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Jopseh Hader macht sich manchmal kleiner, als er ist.

Joseph Hader im Interview

"Jeder Mensch ist eine Ich-AG"

Der österreichische Schauspieler und Kabarettist Joseph Hader über das Preis-Leistungsverhältnis in zwischenmenschlichen Beziehungen und Pulp Fiction in der Vorstadt.

Herr Hader, in Ihrem aktuellen Programm "Hader muss weg" spielen Sie die ineinander verschränkte Geschichte mehrerer Personen. Das ist kaum noch Kabarett, schon eher ein kleines Schauspiel.

Eine seltsame Mischform von Theater, Kino und Kabarett.

Von den sieben Figuren, die Sie spielen, sterben drei, die anderen vier sprechen fortwährend über den Tod. Sie könnten Ihr Programm auch "Der Tod, das muss ein Wiener sein" nennen.

Das kommt Ihnen nur so vor. So oft reden die Figuren nicht vom Tod. Das ist doch das Traurige an diesen Figuren, dass sie gerade nicht von wichtigen Dingen reden können, sondern nur über Unwichtiges und immer aneinander vorbei. Die Grundidee war, zu zeigen, wie sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert hat. Sie ist härter geworden, die Gruppen kämpfen immer verbissener um den Kuchen. Das Programm ist also eine Art Wiener Pulp-Fiction-Story in der Vorstadt. Da braucht man natürlich auch Tote.

Die Einsamkeit Ihrer sieben Figuren ist mit Händen zu greifen.

Die Grunddiagnose des Stückes ist doch, dass alle Menschen Ich-AGs sind, die das Preis-Leistungsverhältnis ihrer Beziehungen zu anderen Menschen ständig berechnen. Das ist eine Entwicklung, die ich zeigen wollte.

Sie selbst haben sich auch als Ich-AG bezeichnet, allerdings in dem Zusammenhang, dass Sie sich nirgends richtig dazugehörig fühlten, nicht in der Familie, nicht in der Schule. Sie sagten, die Einsamkeit sei Ihre größte Leidenschaft.

Ach, es ist schlimm, wenn man schon seit 20 Jahren Interviews gibt.

Sie könnten sich auch davon distanzieren.

Nein, so ist es auch wieder nicht, das wäre dann wieder zu schlimm. Ich hoffe, dass die größte Leidenschaft mittlerweile etwas anderes ist als die Einsamkeit. Aber dennoch, jeder Mensch ist eine Ich-AG. Wir alle funktionieren über Egoismus: Jede Liebe hat ihren Egoismus, jeder Mensch, der für einen andern stirbt, tut dies aus Egoismus und auch die Leute, die in die Dritte Welt fahren, um dort zu helfen, sind Egoisten. Egoismus ist ein Grundantrieb.

Für Ihre Rolle als Vergewaltiger und Mörder im Fernsehdrama "Ein halbes Leben" sind Sie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt? War es die Möglichkeit, den Kabarettisten einmal hinter sich lassen und der Ironie entkommen zu können?

Da war vor allem das Grundgefühl: Das kann ich spielen. Die Rolle hat mich angesprungen. Da ist zum einen natürlich das Furchtbare dieser Figur, ihre Aggressionsschübe, und auf der anderen Seite das Weiche, das um Verständnis und Verzeihung fleht. Das ist für jeden Schauspieler eine Bombenrolle. Zwar gibt es viele Bombenrollen, aber es gibt nicht viele, die ich spielen könnte. Und die konnte ich spielen. Ich verstehe viel von der Figur. Mit dem schlechten Gewissen kenne ich mich aus, ich bin katholisch erzogen. Das Einzige, was ich nicht verstehe, ist das, was die Figur angerichtet hat.

Robert Musil ist Ihr Lieblingsautor...

Einer von mehreren.

Wer Sie auf der Bühne sieht oder in Ihrer Rolle als verkrachter Ermittler Brenner in den bisher drei Wolf-Haas-Verfilmungen, der muss tatsächlich an Musils Ironie-Begriff denken: "Einen Trottel so darstellen, dass der Autor plötzlich fühlt: Das bin ja zum Teil ich selbst."

So ist es, natürlich. Wenn meine großen Kollegen Qualtinger und Polt ihre Spießbürger spielen, dann weiß man sofort, dass sie deshalb so gut sind, weil sie auch auf ihre eigenen Schwächen schauen. Der Spießer, den wir alle potenziell in uns haben, schwingt bei ihnen immer mit.

Bei Ihnen doch auch.

Ja, ja, natürlich. Nur bei mir merk´ ich es nicht so.

Dazu passt Ihre Bemerkung in einem früheren Interview, jeder Mensch, der sich auf eine Bühne stellt habe einen Knacks. Wie würden Sie Ihren beschreiben?

Nicht jeder, der auf die Bühne geht, hat einen Knacks, sondern jeder, der irrsinnig gut ist, hat einen Knacks.

Sie machen es einem nicht leicht. Also gut, was ist Ihr Knacks?

Nein, so hab´ ich das natürlich nicht gemeint. Ich rede hier wirklich nicht von mir, sondern von richtig guten Schauspielern. Damit meine ich nicht die virtuosen Darsteller, die glitzern und glänzen und Klavier spielen können mit ihren Körpern. Die sind für mich auch gar nicht interessant. Aber die, die jede Faser ihrer Körper und ihre gesamte Energie darauf verwenden, ein anderer zu sein, die richtig guten Schauspieler - und so gut bin ich nicht -, das sind meistens nicht gerade ausgeglichene, glückliche Menschen. Der erste Schauspieler, den ich richtig gut fand, war Norbert Kappen, ein deutscher Theaterschauspieler am Burgtheater. Der hat alle wichtigen Rollen gespielt, aber er war trotzdem kein Star. Kappen war ein zutiefst unglücklicher Mensch. Er hat sich später umgebracht.

Wo sieht sich der Schauspieler Hader in diesem Gewimmel von glitzernden und todunglücklichen Kollegen?

Ich bin kein so ganz glücklicher Mensch und auch kein so ganz schlechter Schauspieler. Also, ich würd´ mich da eher in der Mitte sehen. Ich bin in bestimmten Rollen ganz gut und in der Kombination von Schauspieler und Drehbuchautor. Aber ein richtig großer Schauspieler bin ich nicht.

Wer fällt Ihnen denn da unter den Kollegen der Gegenwart so alles ein?

Der Sepp Bierbichler zum Beispiel, das ist ein großer Schauspieler...

Mit dem Sie in der letzten Wolf-Haas-Verfilmung "Der Knochenmann" zusammenspielten.

Oder die Birgit Minichmayr, die hat da auch mitgespielt. Beide haben etwas wirklich Elementares. Das kann man gar nicht in Worten ausdrücken, das spürt man einfach.

Die Figuren, die Sie spielen, haben immer etwas von traurigen, am Leben gescheiterten Verlierertypen.

Was wäre denn ein Siegertyp, den ich spielen könnte? Das ginge doch gar nicht, schon allein aufgrund meiner Körperhaltung. Ich müsste mindestens ein halbes Jahr trainieren dafür. Sicher, ich könnte ein Drehbuch schreiben mit einem extrovertierten und eloquenten Typen, der alles im Leben super hinkriegt. Aber es würde mich schauspielerisch viel mehr Arbeit kosten, weil ich das nicht so in mir drinnen habe.

Spätestens die Verfilmungen von drei Brenner-Romanen von Wolf Haas haben Sie in Deutschland zu einem Star gemacht. Ist schon die nächste Verfilmung in Arbeit?

Es hat bisher nur ein Gespräch von Wolfgang Murnberger, dem Regisseur, Wolf Haas und mir gegeben.

Und was ist dabei herausgekommen?

Uns interessiert "Das ewige Leben". Das ist der Graz-Roman, in dem der Brenner mit einem Kopfschuss aufwacht und nicht weiß, wo er den her hat...

Was auffällt, ist Ihre Affinität zum Keller. Der Schlachtraum im "Knochenmann" ist ein Keller, der Einstieg in Ihr laufendes Kabarett-Programm spielt zwar in einer Schauspieler-Garderobe, die erinnert aber eher an ein Verlies, und Ihr fünftes Kabarett-Programm von 1991 hieß sogar "Im Keller". Abwärts immer, aufwärts nimmer?

Also der Keller im "Knochenmann" war ein Einfall vom Murnberger. Der brauchte eine Stiege, und aus der hat er dann ja auch wirklich was gemacht. Mich interessiert nicht der Keller an sich. Er ist für mich nur das, was früher der dunkle Wald war, ein Ort, wo was passieren kann, wo man sich verirren und verlieren kann. Aber den Keller als Grundmotiv lasse ich mir nicht anhängen.

Sie sind bis heute in der katholischen Kirche. Sind Sie gläubig?

Seit meinem zwölften oder vierzehnten Lebensjahr nicht mehr. Ich hatte nur immer so eine Idee, dass der Verein einen Sinn hat.

Worin liegt er für Sie?

Na ja, in der sozialen Arbeit. Das Problem ist halt, dass dann wieder die Konservativen kommen und den ganzen guten Eindruck zerstören. So langsam wird es eng für mich. Aber ich warte noch einen Papst ab. Vielleicht erwischen sie ja noch einmal den Falschen, und es geht wieder in eine modernere Richtung. Andererseits sind alle Kardinäle, die in den vergangenen Jahrzehnten ausgewählt worden sind, vom polnischen und vom deutschen Papst ernannt worden. Das sind alles keine Leute, die einen modernen Papst wählen könnten. Aber vielleicht passiert ein Irrtum.

Sind Sie da gegenüber der Kirche nicht ein wenig undankbar? Sie haben mal erzählt, Ihre Jahre im Klosterinternat in Melk seien eine glückliche Zeit für Sie gewesen.

Zuerst war sie unglücklich, später glücklich. Unglücklich war sie, weil ich Heimweh hatte und mit den gleichaltrigen Jungs nicht zurecht kam. Glücklich wurde sie, als ich dann machen konnte, was ich auch heute mache: Theater spielen und musizieren. Die Kultur hat mich gerettet.

Was gab es für Probleme mit den anderen Jungen?

Ich wurde von denen immer verprügelt, das war furchtbar. Erst mit 13 Jahren habe ich gelernt, mich mit Worten so zu wehren, dass die anderen zu weinen angefangen haben.

Wirkt diese Erfahrung heute noch nach?

Ich fühlte mich im Internat lange sehr allein, und vielleicht neige ich deswegen heute noch dazu, mir nicht von anderen helfen zu lassen, wenn es mir dreckig geht, sondern mich zu verkriechen. Ich habe auch kaum Freundschaften mit Männern. Diese Art von Männerverbindlichkeit, dass man sich einmal die Woche auf ein Bier trifft oder zusammen segeln geht, das finde ich dermaßen widerwärtig und pervers - das ist für mich etwas völlig Unangenehmes. Ich würde wahnsinnig viel Geld dafür verlangen, mit irgendwelchen Männern auf einem kleinen engen Boot wochenlang herumzufahren, Bier zu trinken und am Ende schlecht zu riechen. Diese ewigen Männergeschichten sind auch so schrecklich langweilig. Mit Frauen kann man viel besser reden.

Wird das nicht schwierig mit Ihren beiden Söhnen? Ihr Ältester ist sechzehn, auch er wird langsam ein Mann.

Das geht ganz gut. Die sind ja nicht in meinem Alter. Ich kann ja auch mit älteren Männern, mit Opas konnte ich immer gut.

Mit Omas auch?

Ja sicher.

Sie erwähnen Ihre Großeltern öfter als Ihre Eltern.

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, da ist es nun mal üblich, dass Vater und Mutter viel arbeiten und dass die Großeltern auf einen aufpassen. Für mich waren das prägende Jahre.

Sie wollten aber kein Bauer, sondern Pfarrer werden.

Ja, das war mit zehn Jahren. Aber auch nur deswegen, weil ich damals als Ministrant die Hauptrolle im Gottesdienst haben wollte.

Glauben Sie, dass eine katholische Erziehung eine gute Grundlage dafür ist, Kabarettist zu werden?

Diese Theorie haben einige bayrische Kabarettisten um vier Uhr morgens an einem Münchner Wirtshaustisch entwickelt. Die meinten, ohne Ministrant gewesen zu sein, könnte man kein Kabarettist sein. Ich halte das für etwas übertrieben. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Wolfgang Neuss Ministrant war.

Interview: Christian Bommarius und Silke Janovsky

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