Lügen

"Jede Lüge birgt das Risiko aufzufliegen"

Männer sagen häufiger die Unwahrheit als Frauen ? aber warum lügen wir überhaupt?

Wissenschaftler vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung haben insgesamt 565 Studien ausgewertet und gezeigt, dass Männer häufiger lügen als Frauen und dass junge Männer häufiger lügen als ältere. Ein Gespräch mit Dr. Philipp Gerlach von der Forschergruppe.

Herr Gerlach, wann haben Sie zuletzt gelogen?
Ich versuche grundsätzlich nicht zu lügen, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich noch nie gelogen hätte.

Ist denn jeder von uns ein Lügner?
Es gibt Situationen, die dazu führen, dass Menschen mehr lügen. Wir sind aber nicht alle im Prinzip Lügner. Es gibt sogar Menschen, die gar nicht lügen können, bestimmte Autisten zum Beispiel. 

Laut Studie lügen Männer häufiger als Frauen. Warum?
Das ist unklar. Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze: Wer lügt, geht das Risiko ein, erwischt zu werden. Studien zeigen, dass Männer risikobereiter sind als Frauen. Frauen sind aber auch im Schnitt prosozialer eingestellt. Es könnte sein, dass Frauen vor allem vor der Lüge zurückschrecken, wenn andere Menschen unter den negativen Folgen ihrer Lüge zu leiden hätten.

Was sind die häufigsten Lügen?
Menschen sind eher bereit zu lügen, wenn sie denken, dass nicht nur sie selbst profitieren, sondern auch ihre Mitmenschen.

Im Englischen heißt das „White Lies“, Flunkern würde man es im Deutschen nennen.
Das sind Lügen, die keine negativen Folgen haben. In den USA sagt man zum Beispiel, dass es einem gut geht, auch wenn dem nicht so ist. Das erspart Nachfragen.

Sind Männer beim Lügen leichter zu durchschauen?
Studien, die sich mit dem Erkennen von Lügen beschäftigen, zeigen, dass Frauen ein bisschen besser darin sind, ein falsches Lächeln zu erkennen. Deswegen könnte es sein, dass Frauen Lügen besser erkennen. Die Studien zeigen aber auch, dass Menschen erstaunlich schlecht sind im Erkennen von Lügen. Das gilt übrigens für beide Geschlechter.

Sind Frauen intelligentere Lügner?
Frauen denken eher sozialer. Die Art der Lüge macht hier einen Unterschied. Eine andere Studie hat sich rein mit Geschlechterunterschieden beschäftigt. Die hat herausgefunden, dass Frauen beim „weißen Lügen“, also dem Flunkern, unehrlicher sind als Männer. Bei der Art der Lüge, die wir uns angesehen haben, also bei der Lüge, von der man selber unmittelbar profitiert, lügen Männer dagegen häufiger.

Wie entstehen eigentlich Lügen?
Lügen setzt eine Versuchung voraus. Entweder man sagt die Wahrheit, oder man entscheidet sich dagegen. Jede Lüge birgt das Risiko aufzufliegen. Daher ist jede Lüge das Ergebnis einer Entscheidung. Diese Entscheidung beinhaltet Risiko. Langfristig ist es besser, wenn man seine Reputation als ehrlicher Mensch behält. Kurzfristig kann es sein, dass man dieser Versuchung nicht widerstehen kann.

Hat es mit der Persönlichkeit zu tun?
Das wird heiß diskutiert. Studien zeigen zwar, dass Ehrlichkeit mit Charaktereigenschaften wie Fairness und Bescheidenheit einhergeht. Alle Forscher wissen aber, dass Lügen situationsabhängig ist.

Warum lügen gerade die jungen Männer so oft?
Es könnte sein, dass sich Alterungsprozesse auswirken. Ältere Menschen neigen dazu, sich eher an gesellschaftliche Normen zu halten. Es kann aber auch ein Generationseffekt sein. Junge Menschen wachsen derzeit in einer Welt der „alternativen Fakten“ auf. Das könnte abfärben. Generell gelten junge Männer als die risikobereiteste Gruppe innerhalb einer Gesellschaft. Auch das könnte erklären, warum gerade junge Männer lügen. 

Interview: Thomas Schlenz

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