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Ein Mädchen in einem Flüchtlingslager nahe der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.
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Ein Mädchen in einem Flüchtlingslager nahe der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.

Bürgerkrieg

Hungersnot im Jemen: Land ohne Perspektive

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Keine Lebensmittel, keine Medizin, keine Friedensgespräche - im Jemen funktioniert nichts mehr. Eine Reportage.

Unter einem schiefen Dach neben der Hauptstraße von Khowkha läuft ein Kamel ununterbrochen im Kreis. Es betreibt eine Mühle, die Sesamkörner zu Öl zerquetscht. Über den Augen des Tieres hängen Blenden aus Bast, damit es nicht von der ihm aufgezwungenen Aufgabe abgelenkt wird. Es fällt schwer, sich diese erbärmliche Szene anzusehen – noch schwerer, sie nicht als Allegorie auf die jemenitische Heimat des Kamels zu verstehen.

Von Khowkha aus führt die Straße entlang der Küste des Roten Meeres. Eine verblüffend gute Straße – von den Pockennarben und den selteneren großen Löchern im Asphalt mal abgesehen, die von vergangenen Gefechten zeugen. Murat Ali muss seinen Wagen ohnehin alle paar Kilometer zum Stillstand bringen – an den unzähligen Straßensperren, die von immer neuen Typen bewaffneter Männer betrieben werden. Mal sind es die verwegenen, oft langhaarigen Kämpfer der Tihamah-Clans, mal die bärtigen Glaubenskrieger unter dem Banner Al-Amaliqas, mal uniformierte Soldaten der Nationalen Widerstandsarmee. Im Jemen kommt es regelmäßig vor, dass Verbündete plötzlich zu Feinden werden. Die jüngsten Ruinen in Aden, der Hauptstadt des einstigen Südjemens, zeugen davon.

Zerbombte Tankstelle – ein weiteres Zeugnis der jahrelangen Kämpfe.

Bei der zwölften Straßensperre ist auf dem Dach einer Moschee neben dem Minarett ein schweres Maschinengewehr aufgebaut. Wieder fällt es schwer, das Bild nicht als Allegorie auf den Jemen zu sehen. Als ob die günstige Positionierung einer Waffe mit der Lehre des Propheten in Verbindung stünde. Der Religionsgründer hatte die Jemenit:innen einst als „das freundlichste Volk dieser Welt“ bezeichnet. Daran hat sich bis heute, zumindest bei ersten Kontakten, nichts geändert.

Hinter der zwanzigsten Straßensperre biegt Murat nach rechts in die Wüste ab, wo das schwarze Asphaltband einer verwehten holprigen Piste weicht. Auf den nahegelegenen Dünen tauchen die ersten Gefechtsstände auf. Mit Sandsäcken oder sandgefüllten Plastikflaschen gesicherte Ausgucke, die für die kommenden 30 Kilometer den Frontverlauf säumen.

Die „Wiege Arabiens“ gilt als Paradebeispiel eines gescheiterten Staates

Die hiesige Seite der Wüste wird von der saudisch finanzierten Koalition aus Clan-Milizen, religiös motivierten Bürgerwehren und den Truppen der international anerkannten Regierung beherrscht. Jenseits der Dünen haben die Huthis das Sagen – eine schiitische, aus dem Norden des Landes stammende Volksgruppe, die vom Iran unterstützt wird.

Die Rivalität zwischen den saudischen und iranischen Erzfeinden ist nur eine der Ursachen der zahllosen seit 20 Jahren in unterschiedlichen Formierungen geführten Kriege. Andere sind die Interessensunterschiede der Nord- und Südjemeniten oder Spannungen zwischen den Clans, die – wenn ihre Beziehungen nicht gepflegt werden – schnell eskalieren. Nach dem Sturz des autokratischen Herrschers Ali Abdullah Saleh während des Arabischen Frühlings vor zehn Jahren beschleunigte sich die Auflösung der vom Kolonialismus, dem Kalten Krieg und dem US-Feldzug gegen den „Terror“ zerrütteten Nation noch. Heute gilt „die Wiege Arabiens“ als Paradebeispiel eines gescheiterten Staates. Ohne funktionierende Institutionen, ohne gemeinsame Ziele und mit einem Präsidenten, der im Nachbarland lebt.

Die Lage im Land

Die zwei größten Konfliktparteien im Bürgerkrieg in Jemen sind die Huthi-Rebellen mit Unterstützung des Iran und die international anerkannte Regierung unter dem Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi, die von lokalen Verbündeten sowie einer großen Allianz der Nachbarstaaten gestützt wird. Saudi-Arabien, wo Hadi im Exil lebt, leitet die arabische Allianz gegen die Huthi-Rebellen. Das Land steht durch sein seit 2015 andauerndes militärisches Engagement – auch wegen der Bombardierung ziviler Ziele – dafür aber auch international in der Kritik. Umstritten sind auch Waffenlieferungen westlicher Staaten an am Krieg beteiligte Staaten, wie sie in der Vergangenheit immer wieder vorkamen, etwa seitens der USA, Großbritanniens und Deutschlands.

Laut „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) sind mehr als 20 Millionen Menschen im Jemen auf humanitäre und medizinische Hilfe angewiesen. Das Gesundheitswesen verfügt über zu wenig Personal, Gesundheitseinrichtungen wurden durch die Kämpfe immer wieder zerstört, mehrfach auch die der MSF. Nach den jahrelangen Kämpfen fehlt es den Menschen an nahezu allem: Das internationale Ärzteteam versorgt unter anderem Kriegsopfer und an Mangelernährung leidende Kinder, hinzu kamen in den vergangenen Jahren mehrere Cholera-Ausbrüche. FR

An der Front vor Tuhayta geht es derzeit eher entspannt zu, die Kämpfer sind mit Wasserholen, Wäschewaschen oder der Pflege ihrer Pickups mit den aufmontierten schweren Maschinengewehren beschäftigt. Nur ab und zu kommt es zu Zwischenfällen, war tags zuvor im Zelt-Hospital der „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) in der Küstenstadt Mocha zu erfahren. Dort werden Kriegsverletzte, derzeit im Durchschnitt rund 50 pro Woche, wieder zusammengeflickt, egal ob es sich um Zivilist:innen oder Milizionäre handelt. Dieser Tage toben die Kämpfe vor allem um die gut 500 Kilometer weiter nordöstlich gelegene Erdölstadt Marib. Dort feuern Huthi-Kämpfer iranische Raketen in die von Geflüchteten übervölkerte Stadt – die saudische Luftwaffe reagiert mit Gegenschlägen. Täglich nimmt die Zahl der Opfer um mehrere Dutzend zu. Tariq Saleh, der Kommandeur der Nationalen Widerstandsarmee, will hier im Südwesten eigentlich einen Entlastungsangriff starten, um die Huthis zum Abzug von Truppen von der Marib-Front zu zwingen. Doch die Saudis haben ihm zumindest bislang kein grünes Licht erteilt. Und ohne die Zustimmung des benachbarten Königreichs geht hier gar nichts.

Im Zentrum von Tuhayta geht es geschäftig zu, die Außenbezirke sind verlassen.

Am Horizont tauchen endlich die Fernmeldemasten von Tuhayta auf. Eine rund 25 000 Einwohner:innen zählende Stadt, die gleich auf drei Seiten von der Front umgeben ist. Die Außenbezirke der Provinzstadt sind menschenleer. Bis dorthin reichen die Präzisionsgewehre der Huthi-Scharfschützen. Dafür geht es im Stadtzentrum umso geschäftiger zu, wohin auch die Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden Siedlungen geflohen sind. Das an einem Wadi, einem ausgetrockneten Flusslauf, gelegene Tuhayta ist von bewässerten Feldern und Palmenplantagen umgeben, die inzwischen allerdings unzugänglich sind. „Vermint“, sagt Malik Abdullah Derwisch, der Apotheker der Stadt. Der 55-Jährige musste kürzlich auch sein Geschäft schließen. Es gab keine Pillen mehr – zumindest keine, die sich die Bewohner:innen von Tuhayta noch leisten könnten.

Abdullah ist drei Jahre alt, wiegt keine sechs Kilogramm.

Alles, was in der Stadt gebraucht und verzehrt wird, muss über die holprige Piste herangeschafft werden. Die Preise sind deshalb in die Höhe geschossen. Ein Kilo Kartoffeln kostet heute das Fünffache vom Vorjahrespreis, Brot ist um das Dreifache teurer geworden. Leitungswasser gibt es nur noch an einem Tag in der Woche, weil für die sechs Dieselpumpen kein Sprit mehr zur Verfügung steht, und die einzige Solarpumpe nur jeweils einen Teil der Stadt versorgen kann. Der Englischlehrer der weiterführenden Schule klagt, dass das Obergeschoss seines Gymnasiums zerstört worden sei und die Lehrkräfte seit Monaten kein Gehalt mehr erhielten. Die Mädchen und Jungs kämen zwar noch täglich zur Schule, allerdings nur für eine halbe Stunde und vor allem, um gezählt zu werden. „Manche meinen, dass das eines unserer kleinsten Probleme sei“, sagt der Lehrer. „Doch es wird uns noch über Jahrzehnte verfolgen.“

Jemen

Gegenwärtig führt die belgische Sektion der „Ärzte ohne Grenzen“ eine Umfrage zur Ernährungslage der Menschen in Tuhayta durch: Bislang hatten die drei UN-Organisationen FAO, WFP und Unicef diese lediglich geschätzt. Demnach sollen hier 27 Prozent der unter fünfjährigen Kinder „akut unterernährt“ sein – mehr als in allen anderen Teilen des Landes. Als sich herumspricht, dass Vertreter:innen einer ausländischen Hilfsorganisation in der Stadt sind, kommen Mütter mit ihren spindeldürren Kindern in die Klinik geeilt – darunter der acht Monate alte Abdulrahman, dessen aufgerissene Augen schon von der Todesangst gezeichnet sind. Der Junge nehme schon seit Tagen keine Nahrung mehr zu sich, berichtet seine Mutter, die mit der Familie in unmittelbarer Nähe zur Front lebt. Werde er nicht unverzüglich in eine Klinik mit der richtigen Ausrüstung gebracht, werde er in Kürze sterben, sagt die portugiesische MSF-Ärztin Mariana Perez Duque. Doch das nächste entsprechende Hospital ist mehr als 70 Kilometer entfernt – für Abdulrahmans verarmte Mutter unerreichbar.

Kein Hilfstransport erreicht die Bedürftigen

Sie habe in den vergangenen Wochen schon 35 Kinder sterben gesehen, sagt Krankenschwester Fatima Fahmy. Darunter auch den Bruder Abdullahs, den dessen Onkel in die Klinik gebracht hat. Auf Nabif Mohammeds Arm wirkt er dreijährige Abdullah federleicht und hilflos wie ein Säugling. Er wiegt weniger als sechs Kilogramm und winselt schwach vor sich hin. Auch Abdullah nimmt seit Tagen nichts mehr zu sich. Ausgehungerte Kinder müssen in der Endphase mittels einer Magensonde oder einer Infusion ernährt werden, weiß Epidemiologin Duque: „Sie sind selbst zum Essen zu schwach.“

Die UN-Schätzung, wonach in der Region um Tuhayta fast ein Drittel aller Kinder akut unterernährt sind, ist bereits vier Monate alt – trotzdem hat noch kein einziger Hilfstransport die Stadt erreicht. UN-Mitarbeiter:innen dürften Tuhayta aus Sicherheitsgründen erst gar nicht ansteuern, erklärt Raphael Veicht, Chef der belgischen MSF-Mission: Neben dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes sind die „Ärzte ohne Grenzen“ die einzige ausländische Organisation, die sich in die Frontstadt wagt. In der 150 Kilometer entfernten Küstenstadt Mocha befinde sich ein Lagerhaus voller Hilfsgüter des im vergangenen Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Welternährungsprogramms der UN, sagt Veicht: Ein „Skandal“, dass diese nicht längst an die Bevölkerung verteilt worden seien. Seit Wochen warnen UN-Bosse wie António Guterres und sein Untergeneralsekretär Mark Lowcock vor der „schlimmsten Hungersnot der Welt seit Jahrzehnten“. Getan wird jedoch nichts dagegen, selbst während in Tuhayta die ersten Kinder verhungern.

Als sich herumspricht, dass eine Hilfsorganisation in der Stadt ist, kommen Mütter mit ihren spindeldürren Kindern.

Von den Minaretten der Moscheen rufen die Muezzine zum Mittagsgebet – höchste Zeit, die Stadt zu verlassen. Nach dem Gebet pflegen sich zumindest die männlichen Jemeniten zum Kauen von Khat zurückziehen. Ein mildes Rauschmittel, das den Hunger zügelt und den Tatendrang anregt – aus der Ferne sind schon die ersten Explosionen von Mörsergranaten zu hören. Auf dem Rückweg scheinen die Milizionäre an den Straßenblockaden alle geschwollene Wangen zu haben. Zur besseren Aufnahme des Wirkstoffs in den Blutkreislauf wird der halbzerkaute Pflanzenbrei noch stundenlang in der Backe gelagert. Je nach Anbaugebiet wird dem Khat eher entspannende oder aufputschende Wirkung nachgesagt. Deshalb muss sich Murat jetzt Sorgen machen, wie das Kraut bei den Betreibern der nächsten Straßensperre angeschlagen hat. Expert:innen mögen sich darüber streiten, ob Jemens Schicksal ohne das unberechenbare Stimulierungsmittel weniger verwirrend verlaufen wäre. Noch unerträglicher wäre es auf jeden Fall. Zurück in Khowkha liegt das ausgespannte Kamel erschöpft am Boden – während für die Jemenit:innen mit der Dunkelheit die gefährlichste Zeit erst noch beginnt. (Johannes Dieterich)

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