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Jayrôme C. Robinet: „Männer sind zwischen den Alternativen gefangen ‘der Krieger’ oder ‘der Loser’.“

Interview

„Nicht ich bin das Problem, sondern die Gesellschaft“

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Autor Jayrôme C. Robinet über Männerbilder, seinen Umgang mit Diskriminierung und die Frage, wie selbstbestimmt es sich in Deutschland lebt.

Früher hat Jayrôme C. Robinet als Frau in Frankreich gelebt, heute lebt er als Mann in Berlin. Einmal im Monat spritzt er sich das männliche Hormon Testosteron, das einen dunklen Bart wachsen und ihn mit einer tieferen Stimme sprechen lässt. In „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“ erzählt er von seiner Transition und davon, wie es ist, wenn sich nicht nur das Geschlecht, sondern scheinbar auch Herkunft und Alter ändern. Robinet spricht bewusst von trans Menschen – trans als Adjektiv – um deutlich zu machen, dass sich Transgeschlechtlichkeit nicht nur auf medizinische und körperliche Aspekte bezieht und nur ein Teil der Identität einer Person ist.

Herr Robinet, vor acht Jahren haben Sie zum ersten Mal Testosteron gespritzt und sich danach wie „mitten in der Pubertät“ gefühlt – wegen der körperlichen Veränderungen, die Sie an sich beobachtet haben?
Auch. Man merkt plötzlich, dass sich der Körper verändert und dass man einen regelrechten Hormonschub hat. Aber man wird auch von der Umgebung anders wahrgenommen und behandelt. Für mich war das wie ein Erwachen. Die Pubertät ist ein Moment, in dem der Mensch plötzlich sexualisiert wird. Man selbst spürt ein sexuelles Erwachen, aber auch von außen wird man als sexualisiertes Wesen wahrgenommen. Als ich anfing Testosteron zu spritzen, war ich 33. Dadurch hatte ich diese Erfahrung eigentlich schon hinter mir. Trotzdem habe ich an den Blicken von Frauen gesehen, dass ich plötzlich als potenzieller Partner betrachtet wurde. Männer wiederum haben mich nicht mehr als potenzielle Beute wahrgenommen, sondern eher als Kumpel.

Um für die Geschlechtsangleichung Testosteron nehmen zu dürfen, mussten Sie eine mehrmonatige Psychotherapie machen. Worum ging es da und wie war das für Sie?
Ich muss zunächst sagen, dass es diese Voraussetzung dank neuer Leitlinien für die medizinische Versorgung von trans Menschen seit Ende 2018 zum Glück nicht mehr gibt. Man musste sich damals psychologisch betreuen lassen, um sein Geschlecht psychologisch nachzuweisen und um sich sicher zu sein, dass man die Geschlechtsangleichung will. Auch der sogenannte Alltagstest ist zum Glück weggefallen.

Was war der Alltagstest?
Damals hat man darunter verstanden, dass man in seinem persönlichen Umfeld, also in der Familie, auf der Arbeit und bei Freund_innen, „out“ ist. Das heißt, die Mitmenschen sind über die eigene Transgeschlechtlickeit informiert. Man sollte ausprobieren, wie es ist in dieser „neuen“ Geschlechterrolle in der Gesellschaft zu leben. Meiner Meinung nach hat das wenig Sinn gemacht, auch weil es zum Teil sehr stereotypisch ist, was sich Krankenkassen oder Psycholog_innen unter Frau oder Mann vorstellen. Denn was heißt es schon als Mann in der Gesellschaft zu leben? Heißt das eine Krawatte zu tragen oder einen männlichen Vornamen oder um was geht es da?

A propos als Mann in der Gesellschaft leben: Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie mit der Transition auf der Suche waren nach einem Männerbild, an dem Sie sich orientieren konnten. Die beiden Männer, mit denen Sie aufwuchsen – Ihr Vater und Ihr Bruder – besaßen Ihrer Meinung nach keine „ganz herkömmliche Form von Männlichkeit“, auch weil Ihr Vater kochte, wusch und putzte und Ihr Bruder strickte. Welchen Weg haben Sie denn für sich gefunden?
Ich bin der Meinung, dass es nicht nur eine Form von Männlichkeit in der Gesellschaft gibt. Daher spreche ich von Männlichkeiten. Es gibt natürlich eine hegemoniale Form davon, die Männer unter Druck setzt: Sie müssen eine bestimmte Maskulinität an den Tag legen, um nicht von der Gesellschaft sanktioniert zu werden. Männer sind zwischen den Alternativen gefangen „der Krieger“ oder „der Loser“. Aber mein Weg ist Männlichkeiten so vielfältig zu betrachten, dass ich mir keine Gedanken mehr darum mache, welche Art von Männlichkeit ich verkörpere. Ich will einfach das ausleben, worauf ich gerade Lust habe.

In Ihrem Buch beschreiben Sie immer wieder, wie die Menschen reagieren, wenn Sie erzählen, dass Sie früher als Frau gelebt haben: Viele sind unsicher und überfordert und wissen nicht, was sie sagen sollen oder fragen dürfen. Was ist Ihre Erfahrung, woher kommt diese Unsicherheit?
Die meisten Menschen sind an zwei Geschlechter gewöhnt, die stark voneinander getrennt sind. Transgeschlechtlichkeit löst bei vielen Menschen vielleicht deswegen Unsicherheit oder Angst aus, weil das, woran sie gewöhnt sind, in Frage stellt wird. Transgeschlechtlichkeit kann für viele Menschen aber auch bedeuten, dass das, woran sie immer geglaubt haben, nicht stimmt. Denn die „Klarheit“, die es in Bezug auf Geschlechter gibt, wird als Illusion entlarvt. Und dann fängt man vielleicht sogar an, sich selbst und das, was man eigentlich möchte, zu hinterfragen.

Wie könnte man den Menschen, die nicht wissen, was sie sagen oder fragen dürfen, ihre Unsicherheit denn nehmen?
Ich rate ihnen einfach, keine Fragen zu stellen, die sie nicht auch jedem anderen Menschen stellen würden. Würden sie zum Beispiel jeden beliebigen Menschen nach seinen sexuellen Präferenzen oder irgendwelchen Körperteilen fragen? Wahrscheinlich eher nicht. Also sollten sie das auch keine trans Person fragen. Der kleinste gemeinsame Nenner sollte, was den gesellschaftlichen Umgang miteinander angeht, der gesunde Menschenverstand sein. Ich an ihrer Stelle würde aber auch meine eigene Neugier hinterfragen: Will ich eine Information haben, damit ich die trans Person besser unterstützen kann? Oder will ich sie haben, weil sie meine eigene Neugier befriedigt? Im ersten Fall wäre die Frage wahrscheinlich berechtigt. Aber wenn es einfach nur darum geht, die eigene Neugier zu befriedigen, dann sollte man die Frage lieber nicht stellen.

Es gibt aber ja nicht nur Menschen, die einfach nur unsicher sind, sondern auch diejenigen, die grundsätzlich etwas gegen trans Menschen haben. Mit dieser Abneigung werden Sie ja auch oft konfrontiert. Was entgegnen Sie diesen Menschen?
Ich versuche genau hinzuhören. Ich frage mich, was die Person mit dieser starken Abneigung über sich selbst aussagt. Vielleicht hat jemand diese starke Abneigung, weil er oder sie selbst gelitten hat. Denn letztlich müssen wir uns alle an diese Zwei-Geschlechter-Ordnung anpassen. Bei dieser Konstruktion der Geschlechter ist es ein bisschen wie im Straßenverkehr, um es mit dem Soziologen Pierre Bourdieu auszudrücken: Es gibt Einbahnstraßen, Durchfahrverbote, und wer sich nicht an die Regeln hält, wird sanktioniert. Die Regeln haben wir alle wohl oder übel verinnerlicht. Auch das ist für manche vielleicht wie ein Trauma, weil wir uns durch diese Regeln von einem Stück Freiheit, einem Stück Individualität und einem Stück unserer eigenen Persönlichkeit verabschieden müssen. Im Straßenverkehr machen die Regeln natürlich Sinn, denn da droht Lebensgefahr. Aber bei den Geschlechterregeln frage ich mich: Was würde drohen, wenn es diese Regeln nicht gäbe, was wäre das worst case scenario?

Und?
Ich glaube, manche glauben, dass die menschliche Spezies ausstirbt. Aber das wird nie passieren (lacht). Ich sehe ohne Regeln keine Gefahr, im Gegenteil. Die Regeln schützen uns nicht, sie gefährden uns. Ohne Regeln wäre ein Abweichen gar nicht oder nicht so stark sanktioniert. Denn nur die Regeln führen dazu, dass es eine Strafe gibt, wenn wir uns nicht daran halten: Man wird sozial deklassiert, ausgegrenzt oder erlebt sogar Gewalt.

Sie erzählen sehr offen und persönlich von Verletzungen: dass Sie immer wieder, ob an der Sicherheitskontrolle am Flughafen oder beim Abholen eines Päckchens, gefragt werden, was Ihr Ergänzungsausweis soll und ob der offiziell ist. Am Flughafen in Kairo mussten Sie sich sogar ausziehen, damit die Sicherheitsleute Sie untersuchen und Ihr Geschlecht feststellen konnten. Wie gehen Sie damit um?
In solchen Situation sage ich mir immer wieder, dass es nichts mit mir persönlich zu tun hat, sondern dass da die Gesellschaft auch gerade etwas über sich selbst aussagt. In Kairo habe ich mir in dem Moment gedacht: Ich bin nicht alleine, da draußen sind Millionen Menschen, denen es genauso geht. Ich habe versucht, mir Menschen in Erinnerung zu rufen, die bei mir sind, die mich unterstützen und die dieselben Kämpfe ausfechten. Ich bin nicht alleine. Und nicht ich bin das Problem, sondern die Gesellschaft, in der ich lebe. Ich nenne das geistiges Kung-Fu: die Gewalt, die ich abbekomme, im übertragenden Sinne zu nutzen, um mich zu wehren.

Ihrer Familie mussten Sie – anders als geplant – sehr plötzlich von Ihrer Transition berichten: Ihr Onkel war gestorben, Sie flogen zur Beerdigung nach Frankreich und schrieben vorher noch schnell eine E-Mail an Ihre Eltern und Geschwister, damit die wissen, was sie erwartet. War es im Nachhinein besser, so ins kalte Wasser geworfen zu werden?
Im Nachhinein hat auf jeden Fall die Tatsache, dass da eine Beerdigung stattfand, allen geholfen, meine Geschichte und mein Trans-Sein zu relativieren. Unsere Sterblichkeit lag in der Luft, deswegen war die Tatsache, dass ich da und am Leben war, erst einmal wichtiger. Ob es besser ist, behutsam und langsam vorzugehen, ist vermutlich auch individuell. Ich denke, es gibt da kein Richtig und kein Falsch.

Das Besondere an Ihrer Geschichte ist, dass Sie nach Ihrer Transition nicht nur als Mann leben, sondern scheinbar als Mann mit Migrationshintergrund – wegen des dunklen Barts und Ihrer etwas dunkleren Haut. Früher seien Sie als Frau als „sexy und exotisch“ wahrgenommen worden, als Mann als „exotisch und gefährlich“, schreiben Sie. Können Sie ein Beispiel nennen?
Es gab da eine Situation in einer Teestube in Berlin. Ich stand da, wollte einen Tee bestellen und habe dann gesehen, dass jemand die Scheibe mit einem Stein eingeworfen hatte. Ich habe mir das angeschaut, während ich gewartet habe. Das Muster sah tatsächlich irgendwie schön aus, weil die Sonne darauf geschienen hat. Irgendwann kam die Besitzerin und fragte: ‚Schaust du dir dein Werk an?‘ Ich habe zuerst gar nicht verstanden, was sie wollte, aber an der Mimik und am Tonfall gemerkt, dass ihre Frage nicht freundlich gemeint war. Dass ich eher ruppig und unfreundlich behandelt werde, habe ich immer wieder erlebt. Und zuerst dachte ich, dass man als Mann in der Gesellschaft nun mal so behandelt wird. Bis mir Freunde, die trans Männer und weiß sind, gesagt haben, dass ihnen das nicht begegnet. Ich habe dann eins und eins zusammengezählt und diese Situation in der Teestube hat mir dann veranschaulicht, dass bestimmte Merkmale sich nicht addieren, sondern miteinander verschmelzen. Und durch diese Verschmelzung entsteht eine neue Form von Diskriminierung, die Menschen, die nur eins dieser bestimmten Merkmale haben, nicht erfahren. Das nennt die US-Juristin Kimberlé Crenshaw Intersektionalität.

Was sind das für Merkmale?
In meinem Fall zum einen dieses stereotypische Geschlechterbild, nämlich dass Männlichkeit per se gefährlich ist. Dann kommt Rassismus dazu: Ein Mann of Color ist gleich noch gefährlicher und wird eher verdächtig. Dann ist da noch eine Art Klassendenken. Ich hatte an dem Tag in der Teestube ein Baseball-Cap und Sportklamotten an, war also eher leger gekleidet. Hinzukommt ein „Ageism“: Junge Leute gelten als unberechenbar und sind eher Randalierer. Einen weißen, älteren Herrn mit Anzug hätte die Teestuben-Besitzerin vermutlich nicht verdächtigt, das Fenster eingeworfen zu haben. Das war einfach diese Verschmelzung der Merkmale, die zu ihrer Frage geführt hat. Das ist Mehrfachdiskriminierung. Dabei – und das ist mir wichtig zu betonen – verorte ich mich weiterhin als weiß und nicht als Mann of color.

Sie schreiben: „Früher oder später wird Deutschland Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit für alle Menschen gewährleisten“ und „Eines Tages werden wir genug Demütigung erlebt haben (…) Eines Tages wird es Zeit sein für den namenlosen Körper, der atmet“. Ganz ehrlich: Wie weit ist der Weg bis dahin noch?
Wir sind auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Ich weiß, dass nicht alle Menschen meine Hoffnung und meinen Optimismus teilen. Immerhin gibt es einen Rechtsruck, traditionelle Geschlechterrollen und Familienbilder sind wieder stärker vertreten. Andererseits sehe ich, dass sich zum Beispiel mit dem Gesetz für die dritte Option etwas ändert, die Weltgesundheitsorganisation hat endlich 2018 Transsexualität von der Liste der psychischen Störungen gestrichen, gerade hat das europäische Parlament die erste Resolution zu den Menschenrechten von intergeschlechtlichen Personen angenommen und alle EU-Staaten aufgefordert, Zwangsoperationen an intergeschlechtlichen Kindern zu verbieten. Ich versuche immer wieder das Positive hervorzuheben und die Stärken zu betonen. Meine Hoffnung ist: Indem wir der festen Überzeugung sind, dass es eines Tages wirklich vollkommene Selbstbestimmung gibt, indem wir also eine Realität beschreiben, die es noch nicht gibt, stellen wir diese Realität her. Und ich hoffe, dass ich das noch erleben werde.

Interview: Ruth Herberg

Zur Person

Jayrôme C. Robinet, geboren 1977 in Nordfrankreich, ist Autor und Übersetzer. Er promoviert über Performance Poetry in queer-feministischen Kontexten im Graduierten Kolleg der Universität der Künste Berlin und unterrichtet Kreatives Schreiben an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

„Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“ ist sein viertes Buch (erschienen im Carl Hanser Verlag, 20 Euro, 978-3-446-26207-2). thh

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