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Rauf, rauf: Der Wettlauf dient als Katastrophenschutzübung für den Fall eines erneuten Tsunami.

Tsunami-Training

Japanisches Dorf übt mit Wettlauf für den Katastrophenfall

Tausende starben, als Japan 2011 von einem Tsunami überrollt wurde. Viele Bewohner der Stadt Kamaishi überlebten, weil sie auf einen Berg flüchteten. Mit einem Wettlauf bereiten sie sich auf den Ernstfall vor.

Koki Himura rennt und rennt. Die Straße hinauf, vorbei an Wohnhäusern, den Blick immer nach vorne auf den Hügel gerichtet, auf dem hoch oben der Tempel Senjuin liegt. Bis hierher muss er es schaffen. Nur knapp 30 Meter ist der Hügel hoch, doch der kleine elfjährige Himura weiß, dass von dieser Anhöhe im Fall eines Tsunamis sein Leben abhängen könnte. „Ich habe es geschafft“, sagt Himura mit schüchterner Stimme, als er nach knapp 300 Metern keuchend den Tempel erreicht. So wie er rannten auch vor acht Jahren viele Menschen hier hoch. Damals, an jenem schicksalhaften 11. März 2011, als ein Tsunami auf Himuras heutiger Heimatstadt Kamaishi an Japans Nordostküste mit voller Wucht traf und alles mit sich riss.

„Der Hügel hier hat damals vielen Menschen das Leben gerettet“, erzählt Tatsushi Shimomura, während in der Ferne das Meer an diesem kalten Februarmorgen friedlich im Sonnenlicht glitzert. Der 43-Jährige stammt aus Kamaishi, hatte die Katastrophe selbst aber nicht miterlebt. Er weiß aber, wie entscheidend es ist, sich bei einem Tsunami schnell auf Anhöhen zu retten. „Viele Bewohner sind gestorben, weil sie nicht rechtzeitig wegliefen“, weiß Shimomura. Andere hätten sich auf den Hügel gerettet, seien aber wieder runter gelaufen, aus Sorge um Verwandte oder um noch schnell Wertgegenstände aus ihren Häusern zu holen. Viele bezahlten das mit ihrem Leben.

Damit diese Lehre von damals nicht in Vergessenheit gerät, gründete Shimomura zusammen mit Freunden eine Hilfsorganisation und veranstaltet jedes Jahr kurz vor dem Jahrestag der „3/11“ genannten Katastrophe einen Wettlauf auf den kleinen Tempelhügel. „Idaten“ heißt das Rennen, benannt nach einer buddhistischen Gottheit, die schnell laufen kann. Das Motto der Veranstaltung: „Weglaufen ist etwas Gutes“. Man solle kein schlechtes Gewissen haben, wenn man alleine wegläuft, so Shimomura. Im Notfall müsse sich jeder selbst zunächst retten und sich erst an einem sicheren Ort mit anderen Verwandten oder Freunden wieder zusammenfinden.

Kiko überlebte die Tsunami- Katastrophe als Dreijähriger.

Bis zu 22 Meter hoch hatte sich die Flutwelle damals an der Küste dieses in Wohlstand lebenden Inselreiches aufgetürmt und walzte alles nieder: Häuser, Häfen, Schulen, Friedhöfe. Dörfer, Städte und riesige Anbauflächen versanken in den Wasser- und Schlammmassen. In der benachbarten Provinz Fukushima kam es in Folge des gewaltigen Erdbebens und Tsunamis im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu Kernschmelzen. „Das Meer war pechrabenschwarz. Überall schlug das Wasser heftig in alle Winkel unserer Bucht. Es sah aus wie die Hölle, in der ein wilder Drache tobt“, erinnerte sich eine Bewohnerin von Kamaishi. Familien mit Kindern rannten verzweifelt um ihr Leben.

Auch die Familie des damals erst drei Jahre alten Koki Himura konnte sich in Kamaishis Nachbarort Otsuchi in Sicherheit bringen. „Es ging alles kaputt“, erzählt der Junge mit leiser Stimme. Fast 1300 der rund 12 500 Bewohner seiner damaligen Heimatstadt starben, Tausende Häuser wurden zerstört. Heute, acht Jahre nach diesem traumatischen Erlebnis, kann Koki Himura wieder lächeln. „Ich denke wir fühlen uns alle sicher, denn es gibt auch solche Übungen zum Weglaufen“, erzählt der Junge, während Dutzende von Bewohnern weiteren Läufern, die den Hügel zum Tempel hochrennen, zujubeln.

Es ist eine fröhliche Veranstaltung, die Tatsushi Shimomura organisiert hat. Im Hintergrund erklingen Flöten, dazu trommelt ein Jugendlicher eine traditionelle Taiko-Trommel. Junge Familien mit Babys sind genauso gekommen wie alte Menschen, sie alle fühlen sich wohl und sicher in ihrer Gemeinschaft. Genau das ist es, was das Leben in Japan so lebens- und liebenswert macht, sagt Shimomura: die Gemeinschaft, in der jeder für jeden da ist. Die Katastrophe von vor acht Jahren gerate zwar allmählich in Vergessenheit, erzählt Shimomura. „Aber das ist nicht unbedingt schlimm, die Menschen sollen ja auch weiterleben und nicht immer traurig sein“, sagt er.

Blick über zerstörte Häuser und den Hafen: Das Küstenstädtchen Kamaishi eine Woche nach der Katastrophe.

Aber es gebe inzwischen Kinder, die nach der Tsunami-Katastrophe auf die Welt gekommen sind. „Es wächst eine Generation heran, die das nicht miterlebt hat“, so Shimomura. Deshalb wollen er und seine Freunde unbedingt die Lehre weitergeben. Und damit möglichst viele Bewohner jedes Jahr daran teilnehmen, haben sie ihre Katastrophenschutzübung als fröhlichen Wettkampf gestaltet.

„Ich möchte, dass die Kinder lernen, dass Weglaufen das Wichtigste ist, wenn es zum Tsunami kommt“, erzählt Kazuya Sasaki, der Kinder im Baseball trainiert, darunter auch den kleinen Koki Himura. Er und all die anderen Teilnehmer des Laufes wissen: Irgendwann passiert es wieder. (dpa)

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