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Niedrige Corona-Fallzahlen in Japan: Das Geheimnis ist der Gruppenzwang

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Von: Ares Abasi

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In Japan gibt es keine Lockdowns oder Maskenpflichten.
In Japan gibt es keine Lockdowns oder Maskenpflichten.  © Behrouz Mehri/afp

In Japan gibt es keine Lockdowns oder Maskenpflichten. Doch die Menschen tragen trotzdem Masken und halten Abstände ein. Das Ergebnis: Kaum Corona-Fälle.

Tokio – Japans Corona-Todesrate ist die niedrigste unter den wohlhabenden Nationen. Die Todeszahlen sind zwölfmal geringer als in den Vereinigten Staaten, das berichtet die Nachrichtenseite The Indian Express. Mit der drittgrößten Volkswirtschaft und der weltweit elftgrößten Bevölkerungsdichte steht Japan auch bei den Impfungen an der Spitze der Weltrangliste und hat seit jeher weltweit eine der niedrigsten Infektionsraten.

Um zu verstehen, warum Japan bei der Eindämmung der Corona-Pandemie besser abschneidet als die meisten anderen Länder, sollte man sich Mika Yanagihara anschauen, eine Bewohnerin Tokios, die im Zentrum Blumen einkaufen ging. Selbst bei Temperaturen von über 32 Grad Celsius trug sie beim Spazieren ihre Maske, so The Indian Express. „Die Leute werden dich anstarren“, erklärte die 33-jährige. Deshalb traue sie sich nicht, ihre Maske abzunehmen. „Da ist dieser Druck.“

Corona-Virus in Japan: Keine Maskenpflicht, doch gesellschaftlicher Druck

Obwohl keine Regierungsbehörde jemals Masken oder Impfungen vorgeschrieben, Lockdowns oder Massenüberwachungen eingeführt hat, sind die Einwohner:innen Japans den schlimmsten Auswirkungen des Virus weitgehend entgangen. Stattdessen ließ Japan in vielerlei Hinsicht den Gruppendruck einen Großteil der Arbeit erledigen.

Selbst jetzt, da die durchschnittlichen täglichen Fälle auf nur 12 pro 100.000 Einwohner gesunken sind, ergab eine Regierungsumfrage im Mai, dass fast 80 Prozent der Menschen, die in Büros arbeiten oder zur Schule gehen, Masken tragen und etwa 90 Prozent dies tun, wenn sie öffentliche Verkehrsmittel nutzen. In Kinos, Sportstadien und Einkaufszentren werden die Besuchenden weiterhin aufgefordert, Masken zu tragen, und in den meisten Fällen kommen sie dem auch nach. Der Begriff „Gesichtshose“ ist zu einem Modewort geworden, das besagt, dass das Ablegen einer Maske genauso peinlich wäre wie das Ausziehen der Unterwäsche in der Öffentlichkeit.

Corona-Virus: In Japan gibt es kaum noch Ansteckungen

Zweifellos haben viele Faktoren zu Japans niedriger Corona-Rate beigetragen, darunter ein verstaatlichtes Gesundheitssystem und strenge Grenzkontrollen, die die in vielen anderen Ländern überdauert haben. Aber auch die gesellschaftliche Konformität - und die Angst vor öffentlicher Scham, die von klein auf vermittelt wird - hat nach Ansicht von Fachleuten entscheidend zum Erfolg Japans bei der Corona-Prävention beigetragen. Anders als in vielen anderen Ländern erlaubt es das japanische Recht der Regierung nicht, Lockdowns oder Impfungen anzuordnen. Die Mehrheit der Bevölkerung folgte den Ratschlägen wissenschaftlicher Fachleute, die dazu rieten, Masken zu tragen und Situationen zu vermeiden, in denen man sich in geschlossenen, nicht belüfteten Räumen mit großen Menschenmengen aufhält, so The Indian Express.

Nach einem langsamen Start befolgten die meisten Menschen die Ratschläge zur Impfung, in dem Moment, als Japan die Verteilung der Impfstoffe hochgefahren hatte. Sogar ohne Vorschrift haben fast 90 Prozent aller Menschen über 65, der am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppe, Auffrischungsimpfungen erhalten.

Corona-Virus in Japan: Pragmatismus über Politik

In Japan gilt: „Wenn man den Leuten sagt, sie sollen richtig aussehen, dann sehen sie auch richtig aus“, so Kazunari Onishi, Professor für öffentliche Gesundheit an der St. Luke‘s International University in Tokio. „Im Allgemeinen denke ich, dass es schlecht ist, sich von anderen beeinflussen zu lassen und nicht selbst zu denken“, so Onishi weiter. Aber während der Pandemie, so Onishi, „war es eine gute Sache“.

Obwohl das Vertrauen in die Regierung während der Pandemie gesunken ist, hat die Öffentlichkeit in einem Land, in dem seit 1955 mit Ausnahme von vier Jahren immer dieselbe Partei regiert hat, beim Vorgehen gegen Corona Pragmatismus über Politik gestellt. Oft kontrollierten sich die Menschen gegenseitig oder sie kontrollierten Geschäfte, die gegen die Aufforderung der Stadtverwaltung verstießen, früher zu schließen oder keinen Alkohol mehr auszuschenken.

Corona-Virus in Japan: Anwohner übernehmen Rolle der Polizisten

„Wir bekamen so viele Meldungen über geöffnete Geschäfte, dass wir anfingen, über die ‚Selbstbeschränkungspolizei‘ zu scherzen“, sagte Yuko Hirai, die in der Abteilung für Notfallmaßnahmen in Osaka, der drittgrößten Präfektur Japans, arbeitet. „Die Menschen waren sich definitiv bewusst, dass die Gesellschaft auf sie achtet.“ Die Praxis, sich an Gleichaltrige zu halten, werde den Schulkindern eingetrichtert, die in den meisten öffentlichen Schulen Uniformen tragen und dazu angehalten werden, den institutionellen Erwartungen zu folgen.

„Allein die Tatsache, dass sie aus der Gruppe ausgeschlossen werden, ist für japanische Kinder eine große Sache“, sagt Naomi Aoki, Professorin für öffentliches Management an der Universität Tokio. „Sie wollen immer zu einer sozialen Gruppe gehören und sich nicht isoliert fühlen. Den Kindern wird beigebracht, zum Wohle der Gemeinschaft zu handeln. Die Schüler reinigen die Böden in den Klassenzimmern und das Schulgelände und wechseln sich bei der Essensausgabe in den Cafeterien ab, so The Indian Express.

Corona-Virus Japan: Kultur der Selbstbeschränkung

Die japanische Kultur beruht auch auf einer Ethik der öffentlichen Selbstbeschränkung, die in Gruppenaktionen umgesetzt werden kann. Als Kaiser Hirohito 1988 im Sterben lag, verschoben Popsänger ihre Hochzeiten und Schulen sagten Feste ab. Nachdem die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 zu ernsthaften Stromengpässen geführt hatte, schränkte die Öffentlichkeit ihren Stromverbrauch freiwillig ein. (Angesichts des Temperaturanstiegs in Tokio in der vergangenen Woche werden die Einwohner erneut dazu aufgefordert.)

Während der Pandemie nutzte die Politik „diese kollektive Idee der Selbstbeschränkung zum Wohle der Allgemeinheit“, so James Wright, Anthropologe am Alan Turing Institute in London, der die Reaktion Japans auf das Coronavirus untersucht hat. (Ares Abasi)

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