Ehre oder gesellschaftlichen Sitten eingeschränkt“, sagt Weiner über den nach seiner Einschätzung beliebtesten Comic-Bösewicht. „Er ist der Nietzsche-Übermensch, weil er über der Moral steht und jenseits von Gut und Böse.“ Wie im Kartenspiel sei der Joker beliebig einsetzbar - man könne nie wissen, was er als nächstes tut.

Geschminkte Demonstranten in Beirut, Oktober 2019.

Damit ist die Schwelle zur kriminellen Gewalt wie beim katholischen Extremisten Guy Fawkes, der 1605 den britischen König James I. in die Luft sprengen wollte, rasch überschritten. Immer wieder haben sich Kriminelle als Joker verkleidet oder sich durch die Figur inspirieren lassen – vom Jugendlichen, der 2018 eine Mitschülerin in Berlin erstach, bis zum Amokläufer, der 2014 mit seiner Partnerin in Las Vegas zwei Polizisten und einen weiteren Menschen erschoss.

Zu Chaos und Anarchie wollten sie im Libanon keineswegs anstiften, sagt Künstler Omar. „Wir fordern die Leute nicht auf, Gebäude zu zerstören und Molotowcocktails zu werfen.“ In Chile soll die Maskerade – ob nun Joker, Guy Fawkes oder Puh der Bär – mit einer Reihe von Gesetzesinitiativen unterbunden werden. Das Verbot soll verhindern, dass Demonstranten mit Vermummungen oder anderen Mitteln ihr Gesicht verbergen. Auch in Hongkong hat die Regierung ein Vermummungsverbot verhängt.

Die Filmgesellschaft Warner Bros. hatte vor der „Joker“-Premiere klargestellt: „Weder die fiktionale Figur des ‚Joker‘ noch der Film sind eine Billigung realer Gewalt jeglicher Art.“ Gut möglich, dass der Clown-Bösewicht verschwindet, wenn der Hype um den Film verflogen ist. Letztlich tauge er auch gar nicht als Symbol politischer Proteste, sagt Weiner, schließlich sei hier ein „gemeingefährlicher Psychopath“ am Werk. „Der Joker ist nur eine Comicbuch-Figur. Für deine Taten bist du immer noch selbst verantwortlich.“ (J. Schmitt-Tegge, dpa) 

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