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Ein erbeuteter Minkwal wird im japanischen Kushiro verarbeitet.

Japan

Japan geht wieder auf Walfang: Tradition um jeden Preis

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Seit diesem Monat betreibt Japan wieder kommerziellen Walfang. Die ersten Fänge werden bald erwartet. Ob daraus ein florierendes Geschäft werden kann, ist ungewiss.

Es wurde auch Zeit“, sagt Konomu Kubo mit heiterer Stimme, „dass unsere Schiffe wieder in See stechen konnten. Wir haben so lange darauf gewartet.“ Zufrieden blickt der ältere Herr mit schmaler Brille in die Vitrine seines Besprechungszimmers im Tokioter Hafenviertel. Lauter Walfiguren stehen da, bemalte und unbemalte, große und kleine, abstrakte und detailgetreue. Dann schweift der Blick rüber zur Wand, die von Bildern dunkler Gewässer geschmückt ist, aus deren Tiefen die großen Meerestiere emporpusten. Und einen Moment später hält Konomu Kubo zwei kleine Konservendosen in seinen Händen: „Das hier ist gehacktes Walfleisch“, erklärt er. „Es ist wirklich lecker.“

Schon bald, hofft Kubo, sollen diese Produkte überall zu finden sein. Denn es dürfte nur noch einige Tage dauern, vielleicht bis zum Monatsende, bis die Schiffe seines und weiterer Betriebe wieder die japanischen Häfen erreichen. Konomu Kubo, der für das Walfangunternehmen Kyodo Senpaku arbeitet und auch als Sprecher des Branchenverbands fungiert, ist guter Dinge: „Wir könnten große Zeiten vor uns haben.“ Das Fleisch soll schließlich nicht nur an Nahrungsmittelunternehmen verkauft werden, die Dosenfutter herstellen. Auch Supermärkte, Restaurants und Schulkantinen sollen im großen Stil beliefert werden. „So wie es auch früher war.“

Seit Anfang Juli betreibt Japan wieder offiziell kommerziellen Walfang. Ende letzten Jahres trat Tokios Regierung aus der Internationalen Walfangkommission (IWC) aus, nachdem dort die Mehrheit der Staaten gegen Japans Antrag gestimmt hatte, das seit 1986 geltende Fangmoratorium zu beenden. Tokios Delegierte hatten argumentiert, dass das Verbot seine Notwendigkeit verloren hatte, weil Sorten wie Bryde- und Zwergwale mittlerweile nicht mehr vom Aussterben bedroht seien. So sei ein nachhaltiger Fang, den sich die IWC ohnehin zum Ziel gesetzt hatte, wieder möglich. Weil aber die meisten Mitgliedsländer dennoch am Fangverbot festhalten wollten, erkannte Japan wiederum nicht mehr die Notwendigkeit, sich noch an die Regeln der IWC zu binden.

International stieß der Schritt auf große Kritik. Denn auch wenn die japanische Argumentation ihre Logik hat, finden nicht nur Tier- und Umweltschützer die Wiederaufnahme des Walfangs bedauerlich. Auch Verfechter des Multilateralismus, also der Idee international geltender Regeln für alle Staaten der Welt, sind alarmiert. Denn in Zeiten von Trump und Brexit hat sich Japan eigentlich gemeinsam mit Europa als Verfechter solch staatenübergreifender Regelwerke profiliert. Doch durch Japans Alleingang beim Walfang ist auch der Multilateralismus wieder ein Stück geschwächt worden.

Nun laufen in Tokio die Telefone heiß. Konomu Kubo und seine Kollegen führen Gespräche mit potenziellen Abnehmern, die Walerzeugnisse kaufen könnten. Es geht um das Öl des Tieres, auch die Knochen, vor allem aber das Fleisch. Zugleich weiß man in der Branche, dass man große Herausforderungen vor sich hat. „Ein effizientes Handeln müssen wir erst wieder lernen“, sagt der Branchenvertreter Kubo. „Wir waren ja drei Jahrzehnte aus dem Geschäft.“ Einige Jahre werde es wohl brauchen, bis man die klügsten Fangtechniken und wirksamsten Marketingstrategien gefunden habe. Am Ende aber sollen die Preise fallen und die Qualität steigen. „Wal ist etwas Exquisites“, sagt Kubo in seinem Besprechungszimmer und schielt wieder zur Vitrine. „Das müssen wir den Leuten nur verständlich machen.“

Es dürfte ein hartes Stück Arbeit werden. Der Konsum des Walfleischs zeigte über die Jahrzehnte nur in eine Richtung: nach unten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Armut weit verbreitet war, diente Wal als billige Proteinquelle in Schulen und Restaurants. In den 1960er Jahren erreichte der Verzehr mit rund 200 000 Tonnen pro Jahr seinen Höchstwert, damals machte Wal sogar knapp die Hälfte des gesamten Fleischkonsums im Land aus. Wal war so beliebt, dass sogar ein Baseballspitzenteam namens Yokohama Whales für die Industrie warb.

Nur zeigte die nachfolgende Generation kaum noch Interesse. Mit zunehmendem Wohlstand und Einfluss aus dem Ausland aß man lieber Rindersteaks oder Hamburger. Und so fiel allmählich die Nachfrage nach Wal. Heute werden in Japan pro Jahr noch rund 5000 Tonnen Wal verzehrt, selbst das Nischenprodukt Pferd wird häufiger gegessen. Die meisten jungen Japaner von heute haben Walfleisch noch nicht einmal probiert. Sie verbinden es eben mit den Zeiten der Armut, die ihre Eltern oder Großeltern noch erleben mussten und von denen sie verschont geblieben sind.

Das Bild zeigt sich auch sieben Kilometer weiter nördlich vom Hafenviertel. Im Hogeisan, einem der bekanntesten Walrestaurants von Tokios Altstadt Asakusa, drängeln sich die Gäste. Der kleine Laden wird seit Jahrzehnten gut besucht, die Wände sind vollgekritzelt mit Botschaften von Besuchern, die mit Lobeshymnen das Essen des Hauses beschreiben. „Saiko“, steht da, was sich mit „das Beste“ übersetzt, oder „oishii“: köstlich. Auf der Karte wird Wal in rohen Scheibchen als „sashimi“ angeboten, in frittierten Stückchen als „karaage“, als Eintopf mit Gemüse oder in diversen weiteren Zubereitungsformen. Allerdings fällt auch auf: die zufriedenen Besucher hier sind vor allem höheren Alters. Die einzigen Kinder in dem engen Lokal scheinen mit ihren Eltern hergekommen zu sein.

„Meine Generation ist mit Walfleisch aufgewachsen“, wird Michio Kono, der Besitzer des Restaurants, später mit heiserer Stimme durchs Telefon rufen. Kono ist 73, er gehört zur Nachkriegsgeneration. „Wir wollen jetzt versuchen, dass wir auch die jungen Leute dafür begeistern. Aber das wird schon!“ Der Geschmack von Walfleisch lasse sich wie eine Art Wild aus dem Wasser beschreiben, habe zugleich Ähnlichkeiten mit Meeresfrüchten. „Walfleisch ist in Wahrheit was ganz Edles!“, beteuert der alte Mann. Seit einem halben Jahrhundert führt Kono das Hogeisan. Die Kundschaft, das weiß er selbst, ist über die Jahre mit dem Laden mitgealtert. Dass sich junge Menschen kaum für das Fleisch interessieren, sei aber vor allem dem jahrzehntelangen Walfangmoratorium geschuldet. „Es ist ein Thema der Werbung!“

Dabei war das Fleisch in Japan immer erhältlich – trotz Moratorium. Als das Land in den 1980er Jahren der IWC beitrat, wurde auch beschlossen, dass man zum Schutz des kulturellen Erbes ein wissenschaftliches Programm zur Erforschung der Wale aufnehmen sollte. So stachen weiterhin jedes Jahr Schiffe ins Meer, die offiziell Wissenschaft betrieben, zugleich aber mit Fängen an die Küste zurückkehrten, deren Fleisch, wenn auch zu erhöhten Preisen, auf den Tellern von Restaurants endete. Doch als im Jahr 2014 der Internationale Gerichtshof in Den Haag diese Praxis für illegal erklärte, hatte es die japanische Regierung plötzlich besonders eilig, das Walfangmoratorium entweder aufzuheben oder aus der Organisation auszusteigen. Letzteres ist nun eingetreten.

Nur stehen die Walfänger mit ihrer neuen Freiheit auch vor neuen Fragezeichen. Betrachtet man die Fangpraxis der vergangenen Jahrzehnte als Wirtschaftsbranche, so ist sie schon lange defizitär. Im Jahr 2013 dokumentierte die NGO International Fund for Animal Welfare auf der Basis japanischer Regierungsdaten, wie über die Zeit die Subventionen für den Walfang stiegen, während die Nachfrage am Markt fiel. Trotz nachlassender Fangvolumen nahmen sogar die Fleischvorräte zu. Allein im vergangenen Jahr lagen die Verluste bei mehr als zehn Millionen Euro.

Und nun, da der Walfang auch offiziell keine Forschung mehr ist, sondern ein Geschäft, muss man sich darauf einstellen, bald ohne staatliche Zuschüsse zu überleben. Die Subventionen galten offiziell immer nur wissenschaftlichen Zwecken und werden daher auslaufen. Doch können die noch verbleibenden Fangbetriebe wirklich überleben, wenn sie ein Produkt am freien Markt anbieten müssen, dem die Menschen immer weniger Interesse entgegenbringen?

Konomu Kubo und seine Kollegen im Hafenviertel stellen sich diese Frage seit Ende des vergangenen Jahres, als Japan der IWC den Rücken kehrte. „Wir haben zum Glück erstmal noch drei Jahre Zeit. Solange wird uns der Staat noch weiterhin unterstützten“, sagt er und blickt zu den Konservendosen mit Walhack, die er auf dem Tisch vor sich drapiert hat. „Wir brauchen jetzt eine gute Marketingstrategie. Wir müssen erklären, dass Walfleisch in Japan ein kulturelles Erbe hat mit jahrhundertelanger Geschichte. Auch weil es sehr gesund ist.“

Der nationale Fangverband, der über die letzten drei Jahrzehnte auch die jagenden Forschungsexpeditionen durchführte, hat Anfang des Monats Flugblätter und Gratisausgaben des Branchenmagazins verteilt. In Zeitungen und anderswo werden nun Anzeigen geschaltet. Und auf sozialen Medien sollen Fotos der Fangexpeditionen für Aufmerksamkeit sorgen. Bisher aber, kurze Zeit bevor die ersten kommerziell gefangenen Wale an Japans Küste gelangen sollen, lässt die Vorfreude der Japaner auf sich warten. Weder haben Supermärkte große Walfleischkampagnen angekündigt, noch ist von vielen Schulen bekannt, dass es in ihren Kantinen bald wieder das Meerestier zu Mittag geben wird.

„Wir haben noch einen weiten Weg vor uns“, sagt Konomu Kubo, kurz bevor er sich aufmacht in eine Besprechung. Es ist ein Weg, von dem selbst die optimistischsten Walfänger nicht wissen, ob er der Anfang eines neuen Aufschwungs bedeutet oder aber das Ende einer ohnehin sterbenden Tradition. In der freien Wirtschaft würde man sagen: So ist das Geschäft.

Walfang in Japan

Zwischen Juli und Dezember sollen laut dem Fischereiministerium in Tokio 150 Brydewale, 52 Zwergwale und 25 Seiwale gefangen werden. Auf das Jahr gerechnet bedeutet das gegenüber 2018 zunächst einen Rückgang. Das Ministerium begründet dies allerdings nicht damit, dass die Nachfrage zu gering sei, um mehr Fleisch abzusetzen. Man wolle sich, trotz allem, an die Richtwerte der IWC halten, was ein langfristig nachhaltiges Fangvolumen angeht. Das Problem für die Fangbranche ist jedoch: Mit derart geringen Fangzahlen wird das Geschäft so schnell nicht profitabel.

Ein weiterer Quell der Unsicherheit für die Walfänger ist die rechtliche Grundlage. Mit dem Austritt aus der Walfangkommission hat Japan dort nun Beobachterstatus. Die Regierung in Tokio sieht damit zwar ihre Verpflichtung gegenüber dem UN-Seerechtsabkommen von 1982 erfüllt, dem Japan weiterhin angehört und in dem es heißt: „Die Staaten arbeiten zusammen, um die Meeressäugetiere zu erhalten; sie setzen sich im Rahmen der geeigneten internationalen Organisationen insbesondere für die Erhaltung, Bewirtschaftung und Erforschung der Wale ein.“

Laut Atsushi Ishii aber, Professor an der Universität Tohoku in Sendai und Experte für Walfang und internationale Verträge, steht Japans Beobachterstatus gepaart mit einer Wiederaufnahme des kommerziellen

Walfangs im Widerspruch zum UN-Seerechtsabkommen. Schließlich hat sich Japan mit der Motivation aus der IWC verabschiedet, sich nicht mehr an deren Beschränkungen orientieren zu müssen. Käme es zu einer Klage vor dem internationalen Seegerichtshof in Hamburg, vermutet Ishii, hätte Japan in Schwierigkeiten, seine Praxis erfolgreich zu verteidigen

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