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Wigald Boning über das Laufen in Crocs: Jede Woche ein Marathon

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Von: Boris Halva

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„Nach Wochen der Unlust habe ich meine Fähigkeit wiederentdeckt, mich selbst zu überlisten.“
„Nach Wochen der Unlust habe ich meine Fähigkeit wiederentdeckt, mich selbst zu überlisten.“ © Joerg Koch

Komiker Wigald Boning hat sich ein außerordentliches Ziel gesetzt: ein Jahr lang jede Woche einen Marathon laufen. Ein Gespräch über sein neues Buch, innere Widerstände – und wie man trotz Rennerei an Gewicht zulegt.

Die Sonne scheint. Das ist schon mal die halbe Miete. Die andere Hälfte ist auch schnell besprochen: Wigald Boning ist gesund und zahlungsfähig, wie er sagt. Beschwingt klingt er, morgens, kurz nach zehn. So beschwingt wie wohl nur einer klingen kann, der ordentlich Schwung hat. Nicht nur auf der Bühne oder im Fernsehen, wo er seit vielen Jahren ein beliebter Gast in Quizshows ist. Auch auf der Straße hat der 55-Jährige einen Lauf: Ein Jahr lang hat er jede Woche einen Marathon absolviert. Allein, bei Wind und Wetter. Das konnte auch mal zehn Stunden dauern, aber er hat 52 mal die 42 Kilometer abgerissen, am Stück, ob bei Blitzeis oder in tropischen Nächten. Warum? Tja, warum? Auf jeden Fall nicht, weil er ein Buch darüber schreiben wollte, wie er während des Telefonats beteuert. Es gibt trotzdem eines, und das ist unterhaltsam, mitreißend und auch immer ein bisschen weise. Und voller Worte, die einem im Alltag eher selten begegnen. Die Lektüre ist daher so oder so ein Gewinn.

Herr Boning, sind Sie heute schon gelaufen?

Heute morgen bin ich gelaufen, ja.

Aber keinen Marathon, oder?

Nein, knappe zehn Kilometer bei meinen Eltern in OIdenburg. Ich bin am Osternburger Kanal, einem ziemlich länglichen Gewässer, entlang getrabt.

Barfuß oder in Laufsandalen?

(Lacht auf) Ha, weder noch. Ich bin in Gummischuhen gelaufen, in Crocs.

Ein eher untypisches Schuhwerk für die Langstrecke... Aber hat sich bewährt auf Ihren Runden.

Ja, da komme ich sehr gut mit klar. Und ich muss mich nicht bücken, um sie anzuziehen.

Andererseits ist einmal weniger gebückt einmal weniger gedehnt… Und Sie schreiben in Ihrem Buch ja selbst, wie wichtig Dehnen ist.

Stimmt, da habe ich vor lauter Kräfte sparen wollen wieder eine Gelegenheit zur Dehnung verstreichen lassen... naja.

Wigald Boning: Ist er verrückt geworden?

Das erste Kapitel in Ihrem Buch heißt „Ist er verrückt geworden?“ Weniger drastisch könnte man auch fragen: Warum haben Sie das gemacht?

Die Frage nach dem Warum ist ja die schwerste alle Fragen. Da grüble ich selbst noch drüber. Es mag ein Mix sein aus Abenteuerlust, Geltungsbedürfnis, vielleicht auch Langeweile. Manchmal stellt sich auch die leicht scherzhafte Frage: Wovor läuft er weg? Ist es reiner Bewegungsdrang? Oder will man ein toller Hecht sein? Das kann schmerzhaft sein, wenn man das erkennt. Aber darum geht es wohl auch, nicht nur beim Laufen: Erkenntnisgewinn über den eigenen Charakter.

Lauf, Wigald, lauf! Mein abenteuerliches Marathon-Jahr, Verlag Gräfe und Unzer, München 2022, 224 S., 20 Euro
Lauf, Wigald, lauf! Mein abenteuerliches Marathon-Jahr, Verlag Gräfe und Unzer, München 2022, 224 S., 20 Euro © Graefe und Unzer

Was haben Sie da so erkannt?

Nach mehreren Wochen einer gewissen Unlust habe ich zum Beispiel meine Fähigkeit wiederentdeckt, mich selbst zu überlisten. Ich war zum Beispiel drauf und dran, das Reglement dahingehend zu ändern, dass ich nicht alles am Stück laufe, sondern erstmal eine Mahlzeit dazwischenschiebe und dann den Rest laufe. Ich war aber stark genug und habe durchgehalten. Beim allerletzten Lauf lief ich auf einer Zehn-Meter-Pendelstrecke, in tiefem Schnee, in 1800 Meter Höhe. Da hab ich mir gesagt: Jetzt lass ich dem listigen Teil in mir mal seinen Raum – mit dem Ergebnis, dass ich zwei Übernachtungen hatte.

Was haben Sie denn beim Laufen über das Leben gelernt – abgesehen davon, dass Sie stark genug waren, nicht immer den Weg des geringsten Widerstands zu gehen?

Das mit dem Leben ist natürlich ein weites Feld, und von daher ist es auch nicht so einfach, das auf eine Formel zu bringen… (Überlegt eine kleine Weile.) Also: Einem übergroßen Ziel hinterherzulaufen ist ja schon mal eine gute Sache. Und je größer das Ziel, desto größer das Glücksversprechen, das im Erfolgsfall damit einhergeht. Normalerweise würde ich sagen, es ist talentierteren Naturen vorbehalten, jede Woche einen Marathon zu laufen. Das waren die Corona-Umstände, die mir den Mut verliehen haben, das trotzdem anzugehen. Und im Nachhinein kann ich sagen, dass es die Lebensqualität erhöht, sich solchen Herausforderungen zu stellen. Allerdings habe ich auch gelernt, dass nicht automatisch alles so wird, wie ich es mir vorgestellt habe.

Was lief anders?

Ich dachte zum Beispiel, dass ich abnehmen würde, wenn ich so viel laufe. Aber das Gegenteil war der Fall: Ich habe drei Kilo zugenommen.

Wie das denn?

Weil ich dachte, ich laufe eh so viel, da kann ich es mir gutgehen lassen. Und das habe ich! So sehr, dass es alle negativen Erinnerungen an dieses Corona-Jahr übertüncht.

Sie sind ja nicht besonders schnell gelaufen und haben dadurch ganz viel von Ihrer Umgebung mitbekommen, wie Sie schreiben. Hat Sie dieses Gefühl der Verbundenheit mit der Welt um Sie herum auch demütig werden lassen, also: demütig im Sinne von dankbar und froh?

Auf jeden Fall! Dass ich dieses Vorhaben überhaupt zu Ende bringen konnte, ist ja ein großer Glücksfall. Ich hätte mir ja nur den Fuß verknacksen oder meinem inneren Schweinehund zu erliegen brauchen, dann wäre die Sache erledigt gewesen. Von daher bin ich sehr dankbar, dass ich dieser Corona-Zeit tatsächlich einen persönlichen Mehrwert abringen konnte.

Zur Person

Wigald Boning, 55, wurde durch die Comedy-Sendung „RTL-Samstag Nacht“ und im Gesangs-Duo mit Olli Dittrich als „Die Doofen“ bekannt. Er moderierte unter anderem die „WIB-Schaukel“ und „Clever“, ist festes Panel-Mitglied bei „Genial daneben“ und in zahlreichen Unterhaltungsshows zu Gast. Überdies ist er als Synchronsprecher und Autor tätig, zuletzt erschien von ihm das Buch „Im Zelt. Von einem der auszog, um draußen zu schlafen“. Darin erzählt er von den 200 Nächten, die er am Stück im Freien geschlafen hat. Er ist vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Adolf-Grimme-Preis. Mit seiner Familie lebt er in München. FR

Ein anderer Aspekt ist die Entschleunigung: Viele von uns sind meist auf irgendeinem fahrbaren Untersatz unterwegs durch den Alltag: Auto, Zug, Fahrrad. Wenn wir laufen, rauscht die Welt nicht an uns vorbei. Was würden Sie sagen: Sollten wir alle mehr laufen?

Jedes Tempo hat seine Vorzüge, und ich fahre nach wie vor gerne Fahrrad, aber laufen ist ja nochmal simpler. Und je langsamer ich mich fortbewege, umso mehr bekomme ich mit von den kleinen Dingen um mich herum. Daher kann ich das vorbehaltlos empfehlen!

Sie bringen das auf die Formel: Staunen statt maulen. Aber staunen geht nur, wenn man Zeit hat. Somit ist das Laufen in unserer schnelllebigen Zeit ja fast ein Akt des Widerstands, weil wir uns damit der Effizienz des Fortbewegens verweigern.

Naja, man sollte das nicht überstrapazieren, aber an dem Bild ist schon was dran. Ich beschreibe ja auch, wie mir eines Tages ein SUV-Fahrer den Vogel zeigt, weil ich ihm auf der Straße laufend entgegen komme. Allein die Tatsache, dass ich mich ungepanzert durch den öffentlichen Raum bewegte, scheint ihn provoziert zu haben.

Apropos Provokation: Anfangs sind Sie in einer Cordhose gelaufen. War das ein Statement á la „Laufhose kann ja jeder“?

(Kichert.) Ich bin früher auch in enganliegenden Laufhosen gelaufen, aber das hat mir nie so behagt. Und heute ist es eben so, dass ich nicht mehr sagen könnte, was der Vorteil von Laufhosen sein soll, weil ich schon so lange in Alltagskleidung Sport treibe. Es kommt schon immer mal die Frage, ob das denn nicht scheuert, aber da kann ich nur mit den Schultern zucken und sagen: Bei mir scheuert nichts. Aber vor allem hat es den Vorteil, dass ich mich nicht großartig umziehen muss, um dann im Studio vor der Kamera zu stehen. In der Regel reicht es, das Oberteil zu wechseln.

Haben Sie während des Laufens auch eine neue Sicht auf Ihre Idee von Erfolg bekommen?

Ich habe es vorher schon geahnt, aber ich habe während des Laufens nochmal deutlicher gespürt, dass für mich das Gefühl, erfolgreich zu sein, wenig zu tun hat mit dem, was in unserer Gesellschaft mit Erfolg in Verbindung gebracht wird, allem voran materieller Reichtum. Zu materiellem Reichtum kann ich ja auch gelangen, wenn ich eine Erbschaft mache – aber dafür habe ich ja dann nicht wirklich was getan. Aber dieses Gefühl, von Köln nach Düsseldorf gelaufen zu sein, und zwar aus eigener Kraft, das hat schon was sehr beglückendes. Und behagt mir mehr, als mir irgendwas Tolles kaufen zu können. Allerdings tauge ich als gut bezahlte Fernsehfachkraft in dieser Hinsicht nicht als Missionar – ich kann nur allen empfehlen, das einfach mal selbst auszuprobieren.

Braucht der Mensch wirklich immer eine Aufgabe?

Ich finde Ziele erfrischend! Mir behagt es aber auch, Tage ganz ziellos zu verbringen. Und ich würde auch ohne Ziel laufen, aber mir macht es Spaß, Herausforderungen zu entwickeln und auf die zuzustreben, nicht nur im sportlichen Zusammenhang. Das wohnt dem Menschen ja auch inne, dieses sich Ziele ausdenken und auf diese Ziele hinzuarbeiten.

Zumal man Tage, an denen nichts ansteht, ja auch eher genießen kann, wenn man weiß: morgen ist wieder viel zu tun...

Und während Sie das sagen, denke ich: Ich sollte mir öfter mal vornehmen, Tage ziellos zu verbringen. Aber das ist ja dann auch schon wieder ein Ziel. Irgendwie komme ich da nicht raus…

Wigald Boning ist nicht nur gern im Fernsehen, sondern auch im Freien. Und trägt dabei sogar Sneakers.
Wigald Boning ist nicht nur gern im Fernsehen, sondern auch im Freien. Und trägt dabei sogar Sneakers. © Jörg Koch / Graefe und Unzer

Sie haben es ja vorhin schon erwähnt, dass sich beim exzessiven Laufen immer auch die Frage stellt: Wovor läuft er weg? Haben Sie eine Ahnung, wovor Sie hätten davonlaufen wollen?

So wie jeder von uns habe auch ich düstere Persönlichkeitsbestandteile, mit denen ich selber ungern konfrontiert werde und daher möglicherweise unbewusst vor ihnen weglaufe. Was aber wiederum widersinnig ist, weil ich ja manche dieser düsteren Aspekte meiner selbst erst beim Laufen kennengelernt habe. Das heißt ja: Während ich vor den einen weglaufe, begegne ich den anderen. Ich kann also gar nicht vor mir selbst weglaufen. Oder vor Problemen, mit denen ich mich nicht konfrontieren möchte.

Es ist also gewissermaßen immer ein Hinlaufen zu sich selbst?

Genau. Man läuft vor dem einen weg und kommt bei was anderem an.

Haben Sie das Gefühl, in diesem Jahr des Laufens auch ein bisschen mehr zu sich gefunden zu haben?

Sie meinen so wie Joschka Fischer und sein langer Lauf zu sich selbst? Puh, das kann ich so nicht sagen. Ich bin ja eher eine statische Persönlichkeit...

Die aber ziemlich umtriebig ist...

Ich meine das auch eher aufs Innere bezogen. Ich bin mit mir schon als Kind recht gut bekannt gewesen. Aber ich wusste trotzdem nicht, was es mit mir macht, wenn ich ein Jahr lang jede Woche einen Marathon laufe. So was hat ja verschiedene Auswirkungen, etwa, wie man körperlich mit sich umgeht. Ich habe mich ein bisschen besser kennengelernt, aber dass ich zu mir selber gefunden habe, das ist verdammt lange her.

Verraten Sie uns, wo und wie?

Das war auf dem Pausenhof der Cäcilienschule in Oldenburg. Da gab es so eine Raucherecke und irgendwann habe ich mir einen Anzug gekauft aus einem Stoff, der schnell kaputt ging – und den habe ich dann selbst zerschnitten und erkannt, dass ich den Anzug ja auch so tragen kann. Das war auf jeden Fall ein wichtigerer Tag für mich – zumindest, was die äußere Selbstfindung angeht. Was das Innere betrifft, ist es doch etwas komplizierter. Aber, um Ihre Frage zu beantworten: Ich hatte jetzt, mit 55 Jahren, nicht das Gefühl, beim Laufen einen völlig neuen Wigald gefunden zu haben. (Interview: Boris Halva)

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