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Der Autor Ken Follett.

Ken Follett

"Jeder von uns möchte sich in einer anderen Welt verlieren"

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Bestseller-Autor Ken Follett über den Spaß am Zeitreisen, seine Arbeit als Lokalreporter und das Erfolgsrezept seiner Romane.

Ken Follett hat die Beine lässig übereinander geschlagen. Das weiße Hemd steht am Hals offen, die Füße stecken in nadelspitzen Schuhen. Vor ihm liegt sein neuer Roman „Das Fundament der Ewigkeit“, der im 16. Jahrhundert spielt. Wir sitzen im Balmoral Hotel im schottischen Edinburgh, dem ersten Haus am Platz. Vor den Fenstern rauscht der Verkehr.

Willkommen zurück im 21. Jahrhundert. Wie fühlen Sie sich in der Moderne?
Danke der Nachfrage, ganz ausgezeichnet. Ich ziehe das 21. eindeutig jedem anderen Jahrhundert vor.

Warum?
Unser Leben ist vergleichsweise bequem. Die Häuser sind geheizt, überall ist es schön warm. Denken Sie nur an diese zugigen Burgen, wo es im Winter durch jede Ritze pfiff und es nur einen Kamin gab.

Was würden Sie – außer einer Zentralheizung – am meisten vermissen, wenn es Sie in die Vergangenheit verschlüge?
Definitiv Bequemlichkeit. Bequeme Sessel, bequeme Betten. Bequeme Fortbewegungsmittel. Ich habe schon einmal auf einem Pferd gesessen, und ich weiß, was das bedeutet. Dann all die anderen Errungenschaften unserer Zivilisation: Kleidung, die nicht kratzt, Fernsehen, Kino, Rock’n’ Roll.

Sie tanzen Rock’n’ Roll?
Nein, ich spiele seit 25 Jahren Bassgitarre in einer Blues-Band. Wir treffen uns jeden Montag in einem Studio. Manchmal treten wir auch öffentlich auf Partys oder bei Wohltätigkeitsveranstaltungen auf. Aber meist spielen wir nur zu unserem eigenen Vergnügen. Ja, auch das würde ich vermissen

Ihr aktueller Roman spielt im England und Frankreich des ausgehenden 16. Jahrhunderts, der Zeit der blutigen Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten. Zwischen den Fronten: Ned Willard, ein Spion der englischen Königin. Was hat Sie an dieser Epoche gereizt?
Ich hatte irgendwo gelesen, dass in der Zeit von Elisabeth I. der erste englische Geheimdienst gegründet wurde. Ich fand das sehr spannend und wollte mehr darüber wissen. Der Secret Service hatte mich schon immer interessiert. Als Jugendlicher habe ich sämtliche James-Bond-Romane verschlungen. Spione sind diejenigen, die wissen, was hinter den Kulissen vorgeht, und das finde ich faszinierend. Also fing ich an, mich mit der Geschichte des 16. Jahrhunderts zu beschäftigen und stellte schnell fest, dass sich daraus einen gute Story machen lässt.

Ein zentrales Thema ist der Kampf um die religiöse Freiheit in Europa: Katholiken gegen Protestanten und umgekehrt. 500 Jahre später wollen islamistische Fanatiker die christliche Welt islamisieren.
Auch deswegen wollte ich diesen Roman schreiben. Um die Parallelen zwischen den religiösen Konflikten des 16. und des 21. Jahrhunderts zu zeigen. Auch damals wurde mit allen Mitteln für den „richtigen“, den allein seligmachenden Glauben gekämpft. Religiöse Fanatiker verübten im Namen des Herrn Terroranschläge. Genau wie heute wieder. Und dennoch gab es einige wenige Menschen wie Elisabeth I., Katharina von Medici oder Königin Margarete von Navarra, die sich für religiöse Toleranz einsetzten. Wenn auch mit sehr geringem Erfolg.

Welche Erfolgschancen sehen Sie für eine Lösung der aktuellen religiösen Konflikte?
Ich fürchte, dass es dafür keine einfache Lösung gibt. Wir brauchen viel Geduld und mutige Politiker, die akzeptieren, dass dieser Prozess sehr lange dauern wird. Aber ich bin da guter Hoffnung. Auch Katholiken und Protestanten sind irgendwann zu einem Konsens gekommen und schlagen sich nicht mehr die Köpfe ein.

Wie halten Sie selber es mit der Religion?
Ich bin in einem streng religiösen Elternhaus aufgewachsen. Meine Eltern waren protestantische Fundamentalisten. Wir hatten keinen Fernseher, kein Radio, nichts. Als Teenager habe ich mich von all dem losgesagt. Heute bin ich Atheist. Ich glaube an keinen Gott, aber ich gehe nach wie vor gern in Kirchen. Ich mag die Architektur, die Atmosphäre und die Stille in den Gotteshäusern, auch wenn ich das, was dort gepredigt wird, für absolut falsch halte.

Das zu akzeptieren war vermutlich nicht leicht für Ihre Eltern.
Ganz bestimmt nicht, aber sie waren es gewissermaßen gewöhnt. Mein Bruder, meine Schwester und viele meiner Vettern und Cousinen haben sich ebenfalls von der Kirche losgesagt. Mein Vater und sein Bruder haben Cousinen geheiratet. Wir waren ein riesiger Familienclan, der ständig zusammenhockte und gemeinsam in die Kirche ging. Heute sind wir über die ganze Welt verteilt, und unsere Eltern mussten akzeptieren, dass wir Jüngern nicht mehr in dieser religiösen Enge leben wollten.

Auch in Ihren früheren Büchern ist Freiheit ein großes Thema. Die Freiheit, das zu denken und zu glauben, was man selber für richtig hält. Wie wichtig ist Freiheit für Sie persönlich?
Enorm wichtig. Ich hatte schon als Kind Probleme, Autoritäten anzuerkennen, was mir in der Schule ziemlich viel Ärger eingebracht hat. Persönliche Freiheit ist mir also sehr wichtig, aber auch politische Freiheit, Meinungsfreiheit.

Sie haben mehr als drei Jahre an Ihrem aktuellen Roman gearbeitet. Wie viel Zeit ist für die Recherche draufgegangen?
Schwer zu sagen. Die meisten Informationen habe ich aus Büchern. Als ich fertig war mit dem Roman, habe ich zum Spaß einmal nachgezählt, wie viele ich für meine Recherchen benötigt habe, und kam auf rund 220 Bücher. Genauso wichtig ist für mich, die Schauplätze meiner Romane zu besuchen. Es hilft mir bei der Entwicklung meiner Charaktere, wenn ich die Stadt kenne, in der die Handlung spielen soll. Ich fotografiere viel, mache mir Notizen. Und ich teste einiges vor Ort. Wie lange braucht man, um eine bestimmte Treppe hinabzusteigen. Wie weit ist es von Punkt A zu Punkt B?

Wie unterscheiden sich die Recherchen für einen historischen von denen für einen Gegenwartsroman?
In einem ganz entscheidenden Punkt: Sie können niemanden mehr fragen. Bei den Recherchen für meine Jahrhundert-Trilogie habe ich mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen, die mir von ihren Erlebnissen im Krieg erzählt haben. Einige meiner fiktiven Charaktere basieren auf realen Personen. Das fällt bei einem Roman, der im 16. Jahrhundert spielt, natürlich weg.

Wie können Sie sicher sein, dass Ihre Darstellung stimmt?
Wenn ich den ersten Romanentwurf fertig habe, lasse ich ihn von einem Historiker oder gegebenenfalls von einem Kriminalbeamten gegenchecken. Selbstverständlich bezahle ich die Leute für ihre Arbeit, denn sie müssen den Text extrem gründlich lesen, damit ihnen möglichst kein Fehler entgeht.

Sie haben einige Jahre als Reporter gearbeitet: Hilft Ihnen diese Erfahrung beim Schreiben Ihrer Romane?
In gewisser Hinsicht ja. Ich war fünf Jahre lang gezwungen, jeden Tag etwas zu Papier zu bringen. Das trainiert enorm, und davon profitiere ich bis heute. Andererseits unterscheidet sich ein Zeitungsartikel fundamental von einem Roman. Ich musste also erst einmal verlernen, wie ein Journalist zu schreiben. Meine ersten Bücher waren dementsprechend kurz. Es hat eine Weile gedauert, ehe ich den Mut zu epischer Breite hatte.

Was befriedigt Sie mehr: Die Recherche oder das Schreiben?
Meine eigentliche Leidenschaft ist das Schreiben, das Zusammenfügen der vielen Details zu einer großen Geschichte. Ich schreibe zunächst eine Art Story-Board, eine bis zu 70 Seiten starke Kurzfassung des Romans, und arbeite mich dann Kapitel für Kapitel Richtung Ende. Sonst würde ich bei einem so umfangreichen Werk wie „Das Fundament der Ewigkeit“ den Überblick verlieren.

Viele Ihrer Bücher spielen in der Vergangenheit. Interessiert Sie die Vergangenheit mehr als die Gegenwart oder die Zukunft?
Ich vermute, dass das ist in der Tat so ist. Ich finde es faszinierend, Menschen zu studieren, die im Wesentlichen genau so sind wie wir selber, deren Lebensbedingungen aber komplett andere sind. Ich glaube, dass das auch meinen Lesern gefällt: einzutauchen in eine Zeit, in der man völlig anders lebte als wir das heute tun.

Und warum reisen Sie nicht mal in die Zukunft?
Das könnte schwierig werden mangels ausreichender Informationen. Aber vielleicht schreibe ich eines Tages ja wirklich einen Science Fiction-Roman.

Was ist für Sie die größte Herausforderung der Gegenwart?
In gewisser Weise ist es die gleiche Herausforderung wie seit Menschengedenken: in Frieden zusammenzuleben. Damals wie heute bemühen wir uns, freundschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarn zu pflegen und miteinander auszukommen.

Was uns beileibe nicht immer gelingt.
Seien Sie nicht so pessimistisch. Ich denke, wir haben bereits große Fortschritte gemacht. Katholiken und Protestanten bringen sich nicht mehr gegenseitig um. Sklaverei existiert zwar noch, ist aber in den meisten Ländern verboten. Das ist ein enormer Fortschritt. Natürlich ist unsere Welt nicht perfekt. Wir leben nicht im Paradies, aber wir sind auf einem guten Weg.

Was auch für Sie selber gilt: Gestartet als Lokalreporter, heute ein Bestsellerautor. Sind Sie manchmal selber überrascht von Ihrem enormen Erfolg?
Nicht wirklich. Weil es genau das ist, was ich von Anfang an wollte.

Millionen Bücher verkaufen?
Das war meine Absicht. Als ich „Die Nadel“ schrieb, war mir sofort klar, das dieses Buch besser war als alles, was ich bisher geschrieben hatte, und dass es das Zeug zu einem Bestseller hatte. Dass es sich 40 Jahre später noch immer weltweit verkaufen würde, habe ich natürlich nicht geahnt. Aber ich habe es mir gewünscht.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Ich schreibe nicht für mich selbst, sondern für meine Leser. Ich glaube, jeder von uns möchte sich beim Lesen in einer anderen Welt verlieren, und dieses Bedürfnis bediene ich mit meinen Büchern. Wenn mir jemand sagt, ich habe die Busstation verpasst, weil ich nicht aufhören konnte zu lesen, dann ist das Musik in meinen Ohren.

Das Interview führte Petra Pluwatsch

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